Hiroshima und Nagasaki: Zwischen den Jahrestagen

Wolfgang Schlupp-Hauck bloggt aus Hiroshima

hiroshimaAm Abend des 6. August war ich noch unterwegs zur Laternenzeremonie. Auf dem Weg zum Friedenspark stieß ich an einer Ecke auf eine Gruppe Menschen in deren Mitte zwei Buddistische Priester beteten. Ich blieb stehen und hörte den Rezitationen und den Klängen des angeschlagenen Gongs zu.

Dann ging ich weiter. Bei einem Friedensdenkmal beim stand ebefalls eine Menschenmenge die betet. Ich ging weiter zum Atomdom. Dort waren Massen von Menschen und drängten sich auf den Wegen und der Brücke. Erleuchte Kraniche waren im Wasser installiert, zwischen denen die Laternen schwammen.hiroshima2

Hier empfand ich die Stimmung ein wenig wie bei einem Lichterfest. Ich ging weiter zum Centograph. Dort wird eine Liste aufbewahrt mit allen Atombombenopfern, die auch noch heute erweitert und fortgeführt wird. Eine Schlange von über hundert Menschen stand davor, um Blumen niederzulegen oder ein Fürbittgebet zu verbrennen.

hiroshima3Auf meinem Rückweg passierte ich die Stelle an der die Laternen nach der buddistischen Zeremonie ins Wasser gesetzt wurden. Sie hatten sich langsam vom Ufer gelöst und trieben nun mit dem Fluß davon. Ein Stand, an dem man einen Lampion beschriften kontte war imm noch besetzt. Ich beschriftete ein Papier. Einer der Prieter begeleitete mich über die Straße. Aum Fluß wartete ein Mann, der den Lampion in das Wasser setze. Und so trieben meine Friedenswünsche ebenfalls den Fluß hinab.

wsh_hiroshimaAm Nachmittag des 6. Augustes hatte ich auch zusammen mit dem Bürgermeister von Hannover ein Gespräch mit Hiroshimas Bürgermeister Matsui. Es ging um die Zusammenarbeit im Rahmen von Mayors for Peace. Hiroshima trat an Hannover mit der Bitte heran, als Leadcity eine führende Rolle bei Mayors for Peace zu übernehmen. Gemeinsam mit Bürbermeister Schostok stellte ich das Kunstprojket „50 Städte – 50 Spuren“ von Klaudia Dietewich  vor.  In beiden Angelegenheiten wurden noch keine abschließenden Entscheidungen getroffen. Bürgermeister Schostok bekräftigte das Engagement Hannovers fortzuführen und Bürgermeister Matsui kündigte an, das Kunstprojket auf der nächsten Sitzung des Exekutivausschuses der Mayors for Peace zu besprechen, zu dem ich eingeladen werde.

Mit dem Bus ging es am 7. August nach Nagasaki. Dort wird die Konferenz von Gensuikyo fortgesetzt. Sie begann mit einem mit kulturellen Beiträgen gestalteteten  Auftakt:

chor_hiroshima15Die Aktivitäten eines  Friedensmarsches wurden vorgestellt. Ein Chor, das aus Hibakushas besteht, schilderte in Liedern die Erlebnisse und Leiden der Überlebenden.

Nach der Veranstaltung wurde ich von meinem Gastgeber abgeholt und in seinem traditionell japanischen Holzhaus freundlich empfangen.

Wolfgang Schlupp-Hauck, Pressehütte Mutlangen, ist Sprecher des Trägerkreises „Atomwaffen abschaffen – bei uns anfangen“

Wolfgang bloggt seit 28. Juli über seinen Besuch in Japan hier: http://fastenkampagne.global-zero-now.de/, Pfarrer Matthias Engelke bloggt auch über die Fastenaktion in Büchel.

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Grußbotschaft von Nihon Hidankyo

bunte Kraniche

Liebe deutsche Freunde und Freundinnen,

wir senden Euch herzliche Solidaritätsgrüße. Während des Wettrüstens zwischen den USA und der Sowjetunion nach dem Ende des 2. Weltkriegs haben wir Menschen auf dieser Erde fast ein halbes Jahrhundert lang in Furcht unter einem Damoklesschwert gelebt. Der Kalte Krieg ist beendet, aber begehen wir den 70. Jahrestag der Beendigung des 2. Weltkriegs nicht mit dem Gefühl eines wachsenden Handlungsdrucks wegen der Gefahr, die von Atomwaffen ausgeht?

Auf diesem Planeten gibt es immer noch ungefähr 16.000 Atomsprengköpfe, genug, um die gesamte Menschheit und die Erde mehrfach zu vernichten. Viele von ihnen befinden sich in unmittelbarer Abschussbereitschaft.

Am 6. und 9. August 1945 wurden die Städte Hiroshima und Nagasaki jeweils durch eine einzige Bombe völlig zerstört. Bis Ende 1945 belief sich die Zahl der Toten in Hiroshima auf 140.000 und in Nagasaki auf 73.000 Menschen. Sie starben einen grausamen Tod. Diejenigen, die dem unmittelbaren Sterben entgingen, mussten später für den Rest ihres Lebens an Krankheiten und Ängsten leiden, die aus den Folgeschäden der radioaktiven Strahlung resultieren. Hunderttausende litten so oder leiden noch heute.

Die internationalen Konferenzen von Oslo in 2013 sowie von Nayarit und Wien in 2014 haben die grausamen und schwerwiegenden humanitären Folgen eines Atomwaffeneinsatzes erneut offen gelegt.

Seit mehr als 60 Jahren – seit Beendigung der Besetzung Japans durch die Alliierten – haben wir Hibakusha auf die Tatsache aufmerksam gemacht, dass Atombomben bereits eingesetzt worden sind und dass die Gefahr eines weiteren Einsatzes real und nicht eine Sache der Vergangenheit ist. Viele Hibakusha, die vor den Atomwaffen gewarnt haben, sind inzwischen tot, die übrigen altern. Die Zahl derer, die noch Zeugnis aus eigener Erfahrung ablegen können, nimmt rapide ab.

Wir Hibakusha appellieren an Euch: Wir müssen uns beeilen. Wir müssen alle Atomwaffen von unserer Erde hinwegfegen. Lasst uns zusammenarbeiten, damit wir dieses Ziel erreichen.

Keine weiteren Hiroshimas!
Keine weiteren Nagasakis!
Keine weiteren Hibakushas!
Keinen weiteren Krieg!

Für die Japanische Vereinigung der Überlebenden der Atom- und Wasserstoffbomben (Nihon Hidankyo)

Terumi Tanaka (Generalsekretär)

Übersetzung Guido Grünewald (DFG-VK)

Vielfältige Veranstaltungen und Aktionen zum Hiroshimatag 2014

Foto: Xanthe Hall / IPPNW

Am Mittwoch, den 6. August, fand, 69 Jahre nach den verheerenden Atombombenangriffen auf Hiroshima und Nagasaki, der Hiroshimatag 2014 mit bundesweit mehr als 60 Veranstaltungen statt. Dabei gab es Veranstaltungen unterschiedlichster Art; so wurde den Opfern von Hiroshima und Nagasaki in Neustadt mit der andächtigen „Nacht der 100.000 Kerzen“ gedacht. Am Fliegerhorst Büchel (Eifel) fand hingegen ein mehrtägiges Protestcamp zur Blockade des dortigen Atomwaffenlagers, wo immer noch 20 US-Atomwaffen stationiert sind, statt.

Auch in Bonn fand, wie jedes Jahr seit 1984, eine Gedenkveranstaltung am Beueler Rheinufer statt, an der mehr als 70 BonnerInnen teilnahmen. Robert Nicoll von der Friedensinitiative Beuel hob hervor, dass im Krieg immer die Zivilbevölkerung leidet. So waren die Opfer von Hiroshima und Nagasaki größtenteils Zivilisten. Mit Reinhard Limbach (CDU) nahm auch der erste Bürgermeister der Stadt Bonn teil. Er wies darauf hin, dass Bonn seit 2005 Mitglied des Bündnisses „Mayors for Peace“ ist. Die 1982 vom damaligen Bürgermeister von Hiroshima, Takeshi Araki, gegründete Initiative setzt sich für die Abschaffung aller Nuklearwaffen bis zum Jahr 2020 ein.

Doch dieses Ziel scheint zur Zeit in weiter Ferne. Weltweit existieren immer noch mehr als 20.000 atomare Sprengköpfe. Trotz gegenteiliger Absichtsbekundungen der Bundesregierung sollen die in Büchel stationierten Atomwaffen weiterhin dort verbleiben und 2017 sogar modernisiert werden. Umso wichtiger sind Veranstaltungen wie der Hiroshimatag, die die Aufmerksamkeit auf die Zerstörungsgewalt von Nuklearwaffen lenken. „Atomwaffen sind kein alter Hut. Sie sind eine Bedrohung für die Menschheit wie eh und je. Der Konflikt in der Ukraine, bei dem sich Russland und NATO scheinbar wie zu Zeiten des Kalten Krieges gegenüberstehen, gibt Anlass zu großer Sorge. Gleichzeitig werden Modernisierungspläne für Atomwaffen und Trägersysteme, sowie der Raketenabwehrschirm weiter vorangetrieben. All dies erhöht das Risiko eines Einsatzes oder eines Unfalls“, so Philipp Ingenleuf vom Netzwerk Friedenskooperative und der Kampagne atomwaffenfrei.jetzt.

Der Friedensbeauftragte der EKD, Renke Brahms, fordert ebenfalls die Ächtung der Atomwaffen. „Die Opfer der beiden Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki müssen uns immer eine Mahnung sein, damit solch schreckliche Waffen geächtet werden“, so Brahms. Die noch heute spürbaren Folgen der Angriffe zeigen, wie wichtig ein Eintreten für die Ziele von atomwaffenfrei.jetzt ist. Es darf keine Modernisierung der existierenden Atomwaffen geben, die in Büchel stationierten Atomsprengköpfe müssen abgezogen werden und schlussendlich müssen alle Atomwaffen weltweit verboten und zerstört werden.

Eine Übersicht über alle Veranstaltungen zum Hiroshimatag findet sich hier

 

 

Fotos vom Hiroshimatag in Bonn:

Created with flickr slideshow.

Nils Biermann ist derzeit Praktikant beim Netzwerk Friedenskooperative in Bonn und hat u.a. die Termindatenbank des Netzwerks zum Hiroshimatag betreut und gepflegt. Er studiert English Studies sowie Politik und Gesellschaft an der Universität Bonn.

Wir sind viele und wir schaffen das!

ICAN Civil Society Forum zur Abschaffung der Atomwaffen in Oslo, Tag 2

Sonntagmorgen um zehn Uhr im großen Saal des norwegischen Studentenwerks in Oslo: Draußen scheint in warmen Strahlen die Frühlingssonne, drinnen suchen sich die TeilnehmerInnen aus aller Welt langsam ihre Plätze. Der zweite Tag des Civil Society Forums beginnt. Zwei Mädchen vom Helferteam stimmen ein fröhliches Aufwachlied an. Und die TeilnehmerInnen singen mit, auch wenn die wenigsten den norwegischen Text verstehen dürften. Die Stimmung ist gelöst – auch die Nuclear Party von gestern Abend hat wohl ihren Teil dazu beigetragen. Die Gruppe hat sich gut zusammengefunden, alle tauschen sich fleißig miteinander aus – und das über alle Generationen hinweg. Zuversicht liegt in der Luft. Am heutigen Tag geht es viel um die Dynamik der Bewegung: Was ist das Ziel und welcher Weg führt dorthin? Wie sieht erfolgreiches Campaigning aus? Hierzu berichten unter anderem zwei MitarbeiterInnen der Kampagne „Obama for America“ von ihren Erfahrungen im individualisierten Adressieren ihrer UnterstützerInnen und der Nutzung der neuen Medien. Sich mit anderen Kampagnen zu vernetzen, aus vergangenen Aktionen zu lernen – das ist oftmals Thema in diesen Tagen. So hören wir von den Kampagnen „arms control“ und der Koalition für einen internationalen Strafgerichtshof. Auch ICAN-CampaignerInnen verschiedener Länder tragen ihre persönlichen Erfahrungen und Tipps zusammen. Eine junge Frau erzählt von den Straßenaktionen ihrer schwedischen Gruppe: Ihr Angebot, sich kostenlos den Blutdruck messen zu lassen, lockte viele Passanten an. Die Verbindung zwischen der Prävention von „heart attacks“ und „nuclear attacks“ war schnell hergestellt und bot genügend Gesprächsstoff. Auch Jacob Romer als Vertreter der deutschen ICAN-Kampagne gibt gute Anregungen und hat die Lacher auf seiner Seite. Er empfiehlt, was hier schon stattfindet: Sich gegenseitig auszuhelfen, zu vernetzen und auch Freunde für die Mitarbeit zu begeistern.

Am Abend finden sich alle in der Stadthalle ein, in der auch alljährlich der Nobelpreis verliehen wird. Das Gebäude wirkt von außen fast erschlagend: Ein riesiger Backsteinkasten – innen geschmückt mit bunten Wandmalereien. Wir sitzen in der Mitte des Saales, während sich um uns herum das Spektakel entfaltet: Experimenteller Ausdruckstanz und Musiker aus vier verschiedenen Ecken der Welt, begleitet von einem Chor norwegischer Sänger. Zwei Akkordeonisten, die mit dem Echo spielen und die japanische Sängerin Sizzle Othaka, die mit ihrer Stimme das gesamte Publikum in ihren Bann zieht. Die Erstaufführung der Komposition „Will this moment ever let go“ von Magnus Åm basiert auf dem PicaDon, einem animierten Dokumentarfilm über die Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki und ist ein voller Erfolg. Wie auch dieses Wochenende. Bei der Heimfahrt verbindet uns alle ein Gedanke: Wir sind Teil eines weltweiten Netzwerkes und gemeinsam stark! Es wird nicht einfach sein, aber es ist möglich und dringend notwendig. Lasst uns Atomwaffen abschaffen!

Judith Achenbach, IPPNW StudierendensprecherinJudith Achenbach ist Medizinstudentin und Studierendensprecherin der IPPNW Deutschland.

Abrüstungshelden aus aller Welt

Auf dem ICAN Civil Society Forum in Oslo: Dr. Lars Pohlmeier, IPPNW (rechts) und Commander Robert Green (links). Sein Auftrag war, eine Atombombe auf Leningrad abzuwerfen. Heute ist er einer der schärfsten Kritiker der nuklearen Abschreckungstheorien.

Foto: Auf dem ICAN Civil Society Forum in Oslo: Dr. Lars Pohlmeier, IPPNW (rechts) und Commander Robert Green (links). Sein Auftrag war, eine Atombombe auf Leningrad abzuwerfen. Heute ist er einer der schärfsten Kritiker der nuklearen Abschreckungstheorien.

„Hero“, Helden – mit diesem Song einer afrikanischen Sängerin beginnt das ICAN-Civil Society Forum zur Abschaffung der Atomwaffen in Oslo. ICAN, die internationale Kampagne, hat viele Interessierte nach Oslo gezogen. Rund 500 dieser Abrüstungs-Helden, darunter viele junge Leute, haben sich angemeldet, aus allen Kontinenten kommen sie in den hohen europäischen Norden.

Anlass war die Einladung der norwegischen Regierung zu einer Konferenz zu den humanitären Folgen von Atomwaffeneinsätzen. Und es ist richtig, dass mit der großen NGO-Konferenz das Netzwerk der Nichtregierungs-Organisationen einmal mehr klar gemacht wird: Die Abschaffung der Atomwaffen ist ein Anliegen der Bürgergesellschaft, nicht allein der Regierungen.

Rebecca Johnson, die stellvertretende Vorsitzende der ICAN, fordert in Oslo ein Umdenken, um den BIG PUSH zu erzwingen, um die Regierungen der Welt endlich dazu zu bewegen, ihren bislang hohlen Abrüstungs-Erklärungen endlich Taten folgen zu lassen. Wie ernst die Atomwaffenstaaten, insbesondere die NATO-Staaten, ihre Verpflichtungen nehmen, auch das macht die sehr lobenswerte Initiative der norwegischen Regierung deutlich: 132 Staaten nehmen teil. Aber wie steht es mit Frankreich? England? USA? Teilnahme abgesagt!

Überrascht bin ich darüber nicht, und deshalb auch nicht enttäuscht, ganz im Gegenteil. Die (junge) Friedensbewegung lebt. So ist es auch nicht schlimm, dass ich mit meiner Erkältung nicht gut reden kann. ICAN hat zahllose bunte Stimmen. Hier kann meine Stimme gut mal eine Pause machen.

Neben dem eindrucksvollen Hauptprogramm mit Vertretern aus Religion, Politik, Atomtestopfern und NGO-Vertreterinnen und Vertretern gibt es ausführlich Zeit für Gespräche. Inhaltlich tatsächlich neu für mich ist die Ausführung von Ward Wilson vom Moneterey Institute of International Studies (aktuelles Buch: „5 Myths about Nuclear Weapons“, 2013), die Aufklärung, dass nicht die Atombombe zu Japans Kapitulation im Zweiten Weltkrieg geführt hat, sondern die Ankündigung Stalins, in Japan einzumarschieren.

„Wir haben die Nase voll, im Zeitalter des Atomterrorismus zu leben“, so bringt – bei allen Unterschieden der Anwesenden – Rebecca Johnson das gemeinsame Gefühl hier auf den Punkt.

Dr. med. Lars Pohlmeier (IPPNW)

Zeit, Geschichte zu machen

Oslo ICAN Civil Society Forum on humanitarian consequences of nuclear weapons

Die neueste Abkürzung der Abrüstungsbewegung ist CHC. Das steht für „Catastrophic Humanitarian Consequences“ (katastrophale humanitäre Folgen) und ist die Kernbotschaft, die die „Internationale Kampagne zur Ächtung der Atomwaffen (ICAN)“ in der Öffentlichkeit und bei den Regierungen der Welt mit dem Thema Atomwaffen verknüpfen will. Soweit erfolgreich.

Seit ICAN mit dieser Strategie der Neuausrichtung der Debatte über Atomwaffen begonnen hat, um sie von der stagnierenden Sicherheitsdebatte in die gleiche Arena wie andere geächtete Waffen zu bringen, hat es eine Menge Bewegung in den Köpfen der Verhandelnden gegeben.

Auf der Vorbereitungskonferenz zur Nichtverbreitungskonferenz (NPT) letzten Mai (2012) in Wien hat eine Gruppe von 16 Staaten eine Erklärung zu den humanitären Folgen von Atomwaffen abgegeben. Zum Treffen des Ersten Ausschusses der Generalversammlung der UN im September 2012 hatte sich die Zahl schon mehr als verdoppelt auf 34 Unterzeichner. Und kommende Woche (vom 4. – 5. März 2013) lädt die norwegische Regierung zu einer Konferenz über die humanitären Folgen von Atomwaffen ein, zu der bereits rund 130 Staaten ihre Teilnahme zugesagt haben.

Viele Aktive der Abrüstungsbewegung haben gefragt: warum noch einmal den Fokus auf die Folgen legen? Das haben wir doch in den 1980ern schon getan. Wir wissen, was Atomwaffen anrichten – deshalb wollen wir sie ja loswerden! Aber Umfragen zeigen, dass heutzutage viele Menschen sich entweder nicht darüber bewusst sind, oder sich einfach nicht damit beschäftigen, was Atomwaffen ausrichten und anrichten können.

Das Thema ist vom „Radarschirm“ verschwunden, der voll von anderen Problemen ist: Klimawandel, Finanzkrise, Menschrechtsverletzungen etc. Ein ähnliches Problem hatten wir in den 1980ern mit Landminen – ein vollständig ausgeblendetes Bewusstsein für ihre fatalen Folgen – aber als diese in den Mittelpunkt der Debatte gerückt wurde, wurde es wieder möglich, die Staaten an den Verhandlungstisch zu bekommen.

Atomwaffen wurden natürlich nicht in gleichem Ausmaß eingesetzt wie Landminen, aber wir wissen genug über ihre potenziellen Effekte durch die relativ „kleinen“ Atomwaffen, die auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden. Und im Gegensatz zu Landminen würde schon eine einzige Atombombe unaussprechliches Leid über Huntertausende Menschen bringen, bereits ein „begrenzter“ nuklearer Schlagabtausch Millionen Menschen auslöschen und ein fürchterliches Umweltdesaster anrichten. Die wissenschaftlichen Belege hierfür werden den Staaten auf der Oslo-Konferenz präsentiert.

Ein totaler Atomkrieg zwischen den USA und Russland mag heute unwahrscheinlich geworden sein, aber möglich ist er dennoch. Rund 2000 Interkontinentalraketen sind noch immer in höchster Alarmbereitschaft und die Gefahr eines durch menschliches oder technisches Versagen unabsichtlich ausgelösten Atomkrieges besteht nach wie vor. Die Folgen eines solchen nuklearen Schlagabtausches sind so wahnsinnig, dass niemand über sie sprechen möchte. Sie ließen den Klimawandel aussehen wie eine sprichwörtliche Teeparty.

Aber warum das Ganze jetzt auf den Tisch bringen, wo doch Obama schon über weitere Reduzierung der Nukleararsenale spricht, mag sich mancher fragen? Sind wir nicht schon auf dem Weg zu „Global Zero“? Sollten wir einfach noch ein bisschen geduldiger sein und die Staaten ihren Weg der schrittweisen Abrüstung gehen lassen?

ICAN ist der Meinung, dass der Schritt-für-Schritt-Ansatz mehr wie ein Tanz ist – einen Schritt vor, zwei zurück. Die Zahl der Atomwaffen mag verringert werden, aber in einer Kurve die sich zunehmend verflacht, und bei „minimaler Abschreckung“ – vielleicht irgendwo bei ein paar Hundert Atomwaffen – ins Stocken geraten könnte. Und alle Atomwaffenstaaten, die offiziellen wie die inoffiziellen, sind in einem nuklearen „Modernisierungsrennen“ gefangen. Wir werden nie bei Null ankommen, ohne bindende Verpflichtungen und das ernstgemeinte Bekenntnis zur vollständigen Abschaffung aller Atomwaffen. Diese Verbindlichkeit kann nur durch einen Prozess begleitet von einem verifizierbaren Vertrag erreicht werden, in dem alle Schritte und Phasen bis zur kompletten Abrüstung festgelegt sind – in der Art, wie es auch zur Ächtung chemischer und biologischer Waffen kam.

Nichts von alledem ist neu. Aber die im letzten Jahr entstandene Dynamik sehr wohl. Teilweise, weil jüngere Leute dazugestoßen sind und ihre Energie in die Kampagne einbringen. Aber auch aufgrund der „CHC“-Strategie werden Staaten, die für Abrüstung stehen, motiviert, sich auch in diesem Fall zu engagieren. Auf der letzten UN-Generalversammlung wurde beschlossen, eine offene, zeitlich nicht begrenzte Arbeitsgruppe zu Abrüstung in Genf zu etablieren. Wie der mexikanische Botschafter auf dem von der deutschen Regierung ausgerichteten „Framework Forum“ der  „Middle Powers Initiative“ letzte Woche in Berlin, erklärte: Diese Gruppe ist wirklich offen und lädt auch die Zivilgesellschaft ein, sich zu beteiligen. Das Ziel ist den 15 Jahre andauernden Stillstand auf der „Conference on Disarmament“ zu durchbrechen und endlich wirklich mit Gesprächen darüber zu beginnen, wie man zu einem Verbotsvertrag gelangt.

Zivilgesellschaftliches Forum
Im Vorfeld der norwegischen Konferenz organisiert ICAN vom 2. – 3. März ein zivilgesellschaftliches Forum, ebenfalls in Oslo. Mehr als 700 Aktivisten aus der ganzen Welt haben sich bereits angemeldet. Viele von ihnen sind neu auf diesem Gebiet, weshalb „CHC“ einen Schwerpunkt des Programmes darstellt. Im Forum wird es aber auch um Werkzeuge für erfolgreiche Kampagnenarbeit und neue Wege der Mobilisation, Kommunikation und politischer Aktionen gehen, darum, wie wir von früheren Kampagnen lernen und von welchen „Best Practice“-Beispielen wir uns Anregung holen können, um die Frage, wie Verträge entwickelt werden, oder wie man mit ethischen Argumenten den üblichen Pro-Atomwaffen-Argumenten und Interessengruppen widersprechen kann. Es wird einen „Marktplatz“ für NGO’s geben, eine Party, ein Konzert, eine Rednerecke (speakers’ corner) und sogar ein paar Berühmtheiten wie Martin Sheen werden dort sein.

In den letzten Monaten waren NGO’s weltweit damit beschäftigt, ihre Regierungen dazu zu bringen, an der Staatskonferenz in Oslo teilzunehmen – sie werden dran bleiben und weiterhin mit Lobbyarbeit Druck für einen Verbotsvertrag machen. In Deutschland haben wir zum Beispiel schon ein Nachbereitungstreffen mit teilnehmenden Regierungsvertretern arrangiert, an dem humanitäre Organisationen nach Oslo die Möglichkeit haben sollen mit ihnen über Atomwaffen zu sprechen. Die Hoffnung ist groß und begründet, dass die humanitären Folgen von Produktion und Einsatz von Atomwaffen so inakzeptabel sind, dass sie einfach geächtet werden müssen!

Xanthe Hall, Abrüstungsreferentin der IPPNW, Foto: Xanthe HallXanthe Hall ist IPPNW-Atomwaffenexpertin, Sprecherin der Kampagne „atomwaffenfrei.jetzt“ und nimmt an beiden Konferenzen in Oslo teil.

Das Monster schläft nur

Quelle: Karte von Berlin, Google Maps

Es ist ein kalter Montagmorgen, ich stehe vor dem Büro und schließe mein Fahrrad an. Wie jeden morgen bin ich knapp sechs Kilometer von zu Hause bis hierher gefahren. Mein Blick fällt auf die massiven roten Ziegelwände vor mir und ich denke: Unfassbar, es gibt auf dieser Welt eine Waffe, die in weniger Zeit, als ich brauche, um mein Fahrrad anzuschließen, alles, was auf meinem Weg liegt – Stein, Beton, Stahl, Ziegel – dem Erdboden gleichmachen kann. In Sekunden wäre ein ganzer Stadtbezirk ausgelöscht, angrenzende schwer verwüstet, bis zu 80 km durch radioaktiven Fallout verseucht. Jeder Mensch, der mir heute Morgen begegnet ist, wäre tot, ÄrzteInnen, Krankenschwestern und Feuerwehrmänner eingeschlossen. In Hiroshima wurden 90% des medizinischen Personals selbst schwer verletzt oder getötet, die Krankenhäuser zerstört; für die Überlebenden im weiteren Umkreis, größtenteils schwerstverletzt durch Druckwelle, Hitze und  Feuersturm, gäbe es keine Hilfe. Alle Zentren für Schwerstbrandverletzte der Welt reichten nicht aus, um die Verbrennungsopfer einer einzigen Atomwaffenexplosion angemessen zu versorgen. Die Nagasaki-Bombe hat auf einen Schlag 6,7 Quadratkilometer Stadt vollständig ausgelöscht. Und die Bombe mit dem Namen „Fat Man“ war ironischerweise im Vergleich zu den heutigen Bomben eine „kleine“ Bombe, mit viel geringerer Zerstörungskraft.

Lebenslanges Leiden
Atomwaffen sind unzweifelhaft die zerstörerischsten Waffen, die es gibt. Sie vernichten unterschiedslos alles in ihrem Umfeld. Selbst wer solch ein Inferno überlebt, leidet sein Leben lang an den Folgen. Die freigesetzte Strahlung wütete noch Jahrzehnte nach dem Angriff in den Körpern und Genen der Menschen weiter: Das Risiko an Leukämie oder soliden Tumoren wie Schilddrüsen-, Lungen- oder Brustkrebs zu erkranken steigt signifikant. Auch vor den Nachgeborenen machen die Effekte der Bombe keinen Halt: Die Strahlenexposition erhöht das Risiko von erblichen Schäden in zukünftigen Generationen.

Nuklearer Winter und nukleare Hungersnöte
Eine neuere Studie der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges ergibt aber, dass die Folgen eines Atomwaffeneinsatzes noch viel weitreichender wären, als bereits beschrieben: Selbst ein regional begrenzter Atomkrieg, sagen wir mal mit der Hälfte der relativ „kleinen“ Arsenale von Ländern wie Pakistan und Indien (jeweils ca. 100 Atomwaffen), käme einem weltweiten „Ökozid“ gleich; das globale Ökosystem geriete völlig aus dem Gleichgewicht. Rauch und Staub der Explosionen und Brände blockierten bis zu 10% des Sonnenlichts, die Erdoberfläche kühlte sich ab und gleichzeitig sänken die Niederschlagsmengen. Als Folge verkürzten sich die Vegetationsperioden, weltweit bräche die landwirtschaftliche Produktion ein, Millionen Menschen stürben an Hunger. Würden die gesamten derzeit existierenden Atomwaffenarsenale eingesetzt, käme es sogar zu einer Abkühlung um durchschnittlich 7 bis 8° C – ein nuklearer Winter würde einsetzen. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Abkühlung während der letzten Eiszeit betrug nur 5°C.

Uranabbau
Aber selbst wenn wir meinen kleinen Film jetzt noch mal zum Anfang zurückspulen, dahin, wo wir heute stehen – in einer Welt, in der der erste und bisher letzte kriegerische Atomwaffeneinsatz 67 Jahre her ist und in der die meisten Menschen einfach stillschweigend hoffen, dass das Monster weiter schläft – selbst in dieser Welt, produzierten und produzieren die weltweit „ruhenden“ Atomwaffenarsenale katastrophales menschliches Leid. Das Ausgangsmaterial für die Produktion von Atomsprengköpfen ist Uran. Mehr als 70% des Urans weltweit wird auf dem Land von indigenen Völkern abgebaut. Große Mengen von Aufbereitungsrückständen verursachen eine dauerhafte radioaktive und chemische Verschmutzung und machen die betroffenen Menschen krank. Keine Uranmine auf der ganzen Welt wurde nach dem Ende der Förderung komplett dekontaminiert.

Das Erbe der Atomtests
Auch wer nicht in einem Uranabbaugebiet leben muss, trägt radioaktive Substanzen in seinem Körper, die der Existenz von Atomwaffen geschuldet sind. Seit dem Beginn des atomaren Zeitalters wurden mehr als 2.000 Atomwaffentests durchgeführt – oberirdisch, unter der Erde und unter Wasser. Der radioaktive Fallout dieser Tests belastet die gesamte Erde, einige Gebiete stärker, andere weniger stark. Die Folgen für die menschliche Gesundheit und für die Umwelt sind erschütternd. Die IPPNW schätzt, dass ungefähr 2,4 Millionen Menschen an den Folgen der oberirdischen Atomtests gestorben sind, die von 1945 bis 1980 durchgeführt wurden, und deren gesamte Sprengkraft 29.000 Hiroshimabomben entspricht. Auch wenn seit 1963 ein Atomteststoppvertrag für Oberirdische und Unterwassertest besteht: Das schreckliche Vermächtnis der Test werden wir nicht mehr los.

Atomwaffen statt Armutsbekämpfung
Zu guter (oder eher schlechter) Letzt muss man auch noch erwähnen: Geschätzte 105 Milliarden US-Dollar werden jährlich weltweit für die Herstellung, Erhaltung und Modernisierung der Atomwaffenarsenale ausgegeben. Mittel, die für Gesundheitsfürsorge, Bildung, Eindämmung des Klimawandels, Katastrophenhilfe, Entwicklungshilfe und andere lebenswichtige Aufgaben benötigt werden. In etwa die Hälfte von dem, was zurzeit jährlich für Atomwaffen ausgegeben wird, würde ausreichen, um die international vereinbarten Millennium-Entwicklungsziele zur Verminderung der Armut zu erreichen. 2010 waren die Ausgaben für Atomwaffen mehr als doppelt so hoch wie die offizielle Entwicklungshilfe für den gesamten afrikanischen Kontinent.

Wie man es auch dreht und wendet: Atomwaffen sind eine humanitäre Katastrophe, eingesetzt oder nicht. Und niemand kann mit Sicherheit garantieren, dass sie nicht doch irgendwann wieder eingesetzt werden. Ich will mich nicht darauf verlassen, dass dieses Monster weiter schläft. Ich will, dass es endgültig aus der Welt geschafft wird – durch einen weltweiten Verbotsvertrag, wie es ihn z.B. für Streubomben und Landminen bereits gibt.

Heute ist Tag der Menschenrechte. „Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person“, besagt Artikel 3 der Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948. Solange es Atomwaffen auf dieser Welt gibt, ist kein Mensch sicher. Fordern wir unser Menschenrecht ein!

Samantha StaudteSamantha Staudte (Redakteurin des IPPNW-Forum und Mitglied im Kampagnenrat von atomwaffenfrei.jetzt)