Verhandeln statt eskalieren, abrüsten statt endloser Rüstungsspiralen

Ostermarsch Büchel 2013, © Herbert Sauerwein

Foto: © Herbert Sauerwein

Ostermarsch-Rede aus Nürnberg, 1.4.2013

Die Aussage scheint fast zu trivial, um sie überhaupt auszusprechen: Spannungen und Konflikte baut man nicht mit Eskalation und immer mehr Rüstung ab. Nötig ist vielmehr die Bereitschaft zu Verhandlungen und zur Kooperation der gegnerischen Staaten und Parteien, und zwar auf gleicher Augenhöhe.

Welche Freude daher heute morgen beim Blick in den Posteingang auf dem Computer.

Abolition 2000, das internationale Netzwerk zur Abschaffung von Atomwaffen, hat in der Nacht eine E-mail geschickt: Der UN-Sicherheitsrat habe soeben mitgeteilt, dass ein Abkommen zur Abschaffung sämtlicher Atomwaffen weltweit erzielt worden sei. Bis 2015 würden alle Atomwaffenstaaten, also China, Frankreich, Großbritannien, Russland und die USA, aber auch Israel, Indien, Pakistan und Nordkorea, ihre etwa 17.000 Atomwaffen abschaffen. Die zugehörige Infrastruktur werde zerstört und das atomwaffentaugliche Spaltmaterial an die Internationale Atomenergiebehörde übergeben.

Das ist wunderbar. Wir kriegen die atomwaffenfreie Welt bis 2015!

Leider ein Aprilscherz

Aber leider ist die Meldung nicht wahr, sondern ein Aprilscherz, und ein trauriger obendrein!

Denn die Wirklichkeit sieht anders aus und ist geprägt von Eskalation. Das können wir täglich in der Zeitung lesen: Syrien und Mali, Israel und Palästina, bewaffnete Drohnen für Deutschland sowie Panzerexporte nach Saudi Arabien und Indonesien – das sind nur wenige der Konfliktthemen, die bei den Ostermärschen dieses Jahr angesprochen werden. [1]

Grußwort aus Trier

Übrigens: Der Trierer Oberbürgermeister Klaus Jensen schickte ein Grußwort an die Ostermarschierer: „Als Mitglied der Mayors for Peace und als Bürger für Abrüstung und Frieden solidarisiere ich mich mit den Forderungen des diesjährigen Ostermarsches und protestiere gegen jegliche Kriegsbeteiligung Deutschlands, [bin] für den Abzug, die Vernichtung und ein Verbot von Atomwaffen und für Frieden und Abrüstung statt Krieg und Rüstung für Wirtschafts- und Machtinteressen.“ [2]

In einem Wahlkampfjahr sind solche Worte eines Politikers keine Selbstverständlichkeit. Wir danken dem Trierer Oberbürgermeister für seine Unterstützung!

Atomwaffen und Raketenabwehr

Eskalation und permanente Aufrüstung sind kennzeichnend für die zwei Waffenarten, mit denen ich mich in meinem Beitrag befassen will, nämlich Atomwaffen und Raketenabwehr. Das lässt sich an aktuellen Beispielen gut illustrieren: der schockierenden Eskalation zwischen Nordkorea und den USA und dem Wettrüsten aufgrund der Raketenabwehrpläne des Westens.

Auf die Rolle Deutschlands komme ich dabei auch zu sprechen, und auch darauf, dass wir das nicht passiv hinnehmen brauchen, sondern uns aktiv einmischen können.

Nordkorea

Brandgefährlich ist, was sich momentan auf der koreanischen Halbinsel abspielt.

Nordkoreas neuer Diktator Kim Jong Un sagte vor drei Monaten in seiner Neujahrsansprache, es sei Zeit „die Konfrontation zwischen dem Norden und dem Süden [Koreas] abzubauen“. „[D]die Geschichte“, sagte er, „zeigt, dass Konfrontation zwischen Landsleuten zu nichts als Krieg führt“. [3]

Das wurde als positives Zeichen an die neu gewählte Präsidentin Südkoreas, Park Geun-hye, interpretiert. Diese hatte zuvor ihre Bereitschaft zu einem Treffen mit dem nordkoreanischen Führer signalisiert.

Den sanften Worte sind allerdings keine entsprechenden Taten gefolgt. Vielmehr setzt Nordkorea unter dem neuen Diktator den alten Aufrüstungskurs fort:

Im Dezember 2012 schickte das Land seinen ersten Satelliten ins All, nach etlichen Fehlversuchen. Das ist Fortschritt der unwillkommenen Art: Wer über Raketentechnik für den Weltraum verfügt, kann auch Langstreckenraketen für weit entfernte Angriffsziele bauen.

Zwei Monate später, im Februar 2013, führte Nordkorea seinen dritten Atomwaffentest durch. Satellitenaufnahmen deuten darauf hin, dass weitere Tests folgen werden.

Vor zwei Wochen warnte Nordkorea, es könne Schläge auf die US-Truppen im pazifischen Raum ausführen. Vergangene Woche unterbrach Nordkorea die militärische Kommunikation mit Südkorea. Ein Tag später wurden die nordkoreanische Artillerie- und Raketenstreitkräfte in Bereitschaft versetzt. Photos der nordkoreanischen Zeitung »Rodong« zeigen den Diktator vor einer Karte, auf der Raketenflugbahnen eingezeichnet sind. Sie zeigen auf Hawaii, Los Angeles, Austin und die US-Hauptstadt Washington. [4] Erneut einen Tag später ‑ bei uns war es Karsamstag und es bereiteten sich gerade alle auf Ostern vor ‑ kündigte Nordkorea den „Kriegszustand“ mit dem Süden an.

Die Situation ist wirklich ernst. Artillerie, ballistische Raketen und möglicherweise Atomsprengköpfe in der Hand eines skrupellosen Regimes, knapp 60 Kilometer entfernt von der südkoreanischen Metropolregion Seoul mit mehr als 20 Millionen EinwohnerInnen. Ein Horroszenario, in der Tat.

Verpasste Chancen

Ein Horrorszenario aber mit einer 20-jährigen Chronik der stetigen Eskalation. In dieser Zeit wurden viele Chancen verpasst, die anhaltende Aufrüstung Nordkoreas durch Kooperation zu verhindern. [5] Es gibt in diesem gefährlichen Spiel viele Mit- und Gegenspieler, der wichtigste sind sicherlich die USA. Immer wieder wurden Abkommen mit Nordkorea erzielt, die generell auf dem Prinzip »Zugeständnisse gegen Hilfe« beruhten. Und immer aufs Neue hielten die USA ihre Hilfs- und Kooperationszusagen nicht ein, und immer aufs Neue arbeitete Nordkorea an seinem Rüstungsprogramm weiter. Es entwickelte sich eine Endlosschleife von gebrochenen Versprechen, gegenseitigen Beschuldigungen, Sanktionsandrohungen und Kriegsrhetorik.

Die jüngste Runde der Eskalation begann vor vier Wochen, als der UN-Sicherheitsrat auf Drängen der USA neue, besonders harte Sanktionen über Nordkorea verhängte. Die USA führten gemeinsame Manöver mit Südkorea durch und üben im südlichen Teil der Halbinsel tatsächlich den Abwurf von Atomwaffen auf Nordkorea. Der Norden drohte, den Süden in ein „Meer von Flammen“ zu verwandeln [6] und die USA mit Atomwaffen anzugreifen. Und jetzt schickten die USA auch noch ihr modernstes Fluggerät, den Tarnkappenbomber F-22, nach Südkorea.

Wo soll das nur enden? Sehen die Führungsspitzen der beiden Staaten nicht, dass dies kein Spiel ist, dass sie leichtfertig einen Krieg riskieren?

Wir fordern beide Parteien auf, zur Vernunft zurück zu kehren:
Ruft Eure Militärs zurück!
Nehmt externe Hilfe für Verhandlungen in Anspruch!
Mediation ist das Gebot der Stunden, nicht bellizistische Rhetorik und Provokation!

Raketen und Raketenabwehr – ein Rüstungswettlauf der besonderen Art

Ich habe das Beispiel Nordkorea so ausführlich geschildert, weil es zeigt, wie unter den Augen der ganzen Welt ein Konflikt eskaliert, der gute Chancen auf eine friedliche Lösung hätte.

Dies gilt auch für den Streit um das Raketenabwehrprogramm der USA, in das die NATO und Deutschland aufs Engste eingebunden sind.

1972 hatten die USA und die damalige Sowjetunion einen Vertrag geschlossen, der beiden Seiten den Aufbau einer umfassenden Raketenabwehr untersagte. Dies war der Erkenntnis beider Seiten geschuldet, dass auf Raketenabwehr auf der einen Seite die andere Seite mit Aufrüstung, mit mehr und intelligenteren Raketen antwortet. Der Raketenabwehrvertrag war also eine Maßnahme zur Rüstungskontrolle. Unter der US-Regierung von Bush jr. spielte Vernunft aber keine Rolle, und Verteidigungsminister Rumsfeld machte seine Ankündigung wahr: Er schmiss das Abkommen auf den Müllhaufen der Geschichte und kündigte den Vertrag einseitig auf.

Seither stationieren die USA ungeniert Raketenabwehr auf dem ganzen Globus:

  • rings um Japan, Südkorea und Taiwan, vorgeblich um Nordkorea einzudämmen;
  • im Mittelmeer und bald auch auf europäischem Festland, angeblich zum Schutz vor dem Iran;
  • in Alaska und Kalifornien, erneut unter Verweis auf Nordkorea.

Russland und China fühlen sich durch die Stationierung bedroht: Sie sehen den Raketenabwehrschirm gegen sich selbst gerichtet. Sie fürchten, bei weiterem Ausbau des Schutzschilds könnten die USA bald in der Lage sein, einen nuklearen Erstangriff zu starten, einen Gegenschlag von Russland oder China aber selbst abzuwehren.

Solch Denken mag uns idiotisch scheinen, und es klingt tatsächlich mehr nach Kaltem Krieg als nach 2013. Im Ergebnis führt der globale Ausbau von Raketenabwehr durch die USA aber in China und Russland zum Ausbau und zur Modernisierung ihrer Atomwaffen. China zieht momentan mit dem Bau von Atom-U-Booten nach.

Ein Atomkrieg zwischen diesen Ländern scheint außerhalb unserer Vorstellungskraft – ich möchte nur an die humanitären Folgen von Hiroshima und Nagasaki erinnern und an neue Studien, die aufzeigen, dass selbst ein beschränkter Atomkrieg entsetzliche Umweltfolgen, einen drastischen Temperatursturz auf der ganzen Welt und gigantische Hungersnöte zur Folge hätte. [7]

Raketenabwehr birgt aber noch weiteres Konfliktpotential: Die USA haben im Jahr 2008 bewiesen, dass sie mit ihrem Raketenabwehrsystem erfolgreich einen Weltraumsatelliten abschießen können. Das militärische Denken trägt den Konflikt in immer neue Dimensionen, das Wettrüsten im Weltraum schreitet dadurch voran.

Und Deutschland? Deutschland endblödet sich nicht, den USA für ihre europäische Raketenabwehr Ramstein als Standort des Kommando- und Kontrollzentrums anzubieten.

Wir fordern:
Keine deutsche Beteiligung von NATO und Deutschland an der US-Raketenabwehr!
Neue Verhandlungen über ein Verbot von Raketenabwehr, diesmal nicht nur zwischen Russland und den Vereinigten Staaten, sondern international!
Stoppt die Aufrüstung mit immer besseren Raketen, und die Aufrüstung im Weltraum auch!

atomwaffenfrei.jetzt – in Deutschland mit nuklearer Abrüstung anfangen

Zum Schluss möchte ich noch auf die Atomwaffen in Deutschland zu sprechen kommen.

In Büchel in der Eifel, oberhalb von Cochem an der Mosel, lagern bis heute 20 US-Atomwaffen. Im Ernstfall würden sie von deutschen Piloten mit Flugzeugen zum Einsatzziel geflogen. Das widerspricht den Verpflichtungen Deutschlands aus dem Atomwaffensperrvertrag und ist ein Skandal.

Die deutsche Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag 2009 zugesagt, alles in ihrer Macht stehende zu tun, dass diese Waffen abgezogen werden. Das ist der Hartnäckigkeit von Außenminister Westerwelle zu verdanken, und dafür bin ich dankbar. Parteiübergreifend hat der deutsche Bundestag die Regierung im Jahr 2010 zusätzlich aufgefordert, sich für ein völkerrechtliches Verbot aller Atomwaffen einzusetzen. Das ist ebenfalls ein Erfolg unserer politischen Arbeit.

Schöne Worte reichen aber nicht aus, denn ihnen folgten keine Taten.

Auf NATO-Ebene hat Deutschland im vergangenen Jahr zugestimmt, dass das Bündnis die nukleare Teilhabe als offizielle Politik beibehält. Und mehr noch: Deutschland hat zugestimmt, dass die Atomwaffen auf deutschem Boden modernisiert und auf Jahrzehnte hinaus einsatzbereit sein werden. Das ist ein noch schlimmerer Skandal!

Die deutsche Kampagne atomwaffenfrei jetzt setzt sich für ein Verbot von Atomwaffen, den Stopp ihrer Modernisierung und die Umsetzung des Bundestagsbeschlusses von 2010 ein. Unterstützung dazu bekommen wir von mehr als 400 Städten, die Mitglieder der Mayors for Peace (Bürgermeister für den Frieden) sind. Die Kampagne mischt sich momentan aktiv in den Bundestagswahlkampf ein. Höhepunkt der nächsten Monate wird ein „Happening“ am Atomwaffenstandort Büchel sein. Unter dem Motto „Rhythm beats bombs“ laden wir MusikerInnen, KünstlerInnen und die gesamte Zivilgesellschaft ein, am 11. und 12. August ein, mit viel Musik, Kunst und Aktion für eine atomwaffenfreie Welt zu demonstrieren. Unter anderem hat die Gruppe Lebenslaute bereits zugesagt, vor dem Tor des Fliegerhorstes Büchel ein Konzert zu geben.. Bitte schließt Euch diesem Protest an, der bereits von vielen Gruppen und Einzelpersonen unterstützt wird. Alle nötigen Infos findet Ihr im Internet unter atomwaffenfrei.de.

Gemeinsam können wir es schaffen, die Regierung so unter Druck zu setzen, dass sie die USA endlich zum Abzug der Atomwaffen auffordert. Dies wäre auf den ersten Blick nur ein kleiner Schritt zur atomwaffenfreien Welt. Wir sind aber überzeugt, dass dies einen Dominoeffekt in Gang setzen würde.

Werden wir gemeinsam aktiv – für eine atomwaffenfreie Welt, um sicherzustellen, dass die nächste Generation sich nicht auch noch mit dem Thema Atomwaffen auseinandersetzen muss.

Danke fürs Zuhören – und schöne Ostern!

Regina HagenRegina Hagen ist eine Sprecherin der Kampagne „atomwaffenfrei.jetzt“ und verantwortliche Redakteurin der Zeitschrift „Wissenschaft und Frieden“.

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Generationswechsel einer Bewegung

ICAN Civil Society Forum Oslo 2013

Heute bin ich nach einer Woche intensivster Erlebnisse in Oslo wieder zu Hause in Berlin. Dazu ist Internationaler Frauentag – ein Tag, an dem ich als Frau zurückblicke und dankbar bin, dass andere Frauen vor mir für meine Rechte gekämpft haben. Alles, was ich aufbaue, steht auch auf den Fundamenten von anderen, die vor mir gegangen sind.

Ich bin nicht alt, ich bin sozusagen „mittelalt“: Wenn ich auf mich aufpasse, könnte ich noch gut 40 Jahre weiterleben – Zeit genug, um Atomwaffen abzuschaffen, denke ich. Aber die Jugend, die ich in Oslo erlebt habe, hat es eilig. Sie haben kein Bock auf lange Prozesse und diplomatisches Schneckentempo. Die neue Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN) will einen Verbotsvertrag, und zwar binnen kurzer Zeit. Ich bin zu geduldig geworden, ich verstehe die Probleme zu gut und sage „Ja, aber …“, „was ist wenn …?“. Nun ist es an der Zeit, dass die Bewegung ihren Motor austauscht.

Zum zivilgesellschaftlichen Forum am 2. und 3. März in kamen 450 Campaigner nach Oslo: jung, mittelalt, alt. Vor allem waren es die Jüngeren, die auf der Bühne standen und hinter den Kulissen agierten. Vertieftes Wissen haben sie von den Älteren eingeholt: Patricia Lewis von Chatham House, Ira Helfand von der IPPNW, Sir Andy Haines von Medact, um nur drei zu nennen. Von anderen, jüngeren Kampagnen wurde auch Rat eingeholt: beispielsweise von den Landminen- und Streubombenkampagnen. Die Message war klar: Der humanitäre Ansatz macht bestimmte Waffen inakzeptabel und führt zu einem Verbot durch die Staaten, die sie nicht besitzen.

Die Beteiligung der Zivilgesellschaft an der Staatskonferenz war von ICAN hervorragend vorbereitet. Unter der ICAN-Flagge haben 50 VertreterInnenn über zwei Tage mit allen StaatsvertreterInnen geredet und ihre Arbeit so gut mit den vorhandenen humanitären Organisationen koordiniert, dass das Ergebnis eindeutig war: Atomwaffen sind wegen ihrer humanitärer Folgen so schrecklich, dass nur ihre Abschaffung uns als Menschen schützen kann. Es ist schier unmöglich, sich auf die Folgen eines Atomwaffeneinsatzes – egal welchen Ausmaßes – ausreichend vorzubereiten.

Die Auswertung am 6. März zeigte, dass wir zwei von drei Zielen erreicht haben. Die Ziele waren folgende:

  1. Den Diskurs über Atomwaffen ändern. Die humanitären Folgen sollten durch die Präsentationen von Fakten belegt werden und dazu führen, dass Staaten anerkennen, dass sie betroffen sind, weil sie sich nicht adäquat vor den Folgen schützen können.
  2. Unterstützung für einen Verbotsvertrag ausbauen. Durch die Konferenz sollten die Staaten mehr Vertrauen in die Idee eines Verbotsvertrages gewinnen, und begreifen, dass ein Verbot – zunächst auch ohne die Atomwaffenstaaten – erreichbar und notwendig ist.
  3. Öffentlichkeitsaufmerksamkeit gewinnen. ICAN wollte mit dem Thema die Medien und damit auch die Öffentlichkeit in möglichst vielen Ländern erreichen.

Nur das dritte Ziel wurde zum Teil verfehlt – zumindest in Hinblick auf konventionelle Medien. Bei „Social Media“ ist es eine andere Geschichte, und dies reflektiert auch den Generationswechsel. In Twitter explodierte die Zahl der Hashtags (Stichworte) „#goodbyenukes“ und „#HINW13“, die wir für unsere Tweets über die Konferenzen in Oslo verwendeten. Wir erreichten damit die „Trends“-Liste für die am häufigsten gefolgten Hashtags. Auch die ICAN-Seite auf Facebook erreichte über 42.000 „Likes“, davon rund 1400 nur in den letzten sieben Tagen. Das neue Video von ICAN, das bei der Staatskonferenz gezeigt wurde, wurde in drei Tagen von über 1000 Menschen gesehen. Für eine volle Auswertung der gesamten Medienaufmerksamkeit ist es noch zu früh.

Am wichtigsten war jedoch die Ankündigung einer Folgekonferenz in Mexiko – zu diesem Zeitpunkt eigentlich kein explizit genanntes Ziel. Damit wurde, wie Leo in seinem Blogartikel ausführt, ein Prozess in Gang gesetzt. Oslo wird kein Einzelereignis, das morgen vergessen ist, sondern ein Anfang. Rebecca Johnson (ICAN) verglich dies mit einem Zug, der gerade den Bahnhof verlässt: Wir sind an Bord, die Atomwaffenstaaten stehen verlassen auf dem Gleis. Und auch wenn wir nicht ganz sicher sind, welchen Weg der Zug nimmt, wir wissen, wohin er rollt – und dass alle weiteren zusteigen können.

Welche Strategie für ICAN die Beste ist, wurde über die gesamte Zeit vom 1. bis 6. März immer wieder reflektiert. Wollen wir, dass die atomwaffenfreien Staaten – wie bei den Landminen – einfach einen Verbotsvertrag abschließen? Oder soll im Vertrag die Eliminierung der Atomwaffen mitbeschlossen werden, ohne näher zu bestimmen, wie? Wie holen wir die anderen Atomwaffenstaaten (Indien und Pakistan sind schon dabei) ab? Muss es noch einen Zug geben? Fazit: ICAN ruft zu einem Vertrag auf, der verbietet und eliminiert. Die Details können dann im Prozess zwischen den Staaten ausgearbeitet werden. Wichtig ist zunächst überhaupt einen Verhandlungsprozess auf dem Weg zu bringen. Denn wir haben zwar einen Prozess begonnen, aber noch keinen Verhandlungsprozess. Daher ist die nächste Aufgabe für ICAN, die Ziele für Mexiko zu entwickeln.

Als älteres Mitglied dieser neuen Bewegung muss jedoch mahnende Worte hinzufügen. Die Energie der Jugend ist notwendig, um die Bewegung voranzutreiben. Wir brauchen dennoch Nachhaltigkeit, um die ganze Strecke zu schaffen. Ich konnte mich als junger Mensch nicht mehr als sieben Jahre ausschließlich ehrenamtlich engagieren. Wenn die IPPNW mir vor zwanzig Jahren keine Stelle angeboten hätten, wäre ich vermutlich nicht mehr in der Lage gewesen, die Arbeit in diesem Umfang zu leisten. Obwohl es Menschen gibt, die ihr ganzes Leben lang ehrenamtlich geackert haben: Sie sind sehr selten und sie brauchen auch hauptamtliche Unterstützung. Daher ist es wichtig, dass wir mehr junge Menschen finanzieren, die langfristig und nachhaltig in die Koordination der Bewegung einsteigen. ICAN hat das zwar schon erkannt, hat jedoch viel zu wenig Geld, um das rasche Wachstum der Bewegung zu stemmen.

Zurück zu meinem Ausgangspunkt: Für einen Generationswechsel ist es auch wichtig, dass die neue Generation auf den Schultern der Vorangegangenen steht. Nur so kommt sie weiter. Sonst wiederholen sich die Fehler der letzten Generation. Als Ältere sollten wir nicht im Weg stehen, aber auch nicht einfach ersetzt werden. Wir sollten helfen, dass die Jüngeren auf unseren Schultern – durch Wissens- und Erfahrungstransfer – hoch klettern können, bis sie Fuß gefasst haben. Danach können wir jubeln, applaudieren und darüber schreiben, in dem Vertrauen, dass unsere Zukunft in guten Händen ist.

Xanthe Hall, Abrüstungsreferentin der IPPNW, Foto: Xanthe HallXanthe Hall ist IPPNW-Atomwaffenexpertin, Sprecherin der Kampagne “atomwaffenfrei.jetzt” und nahm an beiden Konferenzen in Oslo teil.

Herzliches Willkommen in der Kälte

Thank you for caring! Jugendliche von BANg vor dem Konferenzgebäude in Oslo

Im Rahmen des Jugendnetzwerkes Ban all Nukes Generation kamen 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 15 verschiedenen Ländern nach Oslo um mehr über erfolgreichen Aktivismus und das Thema nukleare Abrüstung zu lernen und der Jugend eine Stimme am Rande der Staatenkonferenz zu den katastrophalen Folgen eines Nuklearwaffen Einsatzes zu geben. Dabei hatten wir letzte Woche die Möglichkeit an verschiedene Trainings teilzunehmen um zukünftige Kampagnen und unseren Aktivismus für eine nuklearwaffenfreie Welt erfolgreicher zu gestalten. Unsere Teilnahme an dem ICAN Civil Society Forum wurde von diesen Workshops umrahmt.

Gestern hatten wir eine erste Chance das Gelernte in die Tat umzusetzen. Vor dem Radisson Blu Hotel begrüßten wir mit unserer Aktion sowohl die teilnehmenden Delegierten aus über 130 Ländern und eine Vielzahl an Nichtregierungsorganisationen.

Um 8 Uhr morgens erschienen wir vor der Hotellobby. Alles deutete auf einen Protest hin: 30 Jugendliche drückten auf Bannern und Plakaten ihre Meinung aus. Aber alles war ganz anders. Wir waren nicht gekommen um gegen etwas zu demonstrieren, sondern um einen aktiven Beitrag zu der Konferenz zu leisten. Uns ist es wichtig, unsere Erwartungen in einer positiven Art und Weise auszudrücken. So konnten wir schon am Eingang zu der Konferenz eine Atmosphäre der Hoffnung und des möglichen Wandels schaffen. In diesem Sinne dankten wir in auf unseren Plakaten in 30 verschiedenen Sprachen für die Teilnahme an der Konferenz.

Die Diplomaten, Teilnehmenden, die Medien und Schaulustige waren sichtlich von der enthusiastischen Stimmung beeindruckt. So betraten die Ankommenden die Hotellobby mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Der persönliche Dank des Hibakusha, Karipbek Kuyukov war für uns alle eine sehr emotionale Erfahrung und eine große Freude. „Thank you for Caring“ war auf dem Banner zu lesen, vor dem sich auch der norwegische Außenminister Espen Barth ablichten ließ. Das gerade der Vertreter der norwegischen Regierung, als Initiator der Konferenz uns seine Wertschätzung ausdrückte, ist für uns ein Zeichen, dass wir mit unserem Aktivismus etwas verändern.

Bis heute kämpfen die Menschen in Semey (kasachisch für Semipalatinsk) mit den Langzeitfolgen der über 450 Atomtests von 1949 bis 1989. Karipbek Kuyukov arbeitet als Botschafter für diese Strahlenopfer. Sie wurde ohne Arme geboren.

Karipbek Kuyukov ist Botschafter für die Strahlenopfer der Atomtests in Kasachstan von 1949 bis 1989. Er wurde ohne Arme geboren.

Während der Konferenztage nutzten und nutzen wir die Möglichkeit mit verschiedenen Regierungsvertretern in Kontakt zu treten. Neben Gesprächen mit Delegierten aus Mexiko, Kanada, der Schweiz und Rumänien nahm ich persönlich an einem Gespräch mit der deutschen Delegierten Susanne Baumann teil.

Durch die sehr informativen Vorträge auf dem ICAN Forum und die Workshops des „Parlamentarischen Netzwerks für Nukleare Abrüstung“ und Nichtverbreitung in Gesprächsführung waren wir inhaltlich und methodisch sehr gut für die Gespräche vorbereitet.

Für mich persönlich war es das erste Mal, dass ich die Gelegenheit hatte, eine solche Chance zu nutzen. Das Gespräch verlief meiner Meinung nach sehr gut. Wir konnten Frau Baumann unser Anliegen aufzeigen und haben viel über die deutsche Position und Argumentation gelernt. Wir konnten zeigen, dass sich die Zivilgesellschaft und speziell die Jugend für das Thema interessiert. Im Laufe des Tages bekamen wir eine Vielzahl an positiven Rückmeldungen sowohl für unsere Aktion vor dem Konferenzbeginn als auch für die gut vorbereiteten Gespräche.
Persönlich sehe ich die letzten Tage als eine perfekte Mischung aus Lernen und Aktion. Gerade Zweites darf meiner Meinung nach, bei aller Notwendigkeit für „awareness raising“ nicht unter den Tisch fallen.

Darius ReinhardtDarius Reinhardt studiert Politikwissenschaften, Fridens- und Konfliktmanagement in Bremen und Haifa. Er nimmt als Teil der Youth Future Project-Delegation an der Kampagne von BANg Europe teil.

Wir sind viele und wir schaffen das!

ICAN Civil Society Forum zur Abschaffung der Atomwaffen in Oslo, Tag 2

Sonntagmorgen um zehn Uhr im großen Saal des norwegischen Studentenwerks in Oslo: Draußen scheint in warmen Strahlen die Frühlingssonne, drinnen suchen sich die TeilnehmerInnen aus aller Welt langsam ihre Plätze. Der zweite Tag des Civil Society Forums beginnt. Zwei Mädchen vom Helferteam stimmen ein fröhliches Aufwachlied an. Und die TeilnehmerInnen singen mit, auch wenn die wenigsten den norwegischen Text verstehen dürften. Die Stimmung ist gelöst – auch die Nuclear Party von gestern Abend hat wohl ihren Teil dazu beigetragen. Die Gruppe hat sich gut zusammengefunden, alle tauschen sich fleißig miteinander aus – und das über alle Generationen hinweg. Zuversicht liegt in der Luft. Am heutigen Tag geht es viel um die Dynamik der Bewegung: Was ist das Ziel und welcher Weg führt dorthin? Wie sieht erfolgreiches Campaigning aus? Hierzu berichten unter anderem zwei MitarbeiterInnen der Kampagne „Obama for America“ von ihren Erfahrungen im individualisierten Adressieren ihrer UnterstützerInnen und der Nutzung der neuen Medien. Sich mit anderen Kampagnen zu vernetzen, aus vergangenen Aktionen zu lernen – das ist oftmals Thema in diesen Tagen. So hören wir von den Kampagnen „arms control“ und der Koalition für einen internationalen Strafgerichtshof. Auch ICAN-CampaignerInnen verschiedener Länder tragen ihre persönlichen Erfahrungen und Tipps zusammen. Eine junge Frau erzählt von den Straßenaktionen ihrer schwedischen Gruppe: Ihr Angebot, sich kostenlos den Blutdruck messen zu lassen, lockte viele Passanten an. Die Verbindung zwischen der Prävention von „heart attacks“ und „nuclear attacks“ war schnell hergestellt und bot genügend Gesprächsstoff. Auch Jacob Romer als Vertreter der deutschen ICAN-Kampagne gibt gute Anregungen und hat die Lacher auf seiner Seite. Er empfiehlt, was hier schon stattfindet: Sich gegenseitig auszuhelfen, zu vernetzen und auch Freunde für die Mitarbeit zu begeistern.

Am Abend finden sich alle in der Stadthalle ein, in der auch alljährlich der Nobelpreis verliehen wird. Das Gebäude wirkt von außen fast erschlagend: Ein riesiger Backsteinkasten – innen geschmückt mit bunten Wandmalereien. Wir sitzen in der Mitte des Saales, während sich um uns herum das Spektakel entfaltet: Experimenteller Ausdruckstanz und Musiker aus vier verschiedenen Ecken der Welt, begleitet von einem Chor norwegischer Sänger. Zwei Akkordeonisten, die mit dem Echo spielen und die japanische Sängerin Sizzle Othaka, die mit ihrer Stimme das gesamte Publikum in ihren Bann zieht. Die Erstaufführung der Komposition „Will this moment ever let go“ von Magnus Åm basiert auf dem PicaDon, einem animierten Dokumentarfilm über die Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki und ist ein voller Erfolg. Wie auch dieses Wochenende. Bei der Heimfahrt verbindet uns alle ein Gedanke: Wir sind Teil eines weltweiten Netzwerkes und gemeinsam stark! Es wird nicht einfach sein, aber es ist möglich und dringend notwendig. Lasst uns Atomwaffen abschaffen!

Judith Achenbach, IPPNW StudierendensprecherinJudith Achenbach ist Medizinstudentin und Studierendensprecherin der IPPNW Deutschland.

Abrüstungshelden aus aller Welt

Auf dem ICAN Civil Society Forum in Oslo: Dr. Lars Pohlmeier, IPPNW (rechts) und Commander Robert Green (links). Sein Auftrag war, eine Atombombe auf Leningrad abzuwerfen. Heute ist er einer der schärfsten Kritiker der nuklearen Abschreckungstheorien.

Foto: Auf dem ICAN Civil Society Forum in Oslo: Dr. Lars Pohlmeier, IPPNW (rechts) und Commander Robert Green (links). Sein Auftrag war, eine Atombombe auf Leningrad abzuwerfen. Heute ist er einer der schärfsten Kritiker der nuklearen Abschreckungstheorien.

„Hero“, Helden – mit diesem Song einer afrikanischen Sängerin beginnt das ICAN-Civil Society Forum zur Abschaffung der Atomwaffen in Oslo. ICAN, die internationale Kampagne, hat viele Interessierte nach Oslo gezogen. Rund 500 dieser Abrüstungs-Helden, darunter viele junge Leute, haben sich angemeldet, aus allen Kontinenten kommen sie in den hohen europäischen Norden.

Anlass war die Einladung der norwegischen Regierung zu einer Konferenz zu den humanitären Folgen von Atomwaffeneinsätzen. Und es ist richtig, dass mit der großen NGO-Konferenz das Netzwerk der Nichtregierungs-Organisationen einmal mehr klar gemacht wird: Die Abschaffung der Atomwaffen ist ein Anliegen der Bürgergesellschaft, nicht allein der Regierungen.

Rebecca Johnson, die stellvertretende Vorsitzende der ICAN, fordert in Oslo ein Umdenken, um den BIG PUSH zu erzwingen, um die Regierungen der Welt endlich dazu zu bewegen, ihren bislang hohlen Abrüstungs-Erklärungen endlich Taten folgen zu lassen. Wie ernst die Atomwaffenstaaten, insbesondere die NATO-Staaten, ihre Verpflichtungen nehmen, auch das macht die sehr lobenswerte Initiative der norwegischen Regierung deutlich: 132 Staaten nehmen teil. Aber wie steht es mit Frankreich? England? USA? Teilnahme abgesagt!

Überrascht bin ich darüber nicht, und deshalb auch nicht enttäuscht, ganz im Gegenteil. Die (junge) Friedensbewegung lebt. So ist es auch nicht schlimm, dass ich mit meiner Erkältung nicht gut reden kann. ICAN hat zahllose bunte Stimmen. Hier kann meine Stimme gut mal eine Pause machen.

Neben dem eindrucksvollen Hauptprogramm mit Vertretern aus Religion, Politik, Atomtestopfern und NGO-Vertreterinnen und Vertretern gibt es ausführlich Zeit für Gespräche. Inhaltlich tatsächlich neu für mich ist die Ausführung von Ward Wilson vom Moneterey Institute of International Studies (aktuelles Buch: „5 Myths about Nuclear Weapons“, 2013), die Aufklärung, dass nicht die Atombombe zu Japans Kapitulation im Zweiten Weltkrieg geführt hat, sondern die Ankündigung Stalins, in Japan einzumarschieren.

„Wir haben die Nase voll, im Zeitalter des Atomterrorismus zu leben“, so bringt – bei allen Unterschieden der Anwesenden – Rebecca Johnson das gemeinsame Gefühl hier auf den Punkt.

Dr. med. Lars Pohlmeier (IPPNW)

Zeit, Geschichte zu machen

Oslo ICAN Civil Society Forum on humanitarian consequences of nuclear weapons

Die neueste Abkürzung der Abrüstungsbewegung ist CHC. Das steht für „Catastrophic Humanitarian Consequences“ (katastrophale humanitäre Folgen) und ist die Kernbotschaft, die die „Internationale Kampagne zur Ächtung der Atomwaffen (ICAN)“ in der Öffentlichkeit und bei den Regierungen der Welt mit dem Thema Atomwaffen verknüpfen will. Soweit erfolgreich.

Seit ICAN mit dieser Strategie der Neuausrichtung der Debatte über Atomwaffen begonnen hat, um sie von der stagnierenden Sicherheitsdebatte in die gleiche Arena wie andere geächtete Waffen zu bringen, hat es eine Menge Bewegung in den Köpfen der Verhandelnden gegeben.

Auf der Vorbereitungskonferenz zur Nichtverbreitungskonferenz (NPT) letzten Mai (2012) in Wien hat eine Gruppe von 16 Staaten eine Erklärung zu den humanitären Folgen von Atomwaffen abgegeben. Zum Treffen des Ersten Ausschusses der Generalversammlung der UN im September 2012 hatte sich die Zahl schon mehr als verdoppelt auf 34 Unterzeichner. Und kommende Woche (vom 4. – 5. März 2013) lädt die norwegische Regierung zu einer Konferenz über die humanitären Folgen von Atomwaffen ein, zu der bereits rund 130 Staaten ihre Teilnahme zugesagt haben.

Viele Aktive der Abrüstungsbewegung haben gefragt: warum noch einmal den Fokus auf die Folgen legen? Das haben wir doch in den 1980ern schon getan. Wir wissen, was Atomwaffen anrichten – deshalb wollen wir sie ja loswerden! Aber Umfragen zeigen, dass heutzutage viele Menschen sich entweder nicht darüber bewusst sind, oder sich einfach nicht damit beschäftigen, was Atomwaffen ausrichten und anrichten können.

Das Thema ist vom „Radarschirm“ verschwunden, der voll von anderen Problemen ist: Klimawandel, Finanzkrise, Menschrechtsverletzungen etc. Ein ähnliches Problem hatten wir in den 1980ern mit Landminen – ein vollständig ausgeblendetes Bewusstsein für ihre fatalen Folgen – aber als diese in den Mittelpunkt der Debatte gerückt wurde, wurde es wieder möglich, die Staaten an den Verhandlungstisch zu bekommen.

Atomwaffen wurden natürlich nicht in gleichem Ausmaß eingesetzt wie Landminen, aber wir wissen genug über ihre potenziellen Effekte durch die relativ „kleinen“ Atomwaffen, die auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden. Und im Gegensatz zu Landminen würde schon eine einzige Atombombe unaussprechliches Leid über Huntertausende Menschen bringen, bereits ein „begrenzter“ nuklearer Schlagabtausch Millionen Menschen auslöschen und ein fürchterliches Umweltdesaster anrichten. Die wissenschaftlichen Belege hierfür werden den Staaten auf der Oslo-Konferenz präsentiert.

Ein totaler Atomkrieg zwischen den USA und Russland mag heute unwahrscheinlich geworden sein, aber möglich ist er dennoch. Rund 2000 Interkontinentalraketen sind noch immer in höchster Alarmbereitschaft und die Gefahr eines durch menschliches oder technisches Versagen unabsichtlich ausgelösten Atomkrieges besteht nach wie vor. Die Folgen eines solchen nuklearen Schlagabtausches sind so wahnsinnig, dass niemand über sie sprechen möchte. Sie ließen den Klimawandel aussehen wie eine sprichwörtliche Teeparty.

Aber warum das Ganze jetzt auf den Tisch bringen, wo doch Obama schon über weitere Reduzierung der Nukleararsenale spricht, mag sich mancher fragen? Sind wir nicht schon auf dem Weg zu „Global Zero“? Sollten wir einfach noch ein bisschen geduldiger sein und die Staaten ihren Weg der schrittweisen Abrüstung gehen lassen?

ICAN ist der Meinung, dass der Schritt-für-Schritt-Ansatz mehr wie ein Tanz ist – einen Schritt vor, zwei zurück. Die Zahl der Atomwaffen mag verringert werden, aber in einer Kurve die sich zunehmend verflacht, und bei „minimaler Abschreckung“ – vielleicht irgendwo bei ein paar Hundert Atomwaffen – ins Stocken geraten könnte. Und alle Atomwaffenstaaten, die offiziellen wie die inoffiziellen, sind in einem nuklearen „Modernisierungsrennen“ gefangen. Wir werden nie bei Null ankommen, ohne bindende Verpflichtungen und das ernstgemeinte Bekenntnis zur vollständigen Abschaffung aller Atomwaffen. Diese Verbindlichkeit kann nur durch einen Prozess begleitet von einem verifizierbaren Vertrag erreicht werden, in dem alle Schritte und Phasen bis zur kompletten Abrüstung festgelegt sind – in der Art, wie es auch zur Ächtung chemischer und biologischer Waffen kam.

Nichts von alledem ist neu. Aber die im letzten Jahr entstandene Dynamik sehr wohl. Teilweise, weil jüngere Leute dazugestoßen sind und ihre Energie in die Kampagne einbringen. Aber auch aufgrund der „CHC“-Strategie werden Staaten, die für Abrüstung stehen, motiviert, sich auch in diesem Fall zu engagieren. Auf der letzten UN-Generalversammlung wurde beschlossen, eine offene, zeitlich nicht begrenzte Arbeitsgruppe zu Abrüstung in Genf zu etablieren. Wie der mexikanische Botschafter auf dem von der deutschen Regierung ausgerichteten „Framework Forum“ der  „Middle Powers Initiative“ letzte Woche in Berlin, erklärte: Diese Gruppe ist wirklich offen und lädt auch die Zivilgesellschaft ein, sich zu beteiligen. Das Ziel ist den 15 Jahre andauernden Stillstand auf der „Conference on Disarmament“ zu durchbrechen und endlich wirklich mit Gesprächen darüber zu beginnen, wie man zu einem Verbotsvertrag gelangt.

Zivilgesellschaftliches Forum
Im Vorfeld der norwegischen Konferenz organisiert ICAN vom 2. – 3. März ein zivilgesellschaftliches Forum, ebenfalls in Oslo. Mehr als 700 Aktivisten aus der ganzen Welt haben sich bereits angemeldet. Viele von ihnen sind neu auf diesem Gebiet, weshalb „CHC“ einen Schwerpunkt des Programmes darstellt. Im Forum wird es aber auch um Werkzeuge für erfolgreiche Kampagnenarbeit und neue Wege der Mobilisation, Kommunikation und politischer Aktionen gehen, darum, wie wir von früheren Kampagnen lernen und von welchen „Best Practice“-Beispielen wir uns Anregung holen können, um die Frage, wie Verträge entwickelt werden, oder wie man mit ethischen Argumenten den üblichen Pro-Atomwaffen-Argumenten und Interessengruppen widersprechen kann. Es wird einen „Marktplatz“ für NGO’s geben, eine Party, ein Konzert, eine Rednerecke (speakers’ corner) und sogar ein paar Berühmtheiten wie Martin Sheen werden dort sein.

In den letzten Monaten waren NGO’s weltweit damit beschäftigt, ihre Regierungen dazu zu bringen, an der Staatskonferenz in Oslo teilzunehmen – sie werden dran bleiben und weiterhin mit Lobbyarbeit Druck für einen Verbotsvertrag machen. In Deutschland haben wir zum Beispiel schon ein Nachbereitungstreffen mit teilnehmenden Regierungsvertretern arrangiert, an dem humanitäre Organisationen nach Oslo die Möglichkeit haben sollen mit ihnen über Atomwaffen zu sprechen. Die Hoffnung ist groß und begründet, dass die humanitären Folgen von Produktion und Einsatz von Atomwaffen so inakzeptabel sind, dass sie einfach geächtet werden müssen!

Xanthe Hall, Abrüstungsreferentin der IPPNW, Foto: Xanthe HallXanthe Hall ist IPPNW-Atomwaffenexpertin, Sprecherin der Kampagne „atomwaffenfrei.jetzt“ und nimmt an beiden Konferenzen in Oslo teil.

Das Monster schläft nur

Quelle: Karte von Berlin, Google Maps

Es ist ein kalter Montagmorgen, ich stehe vor dem Büro und schließe mein Fahrrad an. Wie jeden morgen bin ich knapp sechs Kilometer von zu Hause bis hierher gefahren. Mein Blick fällt auf die massiven roten Ziegelwände vor mir und ich denke: Unfassbar, es gibt auf dieser Welt eine Waffe, die in weniger Zeit, als ich brauche, um mein Fahrrad anzuschließen, alles, was auf meinem Weg liegt – Stein, Beton, Stahl, Ziegel – dem Erdboden gleichmachen kann. In Sekunden wäre ein ganzer Stadtbezirk ausgelöscht, angrenzende schwer verwüstet, bis zu 80 km durch radioaktiven Fallout verseucht. Jeder Mensch, der mir heute Morgen begegnet ist, wäre tot, ÄrzteInnen, Krankenschwestern und Feuerwehrmänner eingeschlossen. In Hiroshima wurden 90% des medizinischen Personals selbst schwer verletzt oder getötet, die Krankenhäuser zerstört; für die Überlebenden im weiteren Umkreis, größtenteils schwerstverletzt durch Druckwelle, Hitze und  Feuersturm, gäbe es keine Hilfe. Alle Zentren für Schwerstbrandverletzte der Welt reichten nicht aus, um die Verbrennungsopfer einer einzigen Atomwaffenexplosion angemessen zu versorgen. Die Nagasaki-Bombe hat auf einen Schlag 6,7 Quadratkilometer Stadt vollständig ausgelöscht. Und die Bombe mit dem Namen „Fat Man“ war ironischerweise im Vergleich zu den heutigen Bomben eine „kleine“ Bombe, mit viel geringerer Zerstörungskraft.

Lebenslanges Leiden
Atomwaffen sind unzweifelhaft die zerstörerischsten Waffen, die es gibt. Sie vernichten unterschiedslos alles in ihrem Umfeld. Selbst wer solch ein Inferno überlebt, leidet sein Leben lang an den Folgen. Die freigesetzte Strahlung wütete noch Jahrzehnte nach dem Angriff in den Körpern und Genen der Menschen weiter: Das Risiko an Leukämie oder soliden Tumoren wie Schilddrüsen-, Lungen- oder Brustkrebs zu erkranken steigt signifikant. Auch vor den Nachgeborenen machen die Effekte der Bombe keinen Halt: Die Strahlenexposition erhöht das Risiko von erblichen Schäden in zukünftigen Generationen.

Nuklearer Winter und nukleare Hungersnöte
Eine neuere Studie der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges ergibt aber, dass die Folgen eines Atomwaffeneinsatzes noch viel weitreichender wären, als bereits beschrieben: Selbst ein regional begrenzter Atomkrieg, sagen wir mal mit der Hälfte der relativ „kleinen“ Arsenale von Ländern wie Pakistan und Indien (jeweils ca. 100 Atomwaffen), käme einem weltweiten „Ökozid“ gleich; das globale Ökosystem geriete völlig aus dem Gleichgewicht. Rauch und Staub der Explosionen und Brände blockierten bis zu 10% des Sonnenlichts, die Erdoberfläche kühlte sich ab und gleichzeitig sänken die Niederschlagsmengen. Als Folge verkürzten sich die Vegetationsperioden, weltweit bräche die landwirtschaftliche Produktion ein, Millionen Menschen stürben an Hunger. Würden die gesamten derzeit existierenden Atomwaffenarsenale eingesetzt, käme es sogar zu einer Abkühlung um durchschnittlich 7 bis 8° C – ein nuklearer Winter würde einsetzen. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Abkühlung während der letzten Eiszeit betrug nur 5°C.

Uranabbau
Aber selbst wenn wir meinen kleinen Film jetzt noch mal zum Anfang zurückspulen, dahin, wo wir heute stehen – in einer Welt, in der der erste und bisher letzte kriegerische Atomwaffeneinsatz 67 Jahre her ist und in der die meisten Menschen einfach stillschweigend hoffen, dass das Monster weiter schläft – selbst in dieser Welt, produzierten und produzieren die weltweit „ruhenden“ Atomwaffenarsenale katastrophales menschliches Leid. Das Ausgangsmaterial für die Produktion von Atomsprengköpfen ist Uran. Mehr als 70% des Urans weltweit wird auf dem Land von indigenen Völkern abgebaut. Große Mengen von Aufbereitungsrückständen verursachen eine dauerhafte radioaktive und chemische Verschmutzung und machen die betroffenen Menschen krank. Keine Uranmine auf der ganzen Welt wurde nach dem Ende der Förderung komplett dekontaminiert.

Das Erbe der Atomtests
Auch wer nicht in einem Uranabbaugebiet leben muss, trägt radioaktive Substanzen in seinem Körper, die der Existenz von Atomwaffen geschuldet sind. Seit dem Beginn des atomaren Zeitalters wurden mehr als 2.000 Atomwaffentests durchgeführt – oberirdisch, unter der Erde und unter Wasser. Der radioaktive Fallout dieser Tests belastet die gesamte Erde, einige Gebiete stärker, andere weniger stark. Die Folgen für die menschliche Gesundheit und für die Umwelt sind erschütternd. Die IPPNW schätzt, dass ungefähr 2,4 Millionen Menschen an den Folgen der oberirdischen Atomtests gestorben sind, die von 1945 bis 1980 durchgeführt wurden, und deren gesamte Sprengkraft 29.000 Hiroshimabomben entspricht. Auch wenn seit 1963 ein Atomteststoppvertrag für Oberirdische und Unterwassertest besteht: Das schreckliche Vermächtnis der Test werden wir nicht mehr los.

Atomwaffen statt Armutsbekämpfung
Zu guter (oder eher schlechter) Letzt muss man auch noch erwähnen: Geschätzte 105 Milliarden US-Dollar werden jährlich weltweit für die Herstellung, Erhaltung und Modernisierung der Atomwaffenarsenale ausgegeben. Mittel, die für Gesundheitsfürsorge, Bildung, Eindämmung des Klimawandels, Katastrophenhilfe, Entwicklungshilfe und andere lebenswichtige Aufgaben benötigt werden. In etwa die Hälfte von dem, was zurzeit jährlich für Atomwaffen ausgegeben wird, würde ausreichen, um die international vereinbarten Millennium-Entwicklungsziele zur Verminderung der Armut zu erreichen. 2010 waren die Ausgaben für Atomwaffen mehr als doppelt so hoch wie die offizielle Entwicklungshilfe für den gesamten afrikanischen Kontinent.

Wie man es auch dreht und wendet: Atomwaffen sind eine humanitäre Katastrophe, eingesetzt oder nicht. Und niemand kann mit Sicherheit garantieren, dass sie nicht doch irgendwann wieder eingesetzt werden. Ich will mich nicht darauf verlassen, dass dieses Monster weiter schläft. Ich will, dass es endgültig aus der Welt geschafft wird – durch einen weltweiten Verbotsvertrag, wie es ihn z.B. für Streubomben und Landminen bereits gibt.

Heute ist Tag der Menschenrechte. „Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person“, besagt Artikel 3 der Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948. Solange es Atomwaffen auf dieser Welt gibt, ist kein Mensch sicher. Fordern wir unser Menschenrecht ein!

Samantha StaudteSamantha Staudte (Redakteurin des IPPNW-Forum und Mitglied im Kampagnenrat von atomwaffenfrei.jetzt)