Europäer sollen für die nukleare Modernisierung mitzahlen

B61-Modernisierung: Das wird teuer!

Norton Schwartz liebt die klaren Worte. Der ehemalige Stabschef der US AirForce machte sich Mitte Januar dafür stark, die geplante nuklearfähige Version des neuen Jagdbombers der USA, des Joint Strike Fighters F-35, nur noch dann zu entwickeln, wenn die Europäer sich verpflichten, einen Teil der Kosten zu übernehmen. Gebe es kein finanzielles „Burdensharing“, keine finanzielle Lastenteilung, so sei es besser, auf das mehrere Hundert Millionen Dollar teure Vorhaben zu verzichten und „die Ressurcen, die heute für die Integration nuklearen Waffen in die F35 Block IV vorgesehen sind, umzuwidmen, um die nukleare Integration des Long Range Strike Bombers (des künftigen Langstreckenbombers der USA, LRSB), zu beschleunigen“. Schwartz argumentierte, wenn „es keine finanzielle Beteiligung der NATO-Verbündeten“ gebe, sollten „wir unsere eigene Streitkräftestruktur optimieren.“

Das Vorhaben, den Joint Strike Fighter, nuklearfähig zu machen, liegt derzeit auf Eis. Schon länger. Der Kongress hat auch für das Haushaltsjahr 2014 keine Gelder für die Entwicklung der Variante „Block IV“ bereitgestellt. Das neue Kampfflugzeug leidet noch immer unter erheblichen technischen Problemen, die vor allem mit der Software zu tun haben. Jüngst deutete die Marineinfanterie an, ihr Programm zur Beschaffzbg der F-35 könne sich um eineinhalb Jahre verzögern. Erneut.

Die Modernisierung der US-Atombomben vom Typ B61 zur B61-12 ist aus Sicht von General Schwartz „notwendig“, unabhängig davon, ob das eine nuklearfähige Variante bekommt. Diese Waffe sei „vom Einsatz her betrachtet“ vorteilhaft, weil sie eine geringere Sprengkraft und eine höhere Treffgenauigkeit besitze als die bisherigen luftgestützen Atomwaffen der US-Luftwaffe. „Eine höhere Zielgenauigkeit und eine niedrigere Sprengkraft – das sind wünschenswerte Fähigkeiten. Ohne Frage“, so der ehemalige General. Die B83, eine Megatonnenwaffe, sei zwar jünger als die B61, „übertreffe“ aber mit ihrer großen Sprengkraft die „militärischen Anforderungen“. Die Modernisierung der B61 sei aus seiner Sicht sogar wichtiger als die geplante Entwicklung eines neuen nuklearen Marschflugkörpers großer Reichweits. „Ich würde die B61 vorziehen.“

Der General bestätigt damit – ganz nebenbei – den wesentlichen Kritikpunkt an der B61-12: Die größere und flexiblere militärische Nutzbarkeit der neuen Bombe bringt das Vorhaben in Widerspruch zu dem Vesprechen von US-Präsident Obama, keine neuen und auch keine Atomwaffen mit neuen militärischen Fähigkeiten einzuführen. Gefragt, ob die Modernisierung die bestehende Waffe nur besser mache oder auch zu einer veränderten Zieplanung führen werde, antwortete Schwartz: „Es würde beide Effekte haben.“

Mittlerweile gibt es erste Indizien, dass der militärische Nutzen und die flexiblen Einsatzmöglichkeiten der neuen Waffe noch einmal verbessert worden sein könnten. Im Oktober 2013 wurde bekannt, dass die B61-12 nicht nur die B61-Versionen 3,4,7 und 10 ablösen soll, sondern alle bisherigen Atombomben der USA. Also auch die B83 mit ihrer maximalen Sprengkraft von einer Megatonne und den nuklearen Bunkerknacker B61-11.

Bisher ist nicht ganz klar, wie und warum es zu dieser Veränderung der Planung kam. Möglicherweise soll auf die B83 verzichtet werden, weil ihre Sprengkraft die heutigen Anforderungen übertrifft und man hofft, das Vorhaben B61-12 vom Kongress leichter finanziert zu bekommen, wenn man argumentieren kann, dass eine neue Waffe alle alten Typen ersetzen soll. Vielleicht gibt es aber auch ein technisch begründete Erklärung: Im Sommer 2012 empfahl ein wichtiges wissenschaftliches Beratergremium, die JASONs, nicht nur den sekundären Nuklearsprengsatz (das „Secondary“) der B61-4-Bombe, sondern auch jenen der B61-10 in das Modernsierungsprogramm für die B61-12 einzubeziehen. Das Nuclear Weapons Council, der interministerielle Staatssekretärausschuss, der über den Umfang und den Charakter nuklearer Modernisierungsprogramme Ende 2012, Anfang 2013 entschied, könnte dieser Empfehlung gefolgt sein. Bei der B61-10 handelt es sich um eine Atombombe, die aus den Atomsprengköpfen der umstrittenen Pershing-II-Rakete entwickelt wurde, die ihrerseits eine Ableitung aus der B61-4 darstellten. Die Secondaries der B61-4 und der B61-10 sollen einander weitgehend gleichen.

Das hätte zwei Folgen: Zum einen könnte dann eine größere Zahl von B61-Bomben modernisiert werden, weil mehr Secondaries zur Verfügung stehen. Zum anderen stünden mehr Sprengkraftstärken zur Wahl und ein noch flexiblerer Einsatz der Waffe würde möglich. Bei der B61-10 können andere Sprengkraftstärken gewählt werden als bei der B61-4. Dies hätte unter anderem zur Folge, dass die maximale Sprengkraft eines Teils der künftigen B61-12-Bestände auf rund 80 Kilotonnnen anwachsen könnte. Dies könnte erklären, warum die neue Bombe jetzt auch als Ersatz für die B83 und die B61-11 betrachtet wird.

Kleine Runde, großes Thema also: Die Zukunft taktischer Nuklearwaffen in Europa. Unter diesem Titel hatte die Washingtoner Denkfabrik Stimson Center am 16. Januar in Washington eingeladen. Norman Schwartz war einer der Referenten.

» Hier wurde die Veranstaltung dokumentiert (Video).

Otfried NassauerOtfried Nassauer ist freier Journalist und leitet das Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit – BITS.

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Die Debatte über Atomwaffen neu ausrichten

Studierende lernen, was Atomwaffen tun können. Foto: Elena Finckh

„Wir reden mit Politikern über die Abschaffung der Atomwaffen.“ Das war das Motto, mit dem die Berliner IPPNW-Studi-Gruppe auf ihren Veranstaltungen und über ihren Newsletter auf das intensive Workshop-Wochenende am Anfang des Jahres aufmerksam machte. Viele der Interessierten hatten zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung und meldeten sich kurzerhand an, ohne zu wissen, wie schlimm es um die Welt und ihre Atomwaffen eigentlich gestellt ist.

Bereits die ersten Fakten am Samstag, dem ersten Seminartag, waren schier umwerfend: ca. 17.000 Atomwaffen lagern noch in aller Herren Länder und 20 davon allein in Deutschland, jede einzelne mit einem Vielfachen der Sprengkraft von der Bombe, die damals in Hiroshima zum Einsatz kam – „Little Boy“.

An diesem Workshop-Tag beschäftigten wir uns mit den Ausmaßen und Folgen von Atomwaffen und deren Einsatz, welche jeglichen Menschenverstand übersteigen. Wie soll man sich auch vorstellen, dass die Sprengkraft der heutigen Atomwaffen ausreicht, um die gesamte Oberfläche unserer Erde viele Male zu zerstören? Einmal reicht ja schließlich schon um alles Leben und alle Zivilisation zu beenden. Selbst die humanitären Folgen einer einzelnen Atombombe heutigen Ausmaßes wären verheerend, Temperaturen, heißer als die Sonne, zerstörten im Umkreis von einigen Kilometern einfach alles. Auf die angrenzenden Gebiete würde sich ein Feuersturm ergießen, der allein in seinen Windgeschwindigkeiten dem stärksten je gemessenen Typhoon auf den Philippinen 2013 gleichkäme und die akute und langfristige Strahlenkrankheit würde unzählige weitere Menschen das Leben kosten. Nichts wäre mehr wie es einmal war und ungeheures Leid würde der Menschheit widerfahren.

Warum also gibt es dann noch so viele Atomwaffen auf der Welt und warum ist nach wie vor kein Ende der Atomwaffen-Ära in Sicht? – Diesen und weiteren Fragen gingen die 20 SeminarteilnehmerInnen, bestehend aus Studierenden der Medizin, Politik, Kunstgeschichte und Internationalen Beziehungen, zwei Tage lang auf die Schliche.

Am zweiten Seminartag widmeten wir uns den Techniken und Feinheiten parlamentarischer Lobbyarbeit. Erfahrene Journalisten der IPPNW und andere Experten, darunter ehemalige Politikberater, zeigten uns, wie wir bei den Abgeordneten und ihren Mitarbeitern Gehör finden und wie wir unser Anliegen deutlich machen können, mit dem Ziel: „Die Debatte neu auszurichten“ und aktiv auf den politischen Diskurs Einfluss zu nehmen.

Am dritten Tag endete unser Treffen mit den Gesprächen, die wir in kleinen Gruppen mit verschiedenen Politikern der unterschiedlichen Parteien, des Verteidigungsministeriums und des Auswärtigen Amtes führten. Bei den Gesprächen kam es zu einem fruchtbaren und spannenden Austausch und die Studierenden stießen auf reges Interesse. Als Erfolg kann man sicherlich werten, dass jeder der sechs Politiker von sich aus an einem Folgegespräch und einem fortbestehenden Kontakt interessiert war.

Genauso wichtig aber: Der Workshop war der Anfang einer Vernetzung und Zusammenarbeit der jungen Teilnehmer, die sich alle zum Ziel gesetzt haben Atomwaffen ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen und nicht ruhen werden bis dieses Ziel erfüllt ist!

Mathis Kurz und Frederik Holz sind Medizinstudenten an der Charité in Berlin.