Hiroshima und Nagasaki: Zwischen den Jahrestagen

Wolfgang Schlupp-Hauck bloggt aus Hiroshima

hiroshimaAm Abend des 6. August war ich noch unterwegs zur Laternenzeremonie. Auf dem Weg zum Friedenspark stieß ich an einer Ecke auf eine Gruppe Menschen in deren Mitte zwei Buddistische Priester beteten. Ich blieb stehen und hörte den Rezitationen und den Klängen des angeschlagenen Gongs zu.

Dann ging ich weiter. Bei einem Friedensdenkmal beim stand ebefalls eine Menschenmenge die betet. Ich ging weiter zum Atomdom. Dort waren Massen von Menschen und drängten sich auf den Wegen und der Brücke. Erleuchte Kraniche waren im Wasser installiert, zwischen denen die Laternen schwammen.hiroshima2

Hier empfand ich die Stimmung ein wenig wie bei einem Lichterfest. Ich ging weiter zum Centograph. Dort wird eine Liste aufbewahrt mit allen Atombombenopfern, die auch noch heute erweitert und fortgeführt wird. Eine Schlange von über hundert Menschen stand davor, um Blumen niederzulegen oder ein Fürbittgebet zu verbrennen.

hiroshima3Auf meinem Rückweg passierte ich die Stelle an der die Laternen nach der buddistischen Zeremonie ins Wasser gesetzt wurden. Sie hatten sich langsam vom Ufer gelöst und trieben nun mit dem Fluß davon. Ein Stand, an dem man einen Lampion beschriften kontte war imm noch besetzt. Ich beschriftete ein Papier. Einer der Prieter begeleitete mich über die Straße. Aum Fluß wartete ein Mann, der den Lampion in das Wasser setze. Und so trieben meine Friedenswünsche ebenfalls den Fluß hinab.

wsh_hiroshimaAm Nachmittag des 6. Augustes hatte ich auch zusammen mit dem Bürgermeister von Hannover ein Gespräch mit Hiroshimas Bürgermeister Matsui. Es ging um die Zusammenarbeit im Rahmen von Mayors for Peace. Hiroshima trat an Hannover mit der Bitte heran, als Leadcity eine führende Rolle bei Mayors for Peace zu übernehmen. Gemeinsam mit Bürbermeister Schostok stellte ich das Kunstprojket „50 Städte – 50 Spuren“ von Klaudia Dietewich  vor.  In beiden Angelegenheiten wurden noch keine abschließenden Entscheidungen getroffen. Bürgermeister Schostok bekräftigte das Engagement Hannovers fortzuführen und Bürgermeister Matsui kündigte an, das Kunstprojket auf der nächsten Sitzung des Exekutivausschuses der Mayors for Peace zu besprechen, zu dem ich eingeladen werde.

Mit dem Bus ging es am 7. August nach Nagasaki. Dort wird die Konferenz von Gensuikyo fortgesetzt. Sie begann mit einem mit kulturellen Beiträgen gestalteteten  Auftakt:

chor_hiroshima15Die Aktivitäten eines  Friedensmarsches wurden vorgestellt. Ein Chor, das aus Hibakushas besteht, schilderte in Liedern die Erlebnisse und Leiden der Überlebenden.

Nach der Veranstaltung wurde ich von meinem Gastgeber abgeholt und in seinem traditionell japanischen Holzhaus freundlich empfangen.

Wolfgang Schlupp-Hauck, Pressehütte Mutlangen, ist Sprecher des Trägerkreises „Atomwaffen abschaffen – bei uns anfangen“

Wolfgang bloggt seit 28. Juli über seinen Besuch in Japan hier: http://fastenkampagne.global-zero-now.de/, Pfarrer Matthias Engelke bloggt auch über die Fastenaktion in Büchel.

Grußbotschaft von Nihon Hidankyo

bunte Kraniche

Liebe deutsche Freunde und Freundinnen,

wir senden Euch herzliche Solidaritätsgrüße. Während des Wettrüstens zwischen den USA und der Sowjetunion nach dem Ende des 2. Weltkriegs haben wir Menschen auf dieser Erde fast ein halbes Jahrhundert lang in Furcht unter einem Damoklesschwert gelebt. Der Kalte Krieg ist beendet, aber begehen wir den 70. Jahrestag der Beendigung des 2. Weltkriegs nicht mit dem Gefühl eines wachsenden Handlungsdrucks wegen der Gefahr, die von Atomwaffen ausgeht?

Auf diesem Planeten gibt es immer noch ungefähr 16.000 Atomsprengköpfe, genug, um die gesamte Menschheit und die Erde mehrfach zu vernichten. Viele von ihnen befinden sich in unmittelbarer Abschussbereitschaft.

Am 6. und 9. August 1945 wurden die Städte Hiroshima und Nagasaki jeweils durch eine einzige Bombe völlig zerstört. Bis Ende 1945 belief sich die Zahl der Toten in Hiroshima auf 140.000 und in Nagasaki auf 73.000 Menschen. Sie starben einen grausamen Tod. Diejenigen, die dem unmittelbaren Sterben entgingen, mussten später für den Rest ihres Lebens an Krankheiten und Ängsten leiden, die aus den Folgeschäden der radioaktiven Strahlung resultieren. Hunderttausende litten so oder leiden noch heute.

Die internationalen Konferenzen von Oslo in 2013 sowie von Nayarit und Wien in 2014 haben die grausamen und schwerwiegenden humanitären Folgen eines Atomwaffeneinsatzes erneut offen gelegt.

Seit mehr als 60 Jahren – seit Beendigung der Besetzung Japans durch die Alliierten – haben wir Hibakusha auf die Tatsache aufmerksam gemacht, dass Atombomben bereits eingesetzt worden sind und dass die Gefahr eines weiteren Einsatzes real und nicht eine Sache der Vergangenheit ist. Viele Hibakusha, die vor den Atomwaffen gewarnt haben, sind inzwischen tot, die übrigen altern. Die Zahl derer, die noch Zeugnis aus eigener Erfahrung ablegen können, nimmt rapide ab.

Wir Hibakusha appellieren an Euch: Wir müssen uns beeilen. Wir müssen alle Atomwaffen von unserer Erde hinwegfegen. Lasst uns zusammenarbeiten, damit wir dieses Ziel erreichen.

Keine weiteren Hiroshimas!
Keine weiteren Nagasakis!
Keine weiteren Hibakushas!
Keinen weiteren Krieg!

Für die Japanische Vereinigung der Überlebenden der Atom- und Wasserstoffbomben (Nihon Hidankyo)

Terumi Tanaka (Generalsekretär)

Übersetzung Guido Grünewald (DFG-VK)

Atomwaffenfrei? Nicht jetzt, aber bald!

Ostermarsch Büchel 2013, © Herbert Sauerwein

Drei Jahre lang hatte sich die Kampagne „atomwaffenfrei.jetzt“ intensiv für weitere atomare Abrüstung eingesetzt. Im Juni zogen wir bei einem sehr gut besuchten Treffen im Alten Feuerwehrhaus Köln Bilanz.

Was haben wir bewegt und was nicht?
Es ist uns gelungen, die Thematik Atomwaffen über drei Jahre hinweg beständig am Kochen zu halten, obwohl sich die Rahmenbedingungen seit Beginn der Kampagne im Mai 2012 merklich negativ verändert haben. Zwar wurde unsere Arbeit von einer Reihe problematischer Einflüsse sehr erschwert – die Ukrainekrise, eine Anti-Westerwelle-Stimmung in der neuen Bundesregierung, die Haltung der Großen Koalition, u.a.  -; trotz alldem wurden wir als Bewegung wahrgenommen. Unsere Kritik an der Modernisierung der Massenvernichtungswaffen und an der fehlenden Bereitschaft zu weiteren konkreten Abrüstungsschritten wurde regelmäßig abgefragt.

Durch unsere ständige Präsenz und den internationalen Austausch haben wir mit dazu beigetragen, dass die Initiative des Austrian Pledge (jetzt Humanitarian Pledge) zustande gekommen ist – nach drei Konferenzen zu humanitären Folgen in Norwegen, Mexiko und Österreich. Ein großer Erfolg, begleitet durch die Klage der Marshall-Inseln gegen alle Atomwaffenstaaten.

Zwar war es wichtig viel Kraft auf das Thema der Modernisierung von Atomwaffen zu verwenden und einem Verbotsvertrag durch die humanitäre Initiative etwas näher zu kommen, jedoch ist ein Abzug der letzten in Deutschland stationierten Atomwaffen immer noch nicht absehbar. Trotz entsprechender Beschlüsse und Vereinbarungen in der Koalitionsvereinbarung 2009 und im Bundestag 2010 scheint der Abzug noch weiter in die Ferne gerückt zu sein als vor drei Jahren.

Daher war es uns besonders wichtig, zum Schluss der Kampagne den Schwerpunkt auf Aktionen am und um das Atomwaffenlager Büchel zu legen, parallel zur Staatenkonferenz zum Atomwaffensperrvertrag in New York. Die Aktion „büchel 65“ in diesem Frühjahr war mehr als nur die konsequente Fortsetzung der 24-stündigen Musikblockade im Jahr 2013. Büchel wurde als Symbolort des Widerstands gestärkt, der Kreis der Anti-Atombewegung erweitert und die Kultur des zivilen Ungehorsams wieder neu belebt.

Das Netzwerk in der Eifel-Region und generell die regionale Verankerung in Rheinland-Pfalz wächst, obwohl direkt aus Büchel auch bei büchel65 nur wenige Leute teilnahmen. Bundesweit sind 31 Gruppen, die auch in ihren Heimatorten aktiv sind, von März bis Mai 2015 nach Büchel gereist und nahmen an der Blockade teil. Dabei ist der Protest über den kompletten Zeitraum strikt gewaltfrei geblieben und auch die Polizei hat sich respektvoll gegenüber den DemonstrantInnen verhalten. Allerdings war die Polizei generell bemüht, Prozessen aus dem Weg zu gehen. Die Kombination aus Vorgaben, Hinweisen und dem nötigen Freiraum für Aktionen kam gut bei den Gruppen an. Die zur gleichen Zeit stattfindende Ausstellung in Mainz hat auch großen Anklang gefunden.

Leider ist die bundesweite Presseresonanz auch zum Ende der Kampagne nicht wie erhofft ausgefallen. Regional war die Aktion jedoch des öfteren in den Medien zu finden. Vielfach hatten wir auch bei den Medien das Gefühl, dass die Atomwaffenfrage aus der Öffentlichkeit herausgehalten werde und der Zusammenhang der verschiedenen Aktionen (Büchel, Mainz und New York) ausgeblendet oder gar nicht verstanden wurde.

Was konnten wir ausbauen?
Die enge Zusammenarbeit mit den Mayors for Peace konnten wir vertiefen. Die Internetpräsenz in sozialen Netzwerken als auch auf eigenen Webseiten konnten wir deutlich ausbauen. Die Aktion „Atomwaffen – ein Bombengeschäft“, der Aufschwung bei ICAN, die Planungskonferenz zum 70. Jahrestag Hiroshima-Nagasaki  und die verbesserte Präsenz bei Veranstaltungen waren wichtige Bausteine, um die Bewegung für atomare Abrüstung in Deutschland auszubauen. Allerdings besteht noch weiter Potential, das wir nutzen müssen, um das oft so vernachlässigte Thema weiter voranzutreiben.

Von großer Bedeutung, auch für die Zukunft, sind die unter anderem seit 8 Jahren beständige Kerngruppe, die vertrauensvolle Zusammenarbeit und Kontinuität, sowie die wöchentlichen Telefonkonferenzen, welche die inner-organisatorische Zusammenarbeit verstärkt haben. Die Zusammenarbeit und das Netzwerk wurden erweitert und gestärkt. Außerdem wurde der beständige Finanzmangel gemeistert.

Was bleibt für die Zukunft?
Es geht mit großem Schwung weiter. Die Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki jähren sich 2015 zum 70. Mal. Diese Jahrestage erinnern uns daran, alles uns Mögliche zu tun, damit solche Tragödien sich nicht wiederholen.

So wichtig in diesem Jahr das Gedenken an die Verbrechen der Atombombenabwürfe 1945 ist, weit wichtiger ist es in der Öffentlichkeit ein Bewusstsein zu schaffen, wie sehr die Uhr tickt. Symbol dafür sind die Doomsday Clock in New York, die im Januar 2015 um zwei Minuten vorgerückt wurde – von fünf vor auf nur drei Minutuen vor zwölf – sowie die vierwöchigen Verhandlungen zum Atomwaffensperrvertrag im Mai 2015 in New York.

Eine Vielzahl von Aktionsmöglichkeiten haben wir in diesem Zusammenhang entwickelt:

Wer mehr darüber informieren will, kann die Aktionsseite anschauen: www.hiroshima-nagasaki.info

Auch einen Blick über den Sommer hinaus haben wir schon gewagt. So erwägen wir derzeit eine Konzeption für eine neue Kampagne. Denn: Nachlassen zählt nicht! Im Oktober werden wir dazu einladen, da wir Eure Ideen und Kraft brauchen, um weiter machen zu können. Je mehr wir sind, desto mehr wird die teilweise extrem hohe Arbeitsbelastung der Aktiven reduziert. Eins haben wir gelernt: Eine Kampagne braucht viele Menschen, um Großes zu bewegen. In der Koordination brauchen wir Verstärkung, vor allem von Ehrenamtlichen. Ihr seid gefragt!

Roland Blach & Xanthe Hall

Interesse an Mitarbeit im Trägerkreis? Ruft uns an:
Kontakt: 0711-51885601

„70 Jahre sind genug“

Sammlung der Ideen bei der Planungskonferenz am 31.1.2015 in Hannover. Foto: Xanthe Hall / IPPNW

Zur Planungs- und Aktionskonferenz „ 70 Jahre sind genug“ trafen sich am 31. Januar 2015 40 Menschen aus dem ganzen Bundesgebiet im Rathaus Hannover und wurden dort von Stefan Schostok begrüßt. Der Oberbürgermeister von Hannover, der Partnerstadt von Hiroshima, ist traditionell Vizepräsident von Mayors for Peace (Bürgermeister für den Frieden).

Am 6. und 9. August 2015 jähren sich die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki zum siebzigsten Mal. Der Kampagnenrat „atomwaffenfrei jetzt“ hatte aus diesem Grund ab Oktober zu dieser Konferenz aufgerufen. Da die Kampagne „atomwaffenfrei.jetzt“ im Mai zu Ende geht, bietet sich eine gute Gelegenheit, anlässlich der Gedenktage en bundesweites Projekt zu organisieren.

Schon vor dem Mittagessen gab es eine eindrucksvolle Ideensammlung. In vielen Städten Deutschlands wird es im ganzen Jahr regionale Veranstaltungen zum Gedenken an die Hibakusha (Strahlenopfer) geben.

Auch am Atomwaffenstützpunkt in Büchel wird bereits ab dem 26. März eine Aktion der anderen folgen – so unter anderem im August die Fastenaktion des dortigen Initiativkreises gegen Atomwaffen, die jährlich einen Tag länger wird.

Als ein Ergebnis der Konferenz wurde festgehalten, dass das bundesweite Projekt die vielfältigen, regionalen Aktionen und Veranstaltungen vernetzen und bündeln wird. Dadurch kann das Erinnern, aber auch die Forderung nach einer atomwaffenfreien Welt mit einer kraftvolleren Stimme in die Öffentlichkeit getragen werden.

Die aktuelle Atomwaffensituation wurde in einem Impulsreferat von Xanthe Hall (IPPNW) deutlich gemacht.  Die Konferenz zeigte sich einig in der Frage, dass Gedenken alleine nicht reicht.  „Büchel 65“ rief die KonferenzteilnehmerInnen auf, den Anlass zu nutzen durch gewaltfreie Blockadeaktionen im Frühjahr den Druck auf Entscheidungsträger zu erhöhen.

Die Planungskonferenz war ein Rundum-Erfolg. AktivistInnen aus knapp 30 Gruppen, Organisationen und politischen Bündnissen brachten viele Erfahrungen und Ideen ein und nutzen die Gelegenheit, sich zu vernetzen. Gemeinsam suchten sie einen Namen für das überregionale Projekt. Die Vorschläge werden in den nächsten Wochen auf den Prüfstand gestellt.

Das Netzwerk Friedenskooperative mit seinem Büro in Bonn wird das Projekt koordinieren. Es stellt in den nächsten Wochen eine Webseite zum 70. Jahrestag ins Netz. Dort können alle lokalen Veranstaltungen veröffentlicht werden. Materialangebote und ReferentInnenlisten zum Thema werden ebenfalls auf der Webseite zu finden sein.

Die KonferenzteilnehmerInnen dachten  am Nachmittag noch über gemeinsame überregionale Aktionen nach. Wichtiger methodischer Baustein war hier das Brainstorming in vier Kleingruppen zu folgenden Themen: Großplakate für August,  Aktionen rund um den Flaggentag am 8. Juli 2015 in Kooperation mit den Bürgermeistern für den Frieden, Klärung der Bedarfe, eine Service-Website und  Bildungsarbeit zur Atomwaffensituation. Bei der Bildungsarbeit wurde deutlich, dass Lernmodule zum Thema aktualisiert oder sogar neu erarbeitet werden.

Reiner Braun erläuterte am Nachmittag, dass die Marshallinseln beim internationalen Gerichtshof alle Atomwaffenstaaten angeklagt haben, damit sie ihrer Verpflichtung zu Abrüstung gemäß dem Atomwaffensperrvertrag endlich nachkommen. Er ermutigte die KonferenzteilnehmerInnen bei Ihren Veranstaltungen auch über die Atomtests und die Klage der Marshallinseln aufzuklären.

Machen Sie mit! 70 Jahre sind genug.
Wir brauchen endlich einen internationalen Verbotsvertrag für Atomwaffen.

Silvia Bopp, Büchel, 2013. Foto: Xanthe Hall / IPPNWSilvia Bopp arbeitet in der Pressehütte Mutlangen und ist Mitglied des Kampagnenrats „atomwaffenfrei.jetzt“

Dieser Artikel wird in der März-Ausgabe des IPPNWforum erscheinen.

Zu den 70. Jahrestagen gibt es auch eine Ausgabe von „Im Blick”

Präsentation von Silvia Bopp und Roland Blach mit einem Rückblick, Ausblick und Zeitstrahl zu den Jahrestagen

Büchel 2014 – Erfolgreiches Widerstandscamp

8. August 2014, von 5:30 bis 8:45 Uhr blockierten Friedensaktivist_innen die beiden Hauptzufahrts-Tore des Atomwaffenstützpunktes Büchel. Hier am Lutzerather Tor mit Tripod. Foto: GAAA

Anknüpfend an die 24-Stunden-Musik-Blockade im letzten Jahr fand auch dieses Jahr neben dem Haupttor des einzigen deutschen Atomwaffenstützpunktes in Büchel (Eifel) ein zehntägiges Camp statt. Es  sollte die notwendige Infrastruktur bieten, damit verschiedene Gruppen vom 2.–11.8.2014 ihre eigenen Aktionen rund um die Gedenktage von Hiroshima und Nagasaki durchführen können.

Anlass für die diesjährigen Widerstandsaktionen gegen die Atomwaffen auf deutschem Boden ist die beschlossene Modernisierung der 180 US-Atomwaffen in Europa. Mit einer geringeren Sprengkraft, aber mit größerer Zielgenauigkeit, werden diese Atomwaffen militärisch einfacher einsetzbar sein. Im Grunde soll hier eine neue Generation von Atomwaffen stationiert werden. Deutschland muss dafür mit mehreren Millionen Euros seine Tornados, die diese Waffen im Ernstfall mithilfe deutsche Soldaten abwerfen sollen, umbauen lassen. Der auf breiter Basis im Deutschen Bundestag 2010 beschlossene bedingungslose Abzug wird somit von der Bundesregierung umgangen. Mit der derzeitigen Krise in der Ukraine und der zunehmenden Konfrontation mit Russland wird noch einmal die Brisanz dieser Entwicklung offensichtlich.

Die ersten Tage des Camps wurden genutzt, in der Umgebung und unmittelbar am Atomwaffenstützpunkt die Menschen über den Anlass der kommenden Aktionen aufzuklären. Die Friedensreiterinnen schwärmten mit ihren Pferden und Flyern aus, um die Menschen in der Umgebung nach den Gottesdiensten zu informieren. Sie trafen zum Teil auf  verhaltene Neugierde, zum Teil auf Abwehr. Der Atomwaffenstützpunkt ist der größte Arbeitgeber in dieser strukturschwachen Region.

Nach Vorbereitungen und Trainings begannen am 5.8. morgens um 5.30 Uhr an drei wichtigen Haupteinfahrtstoren die Blockaden. Etwa 30 Aktive beteiligten sich daran, u.a. auch Personen, die sich auf dreibeinigen Hochständen „gemütlich“ machten. Damit konnte das Einfahren von Fahrzeugen verhindert werden, es kam zu ersten längeren Staus. Die Beschäftigten mussten zu Fuß zu ihrem Arbeitsplatz laufen. Die Polizei ließ uns zunächst gewähren. Diese erste Blockade in diesem Jahr wurde dann nach einhelligen Beschluss aller Beteiligten auf insgesamt 30 Stunden verlängert und war die bisher am längsten dauernde Behinderungsaktion an diesem Ort. Sie endete am 6.8. um 12.30 Uhr. Am zweiten Morgen wurde sie an einem Tor für kurze Zeit geräumt, drei Personen wurden vorübergehend festgenommen. Am gleichen Tag wurde die in Konstanz begonnene Fastenaktion des Internationalen Versöhnungsbundes vor dem Haupttor fortgesetzt.

Am 6. und 7. 8. fanden im nahen Cochem, wo sich viele Touristen aufhielten, eine  öffentlichkeitswirksame Brückenaktionen statt. Mit einem weit sichtbaren Transparent über der Mosel, „Ferienland Cochem – Atomwaffenfrei“ wurde auf die von den meisten Feriengästen unbemerkte Gefahr hingewiesen.

Am 8.8. bekamen wir  Verstärkung von Mitgliedern der Gruppe „Sortier du Nucleaire“ aus Frankreich, die die Atomwaffengefahr als grenzüberschreitendes Problem noch einmal unterstrichen. Allerdings wurde diese Blockade für den einfahrenden Morgenverkehr recht bald von der Polizei geräumt, so dass diese Aktion nach 2 ½ Stunden aufgegeben wurde.

Am 9.8. fand dann zum Zeitpunkt des Atomwaffenabwurfs über Nagasaki das offizielle Ende der diesjährigen Fastenaktion statt. Es wurde mit einem gemeinsamen köstlichen Mal begangen. Dazu spielte eine Gruppe der Lebenslaute. Zwei Politiker besuchten zu diesem Anlass das Camp. Die diesjährigen Aktionen endeten mit einem fulminanten Konzert vor dem Haupttor, das die Lebenslaute und einige andere Musiker vor etwa 50 Zuhörern, auch aus der Region, gaben. Eine Frau, die in der Nähe des Atomwaffenstützpunktes Büchel wohnt, war so beeindruckt, dass sie sich vornahm, intensiv Menschen aus der Region für die nächsten Aktionen zu mobilisieren.

Mit dem diesjährigen Aktionscamp sind wir einen Schritt weiter gekommen, Büchel zum sichtbaren Symbolort für die Atomwaffengefahr in Deutschland zu machen. Ganz unterschiedliche Gruppen mit sehr unterschiedlichen Aktivitäten konnten über eine Woche lang in gegenseitig ergänzender Weise auf die Brisanz des Themas aufmerksam machen, ohne sich gegenseitig zu behindern. Es war ein gelungener Probelauf für die geplante Dauerpräsenz Büchel 65 im nächsten Jahr. Vom 26. März, dem Tag des denkwürdigen Bundestagsbeschlusses 2010 bis Ende Mai (Abschluss der nächsten NPT-Runde in New York) wollen wir über 65 Tage lang vor Ort unsere widerständige Dauerpräsenz zeigen und laden jetzt schon Gruppen ein, mit der Anwesenheit von ein, zwei drei oder mehr Tagen diesen Widerstand zu verbreitern und den Druck auf die Bundesregierung zu erhöhen, endlich den Bundestagsbeschluss auch umzusetzen. Sollten sich Regionalgruppen, IPPNW-Mitglieder mit ihren kommunalen Friedensgruppen oder einzelne Mitglieder Interesse haben daran teilzunehmen, können sie sich gerne an mich wenden. Für die IPPNW würde ich die Aktivitäten koordinieren. Weitere Informationen kann man über die Homepage buechel-atomwaffenfrei.de bekommen.

Iskenius-Ernst-ludwig_300dpi-swErnst-Ludwig Iskenius ist Arzt und Mitglied der IPPNW Deutschland

Bild oben: 8. August 2014, von 5:30 bis 8:45 Uhr blockierten Friedensaktivist_innen die beiden Hauptzufahrts-Tore des Atomwaffenstützpunktes Büchel. Hier am Lutzerather Tor mit Tripod. Foto: GAAA

Vielfältige Veranstaltungen und Aktionen zum Hiroshimatag 2014

Foto: Xanthe Hall / IPPNW

Am Mittwoch, den 6. August, fand, 69 Jahre nach den verheerenden Atombombenangriffen auf Hiroshima und Nagasaki, der Hiroshimatag 2014 mit bundesweit mehr als 60 Veranstaltungen statt. Dabei gab es Veranstaltungen unterschiedlichster Art; so wurde den Opfern von Hiroshima und Nagasaki in Neustadt mit der andächtigen „Nacht der 100.000 Kerzen“ gedacht. Am Fliegerhorst Büchel (Eifel) fand hingegen ein mehrtägiges Protestcamp zur Blockade des dortigen Atomwaffenlagers, wo immer noch 20 US-Atomwaffen stationiert sind, statt.

Auch in Bonn fand, wie jedes Jahr seit 1984, eine Gedenkveranstaltung am Beueler Rheinufer statt, an der mehr als 70 BonnerInnen teilnahmen. Robert Nicoll von der Friedensinitiative Beuel hob hervor, dass im Krieg immer die Zivilbevölkerung leidet. So waren die Opfer von Hiroshima und Nagasaki größtenteils Zivilisten. Mit Reinhard Limbach (CDU) nahm auch der erste Bürgermeister der Stadt Bonn teil. Er wies darauf hin, dass Bonn seit 2005 Mitglied des Bündnisses „Mayors for Peace“ ist. Die 1982 vom damaligen Bürgermeister von Hiroshima, Takeshi Araki, gegründete Initiative setzt sich für die Abschaffung aller Nuklearwaffen bis zum Jahr 2020 ein.

Doch dieses Ziel scheint zur Zeit in weiter Ferne. Weltweit existieren immer noch mehr als 20.000 atomare Sprengköpfe. Trotz gegenteiliger Absichtsbekundungen der Bundesregierung sollen die in Büchel stationierten Atomwaffen weiterhin dort verbleiben und 2017 sogar modernisiert werden. Umso wichtiger sind Veranstaltungen wie der Hiroshimatag, die die Aufmerksamkeit auf die Zerstörungsgewalt von Nuklearwaffen lenken. „Atomwaffen sind kein alter Hut. Sie sind eine Bedrohung für die Menschheit wie eh und je. Der Konflikt in der Ukraine, bei dem sich Russland und NATO scheinbar wie zu Zeiten des Kalten Krieges gegenüberstehen, gibt Anlass zu großer Sorge. Gleichzeitig werden Modernisierungspläne für Atomwaffen und Trägersysteme, sowie der Raketenabwehrschirm weiter vorangetrieben. All dies erhöht das Risiko eines Einsatzes oder eines Unfalls“, so Philipp Ingenleuf vom Netzwerk Friedenskooperative und der Kampagne atomwaffenfrei.jetzt.

Der Friedensbeauftragte der EKD, Renke Brahms, fordert ebenfalls die Ächtung der Atomwaffen. „Die Opfer der beiden Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki müssen uns immer eine Mahnung sein, damit solch schreckliche Waffen geächtet werden“, so Brahms. Die noch heute spürbaren Folgen der Angriffe zeigen, wie wichtig ein Eintreten für die Ziele von atomwaffenfrei.jetzt ist. Es darf keine Modernisierung der existierenden Atomwaffen geben, die in Büchel stationierten Atomsprengköpfe müssen abgezogen werden und schlussendlich müssen alle Atomwaffen weltweit verboten und zerstört werden.

Eine Übersicht über alle Veranstaltungen zum Hiroshimatag findet sich hier

 

 

Fotos vom Hiroshimatag in Bonn:

Created with flickr slideshow.

Nils Biermann ist derzeit Praktikant beim Netzwerk Friedenskooperative in Bonn und hat u.a. die Termindatenbank des Netzwerks zum Hiroshimatag betreut und gepflegt. Er studiert English Studies sowie Politik und Gesellschaft an der Universität Bonn.

Tadatoshi Akiba erhält Friedensmedaille

Foto: Xanthe Hall / IPPNW

Das Kuratorium der DGVN Berlin-Brandenburg hat Dr. Tadatoshi Akiba einstimmig zum dreizehnten Preisträger der Otto-Hahn-Friedensmedaille gewählt. Der ehemalige Bürgermeister Hiroshimas und langjährige Präsident der weltweit aktiven Organisation „Mayors for Peace“ wurde für seine herausragenden Verdienste um Frieden, Humanität und Völkerverständigung am 16. April 2013 im Atrium der Deutschen Bank in Berlin ausgezeichnet. Regina Hagen, Sprecherin der Kampagne „atomwaffenfrei.jetzt“ erhielt die Laudatio.

Hier sind Auszüge aus der Laudatio:
»Tadatoshi Akibas Rede bei der PrepCom 2003 dauerte zehn Minuten – zehn Minuten, die viele NGOs elektrisierten. Dr. Akiba forderte einen umfassenden Verbotsvertrag ein, wie ihn die Zivilgesellschaft schon lange verlangt hatte. Er rief nach einer Nuklearwaffenkonvention – sechs Jahre zuvor hatten drei NGOs bei den Vereinten Nationen einen Modellentwurf dafür vorgelegt. Tadatoshi Akiba sprach uns aus der Seele ‑ und er kam aus dem politischen Establishment, stand einer Millionenstadt vor, war zuvor Parlamentsabgeordneter gewesen, ihn konnte man nicht einfach als »naiven Spinner« abtun.

Er holte mit seinem Team, das er u.a. aus der Zivilgesellschaft rekrutierte, die Mayors for Peace aus einer Art Dornröschenschlaf. Die Bürgermeister für den Frieden sind durch Dr. Akiba und mit Unterstützung zahlreicher Helferinnen und Helfer der Friedensbewegung zu einer global agierenden Organisation geworden. Gehörten bei seinem Amtsantritt als Hiroshimas Bürgermeister weniger als 450 Städte dazu, so zählt die Organisation heute fast 5.600 Mitgliedstädte in 156 Ländern und Regionen; alleine in Deutschland sind es aktuell 406.

Tadatoshi Akiba wurde 1942 geboren und erlebte, wie er mir erzählte, als Zweieinhalbjähriger in einer Kleinstadt unweit Tokio grauenhafte Luftangriffe. 1952, er war damals zehn, wurde die Zensur aufgehoben, die die USA bis dahin über die Berichterstattung zu Hiroshima und Nagasaki verhängt hatten. Zögerlich verbreitete sich in Japan mehr Wissen über die Atombombenabwürfe und ihre entsetzlichen Folgen, wurden erste Augenzeugenberichte von hibakusha bekannt, von Überlebenden der beiden Bomben. Bei einer Filmaufführung an einem Samstagvormittag, zu der die komplette Klasse von Tadatoshi Akiba geführt wurde, sah er den Film »Children of the A-Bomb«, der auf Basis eines zuvor erschienenen Buchs mit Überlebendenberichten das Leben und Leiden von Kindern nach den Atombombenabwürfen schilderte. Der junge Tadatoshi war geschockt und tief bewegt.

Nach seinem Studium der Mathematik an der Tokyo University wechselte Tadatoshi Akiba an das renommierte Massachusetts Institute of Technology unweit Bostons an der Ostküste der USA. Am MIT erlangte er den Doktorgrad und lehrte anschließend 15 Jahre lang an US-Universitäten, u.a. in New York. Dr. Akiba spricht daher nicht nur makelloses Englisch mit einer gut verständlichen Aussprache, sondern er bewegt sich auch sicher zwischen den beiden »Kulturen«, zwischen Japan und »dem Westen«. Er wirkt stets gelassen, geduldig und freundlich, ist ein Mensch »zum »Anfassen«, nicht abgehoben und fern. Kurzum, er ist ein perfekter Kristallisationspunkt für die Kooperation unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen aus aller Welt.

1986 kehrte Dr. Akiba nach Japan zurück, zunächst zu einem Sabbatical-Jahr. Er nahm seine Universitätstätigkeit wieder auf, nun an der Shudo University in Hiroshima. Er lehrte Mathematik und andere Fächer für Studierende der »Humanities« ‑ bei uns würde man »Geisteswissenschaften« sagen. Das Stipendienprogramm für Journalisten betrieb er noch einige Jahre weiter, bis er sich im Vorfeld der Parlamentswahl 1990 ‑ Japan befand sich damals in einer tiefen politischen Krise ‑ zunehmend in die politische Arbeit der Sozialistischen Partei einbinden ließ. Er wurde ins Unterhaus gewählt und blieb Abgeordneter bis 1999.

Als Parteiloser kandidierte er in diesem Jahr als Bürgermeister von Hiroshima. Dieses Amt hatte er drei Wahlperioden inne und entschied sich 2011, nicht erneut zu kandidieren. Dr. Akiba lehrt über ein »special assignment« nun wieder an einer Hochschule, diesmal an der Hiroshima University. Und er tourt weiter um den Globus, um für die atomwaffenfreie Welt zu werben, nun als Vorsitzender der Middle Powers Initiative, die auf Einladung des Auswärtigen Amtes jüngst hier in Berlin tagte.

In seinen zwölf Jahren als Bürgermeister von Hiroshima hat Dr. Akiba ungeheuer viel bewegt und wurde als »Gesicht« der Mayors for Peace international bekannt.

Die Mayors for Peace versahen das Ziel der atomwaffenfreien Welt durch ihr Motto zusätzlich mit einem Zeitpunkt: dem Jahr 2020. Bis dahin sollen nicht nur Verhandlungen über eine Nuklearwaffenkonvention abgeschlossen, sondern diese auch bereits umgesetzt sein. 2020 ist der 75. Jahrestag der Atombombenabwürfe, dann sind selbst die jüngsten hibakusha alte Menschen. Wenigstens sie sollen die atomwaffenfreie Welt erleben und wenn sie dann selbst sterben, den bereits zuvor dahingegangenen hibakusha vermitteln können: Ihr könnt jetzt wirklich ruhen, die Atomwaffen sind alle weg.«

Hier sind Fotos von der Veranstaltung (auf Facebook)
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