Friedensaktivisten in Oslo zur Verleihung des Nobelpreises – bewegend, emotional, ermutigend

Am 10. Dezember wurde in Oslo der Friedensnobelpreis an die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN) und ihre etwa 470 Partnerorganisationen verliehen und damit auch an die DFG-VK. Ich durfte als Landesgeschäftsführer und Koordinator der Kampagne „Büchel ist überall! atomwaffenfrei.jetzt“ zusammen mit Marion Küpker, internationale Koordinatorin der DFG-VK aus Hamburg, Klaus Bürkle, DFG-VK Offenburg, und weiteren etwa 250 ICAN-Campaignern aus der ganzen Welt bei diesem historischen Moment für die Menschheit dabei sein. Darunter waren auch weitere 10 Aktive aus Deutschland.

Es war bereits mein vierter sehr emotionaler Höhepunkt in diesem Jahr. Am 7. Juli wurde der Verbotsvertrag von Atomwaffen nach wenigen Verhandlungswochen an der UNO in New York von 122 Staaten beschlossen. Am 20. September wurde dieser Vertrag bei der UNO-Generalversammlung im Rahmen einer feierlichen Zeremonie zur Unterzeichnung freigegeben. Am 6. Oktober wurde in Oslo bekannt gegeben, dass ICAN für die bahnbrechende Aufklärungsarbeit zu den humanitären Konsequenzen des Einsatzes von Atomwaffen sowie den katastrophalen Folgen für Menschen und Umwelt und die Mitwirkung am Zustandekommen des Verbotsvertrags den diesjährigen Friedensnobelpreis erhalten würde.

Seit 1995 setze ich mich nun durchgehend, hartnäckig und konsequent für die Abschaffung aller Atomwaffen ein. Es war folgerichtig nicht das erste Mal, dass ich in der norwegischen Hauptstadt Freuden- und Glückstränen vergossen habe. Zumal ich seit vielen Jahren wichtiger Anker und Schnittstelle in Deutschland für das Thema bin.

Die Verleihung des Friedensnobelpreises an ICAN war bewegend und emotional, kraftvoll und ermutigend. Die Erlebnisse der beiden Tage werde ich mein ganzes Leben in mir tragen. Ergreifend war bereits der Gottesdienst, der immer am Abend vor der Verleihung des Friedensnobelpreises in der Osloer Dreifaltigkeitskirche stattfindet. Die Verleihung selbst habe ich nicht im Rathaus miterlebt sondern direkt nebenan im Nobel Peace Center, wohin die Verleihung live übertragen wurde, zusammen mit über 200 weiteren Aktiven. Etwa 35 Mitglieder von ICAN konnten die Zeremonie live erleben.

Wir konnten im Nobel Peace Price Center beobachten wie Botschafter und Politiker ins Rathaus einzogen und verfolgten dann die Reden, die Zeremonie der Preisübergabe und die Musik (u. John Legend „Redemption song“), die mich persönlich auch sehr berührt haben. Es sprachen Berit Reiss-Andersen, Vorsitzende des Norwegischen Nobelkomitees, Beatrice Fihn, Direktorin von ICAN und Setsuko Thurlow, als Überlebende des Atomwaffeneinsatzes in Hiroshima. Alle drei fanden Worte, die kraftvoll, emotional und würdigend waren.

„Die Geschichte der Atomwaffen wird ein Ende haben und es liegt an uns, welches Ende es sein wird. Das Ende der Atomwaffen oder das Ende von uns?“ betonte Beatrice Fihn in ihrer Rede zur Annahme des Friedensnobelpreises. Dabei ist der Grund für unser Engagement gegen Atomwaffen sehr ernst, daran erinnerte Fihn in ihrer Rede: „Ein Moment von Panik oder Unachtsamkeit, eine missverstandene Äußerung oder ein verletztes Ego – das kann schnell zur Zerstörung ganzer Städte führen.“

Die Hiroshima-Überlebende Setsuko Thurlow, die den Preis gemeinsam mit Fihn entgegennahm, sprach über die Opfer des Atombombenangriffs auf die japanische Stadt: „Jeder Mensch wurde von jemanden geliebt. Lasst uns dafür sorgen, dass ihr Tod nicht vergeblich war.“ Thurlow war 13 Jahre alt, als die Atombombe über Hiroshima explodierte. Heute ist die Japanerin 85 Jahre alt. Sie will die Erinnerung wach halten: Unzählige Male hat sie erzählt, was sie als Mädchen erlebte, nachdem die Bombe „Little Boy“ über Hiroshima detonierte und Mutter, Vater und Schwester tötete: „Ich sah einen weißen Blitz. Dann flog mein Körper in die Luft. Als ich in der totalen Stille und Dunkelheit das Bewusstsein wiedererlangte, wurde mir klar, dass ich in den Ruinen des eingestürzten Gebäudes gefangen war. Ich konnte mich nicht bewegen. Ich wusste, dass ich mit dem Tod konfrontiert war.“ Die 85-Jährige beschwor die Weltgemeinschaft: Ein Atomschlag darf nie wieder passieren. Doch noch immer nutzen Staaten Atomwaffen, um tödliche Stärke und Macht zu demonstrieren – wie US-Präsident Donald Trump und der nordkoreanische Diktator Kim Jong Un.

Es war Mahnung und Hoffnung zugleich. Wie erhebend, dass die japanischen Atombombenopfer nach 72 Jahren endlich die Aufmerksamkeit bekommen für ihren Kampf, dass die schrecklichsten aller Waffen nie wieder eingesetzt und vollständig abgeschafft werden. Wie klar der Appell an alle Staaten dieser Erde, dem Verbotsvertrag beizutreten und damit das Ende des Atomzeitalters einzuläuten.

Ein weiteres eindrückliches Erlebnis war das Zusammentreffen mit Überlebenden aus Hiroshima und Nagasaki. Etwa 30 Überlebende waren aus Japan angereist, die älteste von ihnen bereits 93 Jahre alt. Traditionell gibt es in Oslo am Sonntagabend nach der Verleihung eine Kundgebung und einen Fackellauf. Diese, allesamt über 80-jährigen Menschen haben bei mir einen tiefen Eindruck hinterlassen und mir mit ihrer starken Haltung viel Kraft gegeben weiter für eine atomwaffenfreie Welt einzustehen.

Mit 1500 bis 2000 Menschen war es wohl einer der größten Fackelzüge in der Geschichte der Nobelpreisverleihung. Rund zwei Drittel der Teilnehmer waren Bürger aus Oslo.

Der Nobelpreis für ICAN gilt uns allen. Die den Schrecken der Atombomben durch das Zeugnis der Opfer von Hiroshima und Nagasaki und vieler Atomtests bewahren und weitergeben helfen. Die für die Ächtung dieser schrecklichsten aller Waffen eintreten. Die an eine atomwaffenfreie Welt glauben. Und die die Schönheit dieser Welt genießen können.

Daher war es eine große Freude, weltweit verbunden zu sein mit vielen Menschen, die vor Ort gefeiert haben – auch in vielen Städten Deutschlands, auch in Baden-Württemberg.

Nach den bewegenden Tage in Oslo hatte alleine ich fünf Medien-Interviews: Stuttgarter Zeitung, SWR Hörfunk, Rhein-Zeitung, Bietigheimer Zeitung, Ludwigsburger Kreiszeitung. Vorab erschienen Berichte in den ARD Tagesthemen und in der Marbacher Zeitung. Etliche Medien wie das Handelsblatt, die Badische Zeitung, der Trierischer Volksfreund, die Rhein-Zeitung und das Darmstädter Echo hatten einen dpa-Bericht veröffentlicht, der aufgrund meines langen Hintergrundgesprächs kurz vor dem Bundeskongress zustande kam.

Lasst und diesen Schwung jetzt nutzen. So läuft bereits seit Anfang November eine Online-Unterschriftenaktion: z.B. mit einem Appell an die Bundesregierung, den Verbotsvertrag zu unterzeichnen und dies symbolisch selbst zu tun. Bis 15. Dezember hatten bereits über 35.000 Menschen unterzeichnet.

 

Roland Blach, Koordinator „Büchel ist überall! atomwaffenfrei.jetzt“, Geschäftsführer DFG-VK Baden-Württemberg, Mitglied ICAN Deutschland

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