Der nukleare Bunkerbuster B61-12

Einschätzung der Treffgenauigkeit der B61-12-Bombe. Bild: Kristensen/FAS

Bei der neuen Atombombe B61-12 handelt es sich nicht um eine nur laufzeitverlängerte bestehende Nuklearwaffe, sondern ihre Fähigkeiten werden ausgeweitet. Von einer lediglich abgeworfenen Bombe, die durch die Schwerkraft zum Boden fällt, wird sie zu einer gelenkten Waffe mit erhöhter Zielgenauigkeit, die auch in die Erde eindringen kann.

Die Nationale Nuklearsicherheitsbehörde (National Nuclear Security Administration – NNSA) veröffentlichte kürzlich Bilder der Abwurftests dieser Atombombe im Oktober 2015. Diese zeigen die B61-12, wie sie in einen Zielkreis einschlägt, aber ohne zu zeigen, wie die Bombe in die Erde eindringt.

Eine Aufnahme des Sandia Atomwaffen-Labors (siehe Sandia National Laboratories video), die von der New York Times zur Verfügung gestellt wurde, zeigt die B61-12 jedoch, wie sie vollständig in den Erdboden eindringt. Eine längere Version des Videos ist erhältlich auf der Webseite der Los Alamos Study Group (Los Alamos Study Group web site).

Die Bedeutung der Fähigkeit, in die Erde einzudringen
Der Tatsache, dass die B61-12 unter die Erdberfläche eindringen kann, hat signifikante Auswirkungen auf die Zielauswahl, für die die Bombe ausgerichtet ist. Eine Atomwaffe, die unterirdisch detoniert, überträgt ihre explosive Energie viel effizienter in den Boden. Sie ist damit wesentlich effektiver in der Zerstörung tief vergrabener Ziele, die der nuklearen Zerstörung im entsprechenden Bereich ausgesetzt sind. Im Gegensatz dazu führt eine oberirdische Detonation zu einer breiteren Verteilung der explosiven Energie auf der Oberfläche.
Dies zeigen zwei Ergebnisse aus der Studie der National Academies „Effects of Earth-Penetrator and other Weapons“ aus dem Jahr 2005:

„Die notwendige Sprengkraft einer Atomwaffe, um verhärtete und tief unterirdische Ziele zu zerstören, reduziert sich um einen Faktor zwischen 15 und 25 – weil sie durch die gekoppelte Schockwelle im Boden gesteigert wird – wenn die Waffe ein paar Meter unter der Oberfläche detoniert wird“
und

„Nuclear earth-penetrator weapons (EPWs) – zu dt. erdeindringende Atomwaffen – mit einer Eindringtiefe von 3 Metern, können die Vorteile der Erdschockwelle erzielen.“

Angesichts der Länge der B61-12 von etwa 3 ½ Metern und der im Video gezeigten Fähigkeit, vollständig unter der Erdoberfläche in der Wüste von Nevada zu verschwinden, wird es deutlich, dass die  B61-12 eine erweiterte Nutzung der Bodenschockwelle (Explosion-Aufprall-Kopplung) erreichen kann, um unterirdische Ziele zu zerstören. Wir wissen, dass der Plan der B61-12 vier Explosionsgrößen vorsieht: 0,3 Kilotonnen (kt), 1,5 kt, 10 kt und 50 kt. Auf der Grundlage der Ergebnisse aus der Studie der National Academies ist das maximale Zerstörungspotenzial der B61-12 gegen unterirdische Ziele gleichzusetzen mit einer oberirdischen Waffenexplosion mit einer Sprengkraft von 750 kt bis 1.250 kt.

Eine der Bomben, die das Pentagon aus dem Verkehr zu ziehen plant, nachdem die B61-12 stationiert ist, ist die B83-1, deren Maximalbereich bei 1.200 kt liegt. Selbst bei einer geringen Fläche von nur 0,3 kt würde die Nutzung der Bodenschockwelle einer B61-12, die ein paar Meter tief im Untergrund explodiert,  einer oberirdischen Waffenexplosion von 4,5 kt bis 7,5 kt entsprechen.

Die Bedeutung der erhöhten Zielgenauigkeit
Es wird vermutet, dass die bestehenden B61-Typen (B61-3,-4,-7,-10) bereits eine begrenzte erdeindringende Fähigkeit besitzen, aber mit einer sehr viel geringeren Zielgenauigkeit als die B61-12. Die einzige offizielle „nukleare Bunkerbrecher“  im U.S. Arsenal ist die nicht lenkbare B61-11, die ihre geringere Genauigkeit mit einer massiven Zerstörungskraft von 400 kt ausgleicht. Gekoppelt mit der Bodenschockwelle ist eine Sprengkraft von 400 kt – laut der Ergebnisse der National Academies – gleichzusetzen mit einer oberirdischen Explosion von 6 bis 10 Megatonnen (Mt). Die B61-11 hat die alte B53 ersetzt, die als bunkerzerstörende Bombe im Kalten Krieg eine Zerstörungskraft von 9 Mt hatte. Die B61-11 kann in gefrorenen Boden eindringen; es ist bisher nicht bekannt, ob die B61-12 eine ähnliche Fähigkeit hat. Bisher ist keine Laufzeitverlängerung der B61-11 geplant. Sie ist auch nicht Teil des sogenannten 3+2 Plans der NNSA für das Atomwaffenarsenal und es wird erwartet, dass sie ausrangiert wird, wenn ihre Lebensdauer 2030 abläuft.

Die spezielle und einmalige Fähigkeit der B61-12 ist die erhöhte Zielgenauigkeit, die das neue Heckteil liefert. Die Kombination von erhöhter Treffgenauigkeit, Erdeindringung und niedriger Sprengkraft erlaubt die Auswahl von bestimmten Zielen. Darüber hinaus kann die B61-11 nur mit dem B2-Bomber geflogen werden, während die neue B61-12 mit allen neuen Kampfflugzeugen F-35A, F-16, F-15E und dem PA-200 Tornado zum Einsatz kommen kann.

Wie präzise die B61-12 letztendlich wird, bleibt noch geheim, aber wir schätzen , dass ihre Zielgenauigkeit voraussichtlich in einem Radius von 30 Metern liegt. Auf dem Foto der NNSA und dem Video von Sandia ist es nicht zu erkennen, wie genau die Bombe beim November Test eintraf. In beiden Aufnahmen ist es eindeutig zu erkennen, dass die B61-12 innerhalb eines Kreises eintrifft, wobei der komplette Kreis nicht im Bild zu sehen ist und der Winkel zu niedrig ist, um den Durchmesser zu bestimmen. Man kann aber ausrechnen, dass die Bombe weniger als 30 Meter von der Kreismitte eintraf.

Diese erhöhte Zielgenauigkeit und erdeindringende Fähigkeit wird Angriffsplanern ermöglichen, eine geringere nukleare Sprengkraft – verglichen mit den bisherigen B61 und B83-Bomben – für die gleichen Ziele einzusetzen.
Die geringere Sprengkraft wird den radioaktiven Fallout des Angriffs reduzieren, was die B61-12 für eine geplante Kriegsführung attraktiver macht und weniger Widerstand bei den politischen Entscheidungsträgern erzeugen würde.

Widersprüche  
Die Fähigkeit der B61-12 in die Erde einzudringen, bevor sie explodiert, wie es im Video zu sehen ist,  erhöht die Fähigkeit, zusätzliche unterirdische Ziele anzugreifen – besonders in Kombination mit der erhöhten Zielgenauigkeit. Dies eröffnet eine größere Palette von möglichen Optionen zur Zerstörung von unterirdischen Zielen durch nukleare Sprengsätze mit geringerer Sprengkraft, als die bisherigen Bomben aus dem bestehenden Arsenal erlauben. Wir glauben, dass dies zu einer erweiterten und verbesserten militärischen Fähigkeit führt, die im Widerspruch zur verkündeten Politik der Obamas-Administration steht, wonach keine neuen technologischen Fähigkeiten für Atomwaffen entwickelt werden sollen.

Der New York Times Artikel ist gut geschrieben, da er die Widersprüche zwischen den Äußerungen einiger Verantwortlicher deutlich macht: Madelyn Creedon (NNSA) leugnet die neuen Fähigkeiten der B61-12, während der früheren Verteidigungs-Untersekretärs für Politik James Miller dieselben Fähigkeiten begrüßt. Dazuhin ist der Artikel scharfsinnig, weil er die Selbstverpflichtung des Weißen Hauses zitiert (White House pledge), keine neuen militärischen Fähigkeiten zu verfolgen:

“Die USA werden keine neuen Nuklearsprengköpfe entwickeln oder neue Militärmissionen oder neue Fähigkeiten für Nuklearwaffen verfolgen“

statt die Formulierung in der Nuclear Posture Review (NPR):

„Die Vereinigte Staaten werden keine neue Atomsprengköpfe entwickeln. Lebensdauerverlängerungen (Life Extension Programs, LEPs) verwenden nur nukleare Komponenten auf der Grundlage von Designs, die bereits getestet sind, und unterstützen keine neue Militärmissionen oder liefern neue militärischen Fähigkeiten.“

Dies ist wichtig, weil die etwas schwammigere Formulierung in der NPR einigen Beamten und Rüstungsfirmen zu argumentieren erlaubt, dass das Versprechen, keine neue Militärmission oder neue Militärkapazitäten zu verfolgen, sich nur auf die Sprengköpfe bezieht und nicht auf Nuklearwaffen an sich. Dies mag sich pedantisch anhören; aber es hilft das Statement des Weißen Hauses bei Verwirrung zu klären, was gemeint ist: es sind ‚Waffen‘ und nicht nur ‚Sprengköpfe‘.

Die Beamte können behaupten, die B61-12 hätte keine neuen militärischen Fähigkeiten, weil die USA doch bereits die Fähigkeit besitzen, überirdische und unterirdische Ziele angreifen zu können. Sie berufen sich auf die Tatsache, dass der Sprengkopf innerhalb der Bombe  – der sog. “physics package” – derselbe bleibt wie in Zeiten des Kalten Krieges. Aber die Kombination von gesteigerter Genauigkeit und begrenzter Erddurchdringung erlaubt der B61-12 unterirdische Ziele mit einem geringeren radioaktiven ‚Fallout‘ zu erreichen. Das ist eine neue militärische Fähigkeit.

Im Jahr 2011, bevor das B61-12 Entwicklungsprogramm den Punkt erreichte, ab dem es kein Zurück gab, schickte das FAS einen Brief an das Weiße Haus und das Verteidigungministerium. In dem Brief zeigten wir den Widerspruch zwischen der Regierungspolitik und den Implikationen der Nuklearstrategie auf. Das Weiße Haus hat nie geantwortet.

Sorgen um die Bombe
Die erdeindringende Fähigkeit der B61-12 mag zwar weniger gering als die des existierenden B61-11 Bunkerbrechers sein und weniger genau als die konventionelle GPS-geleitete ‚Smart-Bombe‘. Dennoch zeigt das Sandia Video die Vielseitigkeit der neuen Waffe, die von strategischen wie nicht-strategischen Flugzeugträger in den Vereinigten Staaten und in Europa getragen wird.

Eine solche Fähigkeit fordert die Frage heraus, gegen welche Ziele in welchen Ländern  die B61- 12-Atombomben eingesetzt werden sollen und unter welchen Umständen der Gebrauch solcher Waffen durch den Präsidenten befohlen werden könnte. Die Studien der National Academies schlussfolgern außerdem, dass die Erddurchdringung einer Nuklearwaffe die Auswirkungen einer Explosion eingrenzen könnte. Die Nebenwirkungen werden jedoch vermutlich dieselben sein wie bei einer oberirdischen Explosion. Diese Ergebnisse sprechen besonders dafür, die B61-12 auf Bunker unterhalb der Erdoberfläche abzuwerfen.
Außerdem fordern die bedeutenden Verbesserungen der nicht-nuklearen Bunkerbrecher die Frage heraus, warum es überhaupt nötig ist, die Fähigkeiten der bestehenden B61-Bomben zu steigern.

Sowohl die USA als auch Russland (und andere Staaten im Besitz von Nuklearwaffen) haben umfangreiche und teure Modernisierungen ihres nuklearen Arsenals auf den Weg gebracht. Was wir gegenwärtig erleben, liegt zwischen parallelen Bemühungen darum, die Arsenale des Kalten Krieges wieder zu beleben, und einem neuen Wettrüsten. Dieses wird durch die Ausweitung von existierenden Waffen und die Produktion neuer oder deutlich modifizierter Typen in Gang gesetzt, und ohne nukleare Testexplosionen durchgeführt.

Die wichtigsten Fähigkeiten für die nukleare Abschreckung sind Stabilität, Kontrolle und Sicherheit: einschließlich der täglichen Prozeduren für die Zurückhaltung im Falle des drohenden Einsatzes, gute Kommunikationskanäle zwischen den Atommächten und Vorsichtsmaßnahmen gegen einen zufälligen, unautorisierten Gebrauch nuklearer Waffen. Gegenwärtig erfordert dieser Bereich intensive Arbeit, da die Beziehungen zwischen den USA und Russland momentan schwieriger werden, weswegen einige AnalytikerInnen eine nukleare Aufrüstung fordern. Das Sandia Video, das zeigt, wie die B61-12 in die Erde gleitet wie ein heißes Messer in ein Stück Butter, macht die Situation nicht besser.

Autoren:
Hans Kristensen ist der Direktor des ‚Nuclear Information Projektes‘ an der Federation of American Scientists (FAS).

Matthew McKinzie ist der Direktor des Nuklear-Programms am ‚Natural Resources Defense Council‘.

Dieser Artikel erschien in Original auf dem Blog „Strategic Security“ der FAS

Die Forschungen für diese Veröffentlichung wurde durch Unterstützung der Carnegie Corporation of  New York, der New Land Foundation und  des Ploughshares Fund ermöglicht. Die hier geäußerten Positionen und Bewertungen stehen ausschließlich in der Verantwortung der Autoren.

Bild oben: Einschätzung der Treffgenauigkeit der B61-12-Bombe. Bild: Kristensen/FAS

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