Sich quer stellen

Im Zentrum Frieden in Stuttgart – am Rande des Kirchentages.

Veranstaltung zu Atomwaffen im Rahmen des Deutschen Kirchentags in Stuttgart 2015: Foto: Silvia Bopp

Nicht viele Menschen sprechen intensiv über Möglichkeiten Atomwaffen von der Erde zu verbannen. Alle Staaten arbeiten an einer Modernisierung ihre Atomwaffenarsenale.

Die Modernisierung der in Büchel stationierten B61-4 Bomben bedeutet in Wirklichkeit die Stationierung der B61-12 Bombe, die einer neuen Atomwaffe gleichkommt. Die deutschen Tornados, die Trägersysteme für diese Bomben sind, müssten dadurch auch modernisiert werden.

Atomwaffen haben katastrophale humanitäre Folgen nicht erst wenn sie durch Unfall oder Kriegseinsatz zur Explosion kommen. Atomwaffenstaaten bestreiten dies noch immer, obwohl sich 108 Staaten weltweit mit dem Humanitarian Pledge dafür ausgesprochen haben, sich für einen weltweiten Verbotsvertrag für diese Waffengattung stark zu machen. Atomare Rüstung ist ethisch nicht zu verantworten, da sie die Macht hat generationsübergreifend Menschen zu schädigen.

Vor kleinem Publikum bot Andreas Zumach einen kurzen und knackigen Überblick zur aktuellen Situation im internationalen Diskurs über Atomwaffen. Er wolle den Teufel nicht an die Wand malen, aber die Spannung zwischen Russland und dem Westen erhöhen u.a. die Gefahr das Atomwaffen wieder zum Einsatz kommen könnten.  Wissenschaftler haben die Doomsday Clock auf 3 Minuten vor Zwölf gestellt. Auch im Streit um die zivile Nutzung der Nukleartechnologie z.B. mit dem Iran ist der Ausgang offen. Bei der letzten Überprüfungskonferenz zum Atomwaffensperrvertrag kam es zu keiner Annäherung bezüglich einer internationalen Konferenz, zur Förderung des Nahen Osten als Massenvernichtungswaffenfreie Zone.

Ein internationales Verbot für Atomwaffen ist richtig und wichtig, doch kann er nur durch massiven Druck der Bevölkerung erreicht werden, so Zumach.

Vier AktivistInnen auf dem Podium berichten über ihre Motivation sich quer zu stellen:
Wir blockieren Straßen zu Atomwaffenstandorten, Zäune wurden durchgeschnitten und Flugblätter verteilt. Drei der Aktiven erzählen auch von Ihrer Bereitschaft, Gerichtsverfahren und sogar Haftstrafen in Kauf zu nehmen, um gegen die Gefahr die von Atomwaffen ausgeht aufzubegehren.

Kaja Tempel erklärt: Was brauchst Du um selbst aktiv zu werden. Eine kleine Gruppe; ein politisches Unrecht, dass Du blockieren willst; eine gute Kleidung; Wasser und eine Wärmedecke; ein Sitzkissen und zuletzt auch Spielfreude. Dann nimmst Du die Rolle der AktivistIn ein. Mit Deinem Mut im kleinen handlichen Rucksack. Dann setzt Du dich auf die Straßen und bleibst Sitzen gegen das Unrecht auch wenn Polizisten dich zum Aufstehen auffordern.

Hermann Theisen sagte: Wenn ich Widerstand leiste wird mein inneres Gefühl von Ohnmacht kleiner.

Maria Lohbeck betont: Wir arbeiten daran, dass man über Atomwaffen mit solchen Worten spricht, dass wirklich die Tragik und Grausamkeit atomarer Rüstung beschrieben wird.

Roland Blach sieht die Netzwerke von Menschen, die eine atomwaffenfreie Welt wollen. Er ist ganz sicher: Unser Ziel ist erreichbar!

Werde auch Du aktiv.
Die Umstände erfordern nicht nur den Protest gegen Atomwaffen sondern aktiven gewaltfreien Widerstand gegen eine neue Rüstungsspirale!

Silvia Bopp, Büchel, 2013. Foto: Xanthe Hall / IPPNWSilvia Bopp von Pressehütte Mutlangen

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Vom Gingko-Setzling zur Blockade-Sitzung

Auf dem Weg zum Tor von der Polizei gestoppt. Foto: Wolfgang Schlupp-Hauck

Wolfgang Schlupp-Hauck berichtet über die Beteiligung der Pressehütte an der Abschlussblockade von büchel65.

Ich kämpfe mit meiner Angst vor engen abgeschlossenen Räumen. Der Justizbeamte führt mich deshalb extra in die letzte Zelle des Gefangentransporters zur fünfsitzigen Rückbank des Busses, die Geräumigste, die er anzubieten hat. Vor mir schließt sich die Tür. Meine Füße kann ich nicht ausstrecken, sie stoßen gleich an die Wand. Der Motor läuft, an der Decke zischt Luft durch die Lüftungsschlitze. Das kleine ovale Fenster gestattet mir einen Blick nach draußen. Dort steht Barbara Rütting zwischen zwei Polizistinnen, die–wie ich und andere–zur Abschlussblockade von büchel65 gekommen ist und in Gewahrsam genommen wurde. Wir kennen uns seit der Prominentenblockade 1983. Sie ist immer wieder nach Mutlangen gekommen und beteiligt sich mit ihren 87 Jahre wie selbstverständlich an den Aktionen in Büchel.

Meine Zahnbürste hole ich aus der Tasche und halte mich an ihr fest. Wer bereit war in Gewahrsam zu gehen, hatte eine Zahnbürste dabei. Dies nahm einen Hinweis von Martin Luther King auf, der das Mitführen einer Zahnbürste als Zeichen der Bereitschaft sich festnehmen zu lassen empfahl, denn Zahnbürste dürfe man behalten.

Jetzt sehe ich draußen die Bundestagsabgeordnete Inge Höger. Wir kennen uns von den abrüstungspolitischen Gesprächen, zu der wir von der Pressehütte im Bundestag einladen. Ich freue mich, dass sie büchel65 so engagiert unterstützt und zum zivilen Ungehorsam bereit ist.

Die Tür öffnet sich, ein weiterer Blockierer wird zu mir eingeschlossen. Etwas später auch noch sein Bruder. Am Ende sind 22 Personen in den Bus eingesperrt. Für wie lange wissen wir nicht. Wir sollen einem Richter vorgeführt werden.

Übergabe der Gingko-Setzling im Mainzer Rathaus. Foto: Presshütte Mutlangen

Wir beginnen uns zu erzählen. Aus der Pressehütte sind wir mit drei Autos am 28. Mai in die Eifel gestartet. Unser erstes Ziel war das Mainzer Rathaus. Dort hing parallel zu büchel65 die Ausstellung Hibakusha weltweit. Die Bilder der Opfer von Atomwaffen und Atomindustrie bestärken uns in unserer Bereitschaft zivilen Ungehorsam zu leisten. Für das Rahmenprogramm zeigen wir den Film: „Unser Mut wird langen – nicht nur in Mutlangen“. Er schlägt den Bogen von den Blockaden in den 80er-Jahren zu Büchel. Wir diskutieren im Anschluss mit den Zuschauern, warum wir von Mainz weiter nach Büchel fahren werden und uns dort vor den Fliegerhorst der Bundeswehr setzen werden.

Nach einem Mittagessen in der Rathauskantine empfängt uns der Oberbürgermeister. Mainz ist seit 1984 Mitglied bei Mayors for Peace. Wir überreichen Herrn Ebling einen Ginkgo-Setzling. Er stammt aus einem Samen von einem Baum in Hiroshima, der den Atombombenabwurf überlebt hat. Ich habe den Samen von Hiroshimas Bürgermeister Matsui in Wien bei der UNO erhalten. Die Erinnerung an den Atombombenabwurf und die Hoffnung auf eine Welt ohne Atomwaffen sollen die Überlebensbäume und ihre Nachkommen in aller Welt verkünden. Oberbürgermeister Ebling verspricht uns, dass der Baum zunächst im Rathaus stehen wird, wenn er größer wird, kommt er in einem Kübel vors Rathaus und dann später wird er in einem Park eingepflanzt. Ein Mainzer DFG-VK Mitglied bittet, dann zur Umpflanzaktion eingeladen zu werden.

Die Tür geht auf. Auch der Mainzer Friedensfreund ist nach Büchel gekommen und ist nun der vierte in unserer Zelle.
Am Morgen des 29. Mai hatten sich um 6.15 Uhr über 50 Blockierer auf die verschiedenen Tore des Fliegerhorstes verteilt. Am Haupttor wurde der Verkehr eingestellt. Einzige Zufahrt war dann nur noch das Luzerather Tor. Die Polizei dort ließ keine Blockade zu, drängte die Leute gleich ab. Wer sich hinsetzte, bekam einen Platzverweis und wurde beim zweiten oder dritten Blockadeversuch in Gewahrsam genommen.

Polizei schutzen das Luzerather Tor. Foto: Pressehütte Mutlangen

Durch Klopfen konnten wir auf uns aufmerksam machen, wenn wir auf die Toilette mussten. Begleitet von einem Polizisten duften wir dann zur Gemeindehalle gehen. Ein andermal wurde die Tür geöffnet und mein Name aufgerufen. Ich kam nicht zum Richter, sondern Maria war gekommen, weil sie meinen Autoschlüssel brauchte, um die Friedenstafel für das Mittagessen vor dem Haupttor zu decken. Die Gemüsekiste war noch im Kofferraum. So durfte ich nochmals kurz nach draußen. Ich sah dabei auch Barbara Rütting wieder. Sie war beim Richter, der ihr sagte, um 13 Uhr komme sie frei. Und tatsächlich die Tür unserer Zelle öffnete sich dann pünktlich. Wir konnten dann alle gemeinsam zum Haupttor und an der Friedenstafel teilnehmen. Für uns Mutlanger begann dann der Heimweg. Andere blieben noch und überlegten, ob sie einen weiteren Blockadeversuch unternehmen.

Zufrieden kehrte ich zurück. Ich hatte meine Angst überwunden. Im Auto diskutierten wir, die Polizeitaktik, die darauf hinauf läuft, juristische Nachspiele zu vermeiden. Der Verkehr am Haupttor wird umgeleitet, Räumungen der Blockade so vermieden. Am Ausweichtor wird soweit wie möglich das Blockieren verhindert und die DemonstrantInnen gleich in Gewahrsam genommen.

Im Rahmen von büchel65 wurde seit dem 26. März der Fliegerhorst der Bundeswehr immer wieder blockiert. Katja Tempel, Pressesprecherin der sich vor Ort aufhaltenden Dauergruppe, berichtet: „Wir hatten bisher 26 Blockadetage an denen 300 AktivistInnen über 50 mal das Haupttor oder ein Nebentor blockierten.“ Auf Anfrage der Pressehütte teilte die Polizeidirektion Mayen mit: „Die Polizei hat bisher acht Versammlungen aufgelöst. Dabei wurden zehn Strafanzeigen wegen Nötigung und des Durchführens nicht angemeldeter Versammlungen (§26(2) VersG) erstattet. 37 Platzverweise wurden ausgesprochen. Drei Personen mussten vorübergehend in Gewahrsam genommen werden.“ Mit der Abschlussblockade sind noch 22 weitere hinzukommen.

Wolfgang Schlupp-HauckWolfgang Schlupp Hauck von der Pressehütte Mutlangen ist auch Sprecher des Trägerkreises „Atomwaffen abschaffen – bei uns anfangen“.