Folgt auf Büchel65 Berlin65?

Eindrücke der bisher größten Blockadeaktion in diesem Frühjahr

Gemeinschaftsaktion am 18. April 2015, mit den Gruppen DFG-VK, Friedensinitiative Nottuln, Internationale Arche und Armes nucléaires STOP. Foto: buechel-atomwaffenfrei.de

Als ich mich am vergangenen Samstag, 19. April, morgens um 7 Uhr mit dem Märchenerzähler Hansjörg Ostermayer auf den Weg von Marbach am Neckar nach Büchel aufmachte, wusste ich noch nicht was mich erwarten würde. Voller Elan berichteten wir uns schon im Auto gegenseitig von unseren langjährigen Erfahrungen in unserem Engagement für atomare Abrüstung. Hansjörg hatte in den 70er Jahren eine DFG-VK Gruppe gegründet und sich 1982 an der ersten Blockade in Großengstingen beteiligt. Wir lernten uns 1995 bei einem Camp der Atomteststopp-Kampagne bei der UNO in Genf kennen. Dies war der Auftakt meiner mittlerweile 20-jährigen Friedensarbeit. Während des Gesprächs wurde mir klar, dass wir in Büchel noch Martin Otto treffen würden und wir damit 19 Jahre nach der ersten Aktion am dortigen Atomwaffenlager als Trio wieder gemeinsam an einer Blockadaktion teilnehmen würden. Bereits 1996 hatte Hansjörg die damals etwa 60 Teilnehmenden vor dem Haupttor mit seinen Märchen von Atomtests bedrohten Völkern begeistert.

Sehr früh im Jahr hatten wir innerhalb der Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) diesen Samstag als Aktionstag auserkoren, um unsere Mitgliedschaft in die seit dem 26.März laufende Blockadekampagne büchel65 einzubinden. Etliche kleine Gruppen vor uns waren bereits in die Eifel gereist, um die Zugänge zum Atomwaffenstützpunkt nahe Cochem zu blockieren und damit für einen sofortigen Abzug der letzten US-Atomwaffen aus Deutschland und eine weltweite Ächtung zu protestieren.

Im Laufe der Vorbereitungs- und Mobilisierungszeit wurde dann klar, dass an diesem Tag insgesamt vier Gruppen den Fliegerhorst blockieren würden. Neben unserer, der ältesten deutschen Friedensorganisation, waren dies die Friedensinitiative Nottuln, „Armes nucleaires STOP“ ein Zusammenschluss von 15 gewaltfreien Gruppen, die 1990 gegründet wurde mit dem Ziel, Atomwaffenversuche in Polynesien zu verhindern, und ein Teil der Internationalen Archebewegung.

Die erste Archegemeinschaft wurde 1963 in Südfrankreich mit dem Namen „La Borie Noble“ gegründet. Zeitweise lebten dort 80 Menschen in weitgehender Selbstversorgung. Jeder Tag beginnt mit einem gemeinsamen Gebet und endete mit dem Gebet um das Feuer. Dazwischen gibt es Zeiten für Meditation und kurzes Innehalten (Rappell). Die Spiritualität ist christlich geprägt, auch wenn die Arche für Angehörige aller Religionen offen ist. Von Zeit zu Zeit verließen die Gemeinschaftsmitglieder in der ersten Archegemeinschaft ihren Platz, um gewaltfreie Aktionen gegen den Algerienkrieg oder Atomwaffentests zu organisieren. In Deutschland gibt es eine Archegemeinschaft, die Friedenshof Kommunität, die in Niedernstöcken bei Hannover angesiedelt ist.

„Wir sind eine Gruppe aus deutschen und französischen Menschen, die in der Vergangenheit mehrfach Aktionen für eine Welt ohne Atomwaffen durchgeführt haben. Wir möchten mit unserer Teilnahme in Büchel insbesondere die Verbindungen zwischen dem Widerstand in Deutschland und Frankreich stärken und deutlich machen, dass es im Atomkrieg keine Grenzen gäbe,“ so eine der Aktiven der Arche-Gruppe.

Der Sprecher der Friedensinitiative Nottuln Roger Reinhard unterstrich in Bezug auf die geplante Modernisierung der Atomwaffen in Büchel: „Eine Antwort von uns Friedensbewegten ist eine Intensivierung unserer Proteste. Unser Widerstand soll dort zum Ausdruck kommen, wo diese hoch gefährlichen Waffen lagern und deren Anwendung täglich geübt werden. Büchel ist ein symbolischer Ort für den militärischen Wahnsinn. Jetzt soll er zum symbolischen Ort unseres Widerstandes in Form zivilen Ungehorsams gegen Atomwaffen werden.“

Als die DFG-VK mit einer etwa 10 köpfigen Gruppe ankam war die Blockade der anderen Gruppen seit 8 Uhr bereits in vollem Gang. Wir schlossen uns mit unseren Freunden des Heilbronner Friedensrates, die sich seit Anfang der 1980er Jahre für atomare Abrüstung einsetzen und gerade auch angekommen waren, der Aktion an.

Auf diese Weise entwickelte sich dieser Tag zur größten bisherigen Blockadeaktion im Rahmen von Büchel65 mit über 50 Aktivisten – begleitet von Musik, Gesang, Tänzen, Märchen und vielen vielen hochinteressanten Gesprächen mit Austausch vielfältiger Erfahrungen. Sehr bunt, sehr kreativ und immer sonnig.
Eine bemerkenswerte Situation ergab sich am Nachmittag, als die Polizei das Haupttor am Nachmittag wieder öffnete, um dem Verkehr- die Ein- und Ausfahrt zu ermöglichen. Einige wenige Aktivisten saßen sich unmittelbar danach auf die Straße – es kam zu einen kleinen Gerangel. Begleitet und unterstützt vom sanften und rhythmischen Trommeln von Hansjörg entwickelten sich auf einmal intensive Gespräche mit einigen Polizisten. Der hochrangigste von ihnen betonte dabei wie nervig unsere Aktionen für die Bundeswehr, die Anwohner und sie selbst als Polizisten seien. Wir sollen doch bitte dort demonstrieren, wo die Entscheidungsträger sitzen – in Berlin. Er selbst schlug vor, die Idee von Büchel65 in der Bundeshauptstadt durchzuführen. Er wäre auch bereit daran einige Tage teilzunehmen, alle anwesenden Polizisten wären auch gegen Atomwaffen. Die Zusage kam per Handschlag mit mir zustande – von Zeugen beobachtet. Mal sehen, was sich daraus entwickelt.

Zur selben Zeit fand eine nicht minder bemerkenswerte Aktion der FI Nottuln im Ort Büchel selbst statt: die persönliche Übergabe eines Mahnbrief des Nottulner Bürgermeisters an den Bürgermeister von Büchel.

Der Brief ist so beachtlich und nachahmenswert, dass ich ihn gerne in voller Länge wiedergeben möchte:

„ … In Kürze wird sich eine Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern der Gemeinde Nottuln in Ihre wunderschöne Gemeinde Büchel aufmachen. Zu Recht beschreiben Sie auf der Homepage Ihrer Gemeinde die große Anziehungskraft Ihrer Region – die wunderbare Natur im Herzen der Eifel!
Gern würde dieser Besuch unbeschwert stattfinden. Jedoch – ein großer Schmerz verhindert den ungetrübten Blich auf die Schätze der Landschaft. Sie wissen, wovon ich rede: Noch immer sind Atomwaffen in Büchel gelagert.
Es ist meine tiefe Überzeugung, dass das Konzept der gegenseitigen atomaren Abschreckung zwischen den großen Machtblöcken weder einen Sicherheit schaffenden noch einen Frieden stiftenden Weg darstellt. Gerade die Entwicklungen der letzten Zeit, gerade die neuen Konflikte in unserer unmittelbaren Nachbarschaft bestärken mich in dieser Überzeugung.
Deshalb muss es unser aller Bemühen sein, mit den uns zur Verfügung stehenden friedlichen Mitteln auf einen Abzug der Atomwaffen zu drängen.
Ich möchte mir keinesfalls anmaßen, eine Beurteilung Ihrer Situation vor Ort vorzunehmen, dazu fehlen mir die sachlichen Detailinformationen und auch die Emotionen, die Sie sicher im Lauf der Jahre gesammelt haben.
Bitte sehen Sie es mir dennoch nach, dass ich mir die Frage stelle, ob ein Abzug der Atomwaffen nicht auch im Hinblick auf die Entwicklung der Tourismusregion und die damit verbundenen Möglichkeiten einer erfolgreichen lokalen Wirtschaftsförderung von großem Vorteil wäre.
Als Mitglied der Vereinigung „Mayors for Peace“ möchte ich daher heute von Kollege zu Kollege, aber auch von Mensch zu Mensch an Sie appellieren, ebenfalls für ein Ende der Stationierung von Atomwaffen in Büchel einzutreten.
Vielleicht mögen Sie ja sogar eine Mitgliedschaft Ihrer Ortsgemeinde in der Vereinigung „Mayors for Peace Deutschland“ erwägen. Angesichts der politischen Herausforderungen unserer Tage wäre das sicherlich ein wirkungsvoller Schritt.“

Der Samstag hat eindrücklich und in jeder Hinsicht unter Beweis gestellt: Büchel wird immer mehr zum Symbol des Widerstands gegen die atomare Bedrohung.
Im Übrigen: auch auf der Heimfahrt rekapitulierten wir, Hansjörg und ich, ausführlich den für uns auch persönlich so wichtigen Tag vielfältiger Begegnungen. Hansjörg freut sich, wenn er von vielen Gruppen zu einem Märchenabend eingeladen wird, z.B. im Kontext der 70. Jahrestage von Hiroshima und Nagasaki. Auch die Geschichte der kleinen Sadako aus Japan hätte er dann im Gepäck.

Roland Blach, Koordinator der Kampagne "atomwaffenfrei.jetzt"Roland Blach ist Geschäftsführer der DFG-VK in Baden-Württemberg und Koordinator der Kampagne „atomwaffenfrei.jetzt“

» Mehr Fotos der Aktion auf flickr

Aufbruch unterm Halbmond

Erlebnisbericht Büchel-Blockade am 9. April 2015
der Gruppe DFG-VK Köln und Friends

DFG-VK Gruppe Köln, 9. April. Foto: DFG-VK

Aufbruch unterm Halbmond. Um 5 Uhr 15 ist es noch reichlich dunkel. Wir haben Sorge, dass die Autofahrer in schneller Fahrt zum Bundeswehr-Fliegerhorst Büchel uns vielleicht nicht rechtzeitig erkennen könnten. Herbert erklärt sich bereit, eine Lampe zu schwenken, um die Autofahrer zu warnen. Die Stirnfalten glätten sich. Kurz vor dem Haupttor sehen wir schon die Polizeiwagen und setzen uns mit unseren Transparenten „atomwaffenfrei jetzt!“ auf die Zufahrtstraße aus Alflen. Der erste Wagen steuert auf uns los – die Stirnfalten werden tiefer. Wow – er hält! Der Fahrer steigt aus, erklärt verstimmt, er wolle zu seinem Arbeitsplatz. Wo der denn sei? „Auf dem Fliegerhorst!“ Dann würden wir ihn jetzt nicht durchlassen, bekommt er zu hören, denn wir wollten den Normalbetrieb dieses Atomwaffenstandorts heute im Rahmen von „Büchel 65“ behindern. Kein Verständnis.

Mittlerweile stauen sich vor uns die Autos, viele wenden, fahren zurück. Vier Polizisten nähern sich uns drei Quer-Sitzenden. Einer erklärt, wir bildeten „eine Gefahr für die öffentliche Ordnung und Sicherheit“. Er löse daher jetzt unsere unerlaubte Versammlung auf. Es folgt die übliche Belehrung über mögliche rechtliche Konsequenzen. Kurzes Zögern unsererseits, dann steht der Erste auf. Wir gehen zur Seite. Personalienfeststellung.

Eine zweite Gruppe sitzt zur gleichen Zeit auf der anderen Zufahrtsstraße von Büchel zum Fliegerhost, um auch dort den Protest gegen die hier stationierten Atomwaffen durch Behinderung der Zufahrt deutlich zu machen. Da einige nicht selber die Straße verlassen, werden sie von den PolizistInnen weggetragen und die Personalien aufgenommen.

Wir wollen aber weiterhin unsere Transparente zeigen, was von der Polizei am Straßenrand und auf der Mitte des Kreisels vor dem Haupttor geduldet wird. Hier kommen weiterhin massenhaft SoldatInnen zu ihrem Arbeitsplatz, viele von ihnen sehr sehr jung. Wissen sie, was sie tun? Wollen sie es ernsthaft verantworten? Die unbewegten Mienen verraten es nicht. Immerhin: Unser Protest wird wahrgenommen. Ein Pappschild zeigt ein menschliches Gehirn mit dem Aufdruck: „Sie haben da was!“ Wer es wie nutzt, bleibt im Dämmerlicht des kühlen Morgens verborgen. Gegen halb acht steigt die Sonne auf, und uns bleibt das Prinzip Hoffnung. Zwanzig weitere Blockaden sind schon angekündigt.

Nach einem gemeinsamen Frühstück im Mahnwachenzelt begeben wir uns wieder mit unseren Transparenten und Pace-Fahnen zum Protest auf den Kreisel vor dem Haupttor.

Zwischen zehn und zwölf Uhr donnern 20 Tornado-Kampfflugzeuge der Bundeswehr über die Moselberge hinweg – mit ihnen üben deutsche Soldaten das Ausklinken von US-Atombomben.

Ariane Dettloff, DFG-VK Köln

(Dieser Artikel wurde ursprünglich auf der Webseite der DFG-VK Gruppe Köln veröffentlicht)

Ein Video der Aktion am 9. April ist hier zu sehen.

Die Rede von Harald Fuchs vor dem Haupttor des Fliegerhorstes ist hier zu lesen.

Eckdaten der Vereinbarung mit Iran

Gestern haben sich die P5+1 – oder EU3+3 – mit Iran auf Eckdaten zum iranischen Atomprogramm geeinigt. Die bisher ausführlichste Liste der Vereinbarungen fand ich auf der Website des Weißen Hauses in dem Papier „Parameters for a Joint Comprehensive Plan of Action regarding the Islamic Republic of Iran’s Nuclear Program„. Präsident Obama gab dazu eine Pressekonferenz, die online steht.

Nach dem ersten Überfliegen der Punkte aus dem Weißen-Haus-Papier habe ich den Eindruck, dass Iran wirklich verzweifelt versucht haben muss, überhaupt zu einer Einigung zu kommen. Die Zugeständnisse des Iran sind enorm, und die Sanktionen von EU und USA werden dann erst aufgehoben, wenn die IAEO bestätigt hat, dass Iran die „wichtisten“ (?) vereinbarten Schritte durchgeführt hat – das kann lange dauern und Streit ist da fast vorprogrammiert…

Außenminister Steinmeier fasste in einer Presseerklärung die wichtigsten Punkte wie folgt zusammen:
1. Der Iran verpflichtet sich, sein nukleares Anreicherungspro­gramm bis zu 25 Jahre einem mehrstufigen System von Beschränkungen und Kontrolle zu unterwerfen. In den ersten 10 Jahren müssen mehr als 2/3 der bestehenden Anreicherungskapazitäten unter permanenter Aufsicht stillgelegt, über 95 % des angereicherten Urans verdünnt oder ausgeführt werden. Anreicherung sowie Forschung und Entwicklung sind in den Jahren danach nur in engen Grenzen und unter strikter Kontrolle erlaubt.
2. Alle nuklearen Aktivitäten des Iran unterliegen für bis zu 25 Jahre mit unterschiedlichen Instrumenten strengster Überwachung durch die Internationale Atomenergiebehörde. Das mit Iran vereinbarte Transparenz-Regime ist beispiellos in Intensität und Laufzeit.
3. Sollte der Iran gegen die vereinbarten Regeln verstoßen, können Sanktionen umgehend wieder in Kraft treten.“

Außerdem gibt es eine gemeinsame Erklärung der EU-Beauftragten Federica Mogherini und dem iranischen Außenminister Javad Zarif (auch nur in Englisch).

Nun stehen Verhandlungen über das abschließende Abkommen an, das auch technische Details festlegt und bis 30. Juni fällig ist.

Regina Hagen