Die Welt von Atomwaffen befreien

Organisationsteam des ICAN Civil Society Forum, Wien, 6.-7.12.14 . Foto: ICAN

Gerade zurück von dem Civil Society Forum über die humanitären Folgen von Atomwaffen in Wien vom 6.-7.12.2014 bin ich noch mehr inspiriert und motiviert, mich für die Realisierung unserer Vision Deutschland, Europa und schließlich die Welt von Atomwaffen zu befreien. Am 8.-9. Dezember fand auch in Wien die dritte internationale Konferenz in Folge nach Oslo 2013 und Mexiko 2014 statt.

Etwa 600 Teilnehmer aus der ganzen Welt waren dabei und vor allem ganz viele junge Leute. 45 junge ICAN-MitarbeiterInnen sind im Hintergrund mit ihren „Ban Nuclear Weapons“-T-Shirts im Einsatz, um einen reibungslosen Ablauf von Rezeption, Garderobe, Getränke und Essens-Versorgung zu meistern. Weitere zehn bis 20 sind an der inhaltlichen Planung beteiligt gewesen, die sich über die vergangenen Monate erstreckte, sicherlich auch der Grund, warum gerade so viele Jugendliche dort auftauchten.  In dem „Aula der Wissenschaften“ in der Wollzeile 27, mitten im Stadtkern Wiens, verteilten sich auf drei Etagen die TeilnehmerInnen, hörten hochinteressanten Reden, Podiumsgesprächen, Geschichten von Atombomben-Opfern und Berichten aus den Ländern zu. Es war die Konzentration dessen, was sich in den letzten 70 Jahren zu diesem Thema entwickelte und es gab schon eine sichtbare Richtung, wie wir mit vereinten Kräften die Erzählung anders ausgehen lassen wollen, als die bisher bedrohliche Zukunftsaussicht.

Mehrfach wurde das Publikum ermutigt, dass gerade sie, die Zivilbevölkerung, die aller wichtigsten Akteure zur Veränderung sind. Gegenüber den Anfangskonferenzen in Oslo (128 Länder) und Nayarit (146 Länder) waren hier für die Staatenkonferenz in Wien fast 160 Länder angemeldet! Das ist eine deutliche Steigerung und ein Zeichen, dass die Menschen jetzt handeln wollen.

Viele Gruppen präsentierten sich mit Ständen und Ausstellungsmaterial auf dem Marktplatz: ATOM-Project, IPPNW, ICAN, Internationaler Versöhnungsbund, Japan-NGO-Netzwerk für die Abschaffung von Atomwaffen, Mayors for Peace, Rat gegen Atom- und Wasserstoffbomben Japan (Gensuikyo), PAX, SGI, u.a.

Aus dem sehr hochkarätigen Programm haben mich die folgenden Punkte besonders bewegt und erreicht:

Gleich zu Beginn sprach die in Kanada lebende Zeitzeugin Setsuko Thurlow (Überlebende der Hiroshima-Bombe) über ihre Erfahrungen als 13-Jährige, die zum Zeitpunkt der Detonation 1.8 km vom Hypozentrum entfernt in einer Holzhütte arbeitete. Sie war zuständig mit vielen anderen Mädchen ihres Alters für die hochgeheime Nachrichtendurchsage der US-Militär-Angriffe. Fast alle ihre Freundinnen sind an den Folgen der Explosion gestorben; sie konnte überleben und ist bis heute (83-jährig) fest entschlossen, ihre Botschaft bis zum Ende ihres Lebens an die Welt weiterzugeben.

Es gab einen spannenden interreligiösen Gesprächskreis, u.a. mit Ela Gandhi (Südafrika), Enkelin von Mahatma Gandhi und Dr. Akemi Bailey-Haynie (USA), Tochter einer Hibakusha.

Die sehr ergreifende Rede von Tony de Brum (Außenminister der Marshall Islands) hat alle in Atem gehalten. Er erzählte auch seine Geschichte: als kleiner Junge vor 60 Jahren erlebte er am Strand mit seinem Großvater zusammen die Detonation der unter „Castle-Bravo“ bekannten Atombombentest-Bombe 1954 über dem Meer. Es war eine von 67 Atombombenversuchen innerhalb von 12 Jahren (1946-1958), die die USA auf den Marshall-Islands zündete, obwohl die Auswirkungen schon längst bekannt waren. Seine Ansprache führte die Ohnmacht der Opfer und die berechnende Macht der USA-Militärs klar vor Augen. Das Schlimmste, sagte er, seien die Studien gewesen, die an Menschen gemacht wurden. Die Opfer, nicht informiert und belogen, ihres Landes beraubt und gesundheitlich extrem geschädigt, waren doch schon gepeinigt genug….

Als die Fukushima-Katastrophe 2011 die Welt erschütterte, fragte ihn ein Freund : Was glaubst du, was die Regierung nun tun wird? Tony de Brum antwortete ihm:  sie werden es leugnen, dann werden sie lügen und schließlich werden sie es klassifizieren. Und genau das sei eingetroffen, meinte er weiter. Nun haben die Marshall Islands vor dem Internationalen Gerichtshof gegen die 9 Atomwaffen-Staaten eine Klage eingereicht wegen Verstoßes gegen das internationale Völkerrecht.Es folgte eine kurze Bekanntmachung über die 5 Millionen Unterschriften von Jugendlichen aus aller Welt für das Verbot und die Abschaffung von Atombomben und für die Unterstützung der Klage seitens der Marshall Islands über die sich Tony de Brum sichtlich freute.

Schlusslicht des ersten Tages war die Buchvorstellung des Autors Eric Schlosser mit „Command and Control“ (ein Situationsbericht der USA-Militärs und deren Fehlerhaftigkeiten). In seinem Buch wird deutlich gemacht, wie die Welt schon mehrmals vor dem Schlimmsten „gerettet“ werden konnte.

Weitere unglaubliche Redner und Zeitzeugen waren auch am zweiten Tag zu hören, u.a. Sue Coleman (Atombombentest-Opfer aus Australien) und Karipbek Kuyukov (Opfer der 40-jährigen Atombombentests in Kasachstan)! Das war so ergreifend, dass viele ihre Taschentücher auspacken mussten! Letzterer ist verkrüppelt auf die Welt gekommen aufgrund der nuklearen Strahlung, die er als Embryo im Leib seiner schwangeren Mutter erfahren hat. Er hätte zwar keine Arme, die uns umarmen könnten, sagte er zum Publikum, aber er umarme uns mit seinem ganzen Herzen. Seine einzige  Aufgabe sei, die Welt über das Leid, was sein Land 40 Jahre lang erfahren müsst, zu informieren. Mit seinem Mund malt er Bilder von allem Leid, was er sieht. Man kann diese Bilder auf seiner Website sehen. Er appellierte an uns : „Wenn ihr möchtet, dass eure Kinder in eine gesunde Umgebung aufwachsen können, bitte seid Teil der Ursache, für die auch ich mich einsetze“.

PolitikerInnen und andere ganz wichtige Persönlichkeiten sprachen sehr klar und informativ über die Situation bezüglich der drohenden Gefahr von Atomkriegen und Unfällen. Sehr spannend war es, zu hören, wie im norwegischen Parlament durch Einigkeit aller Parteien über humanitäre Abrüstung (von Gry Larsen, eh. Mitglied des Parlaments 2005-2013, vorgetragen) zu nachhaltigem Erfolg führen konnte. Richtungsweisend war der Appell von Peter Pilz, die Grünen, Österreich. Er sagte, die Österreicher, ob Regierungsvertreter oder Bevölkerung, seien sich einig, dass sie weder Atombomben noch Atomwaffen haben wollten.  Die gleiche Übereinkunft wünsche er sich auch zunächst mit den deutschsprachigen Ländern, sodass mehr Beteiligung innerhalb Europas folgen möge. Er sagte auch: PolitikerInnen würden vom Volk gewählt, also brauchten sie die Stimmen, die ihnen Feedback geben. Wir sollten sie drängen, eine starke Verantwortung für die Abschaffung von Atomwaffen zu übernehmen, forderte er.

Am Ende kam die Geschichte von Nosizwe Baqwa von ICAN-Norwegen und ein rauschender Applaus für sie und für alle die diese Konferenz möglich gemacht haben.

Heidi Kassai. Foto: Xanthe Hall / IPPNWHeidi Kassai ist Mitglied der Glaubensgemeinschaft Soka Gakkai

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1 Kommentar

  1. Hat dies auf Attac Baden-Baden rebloggt und kommentierte:
    Civil Society Forum – 6.12.2014 – Wien


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