Besucht Büchel, solange es dort politische Aktionen gibt

Ein politischer Familienurlaub in der Eifel.
Eine etwas zur Ruhe gekommene AktivistInnenfamilie mischt wieder mit.

Foto: Ali Nehring

Manche Dinge erscheinen dem sogenannten Menschenverstand immer wieder unerträglich. Zurzeit sind es die NPD-Plakate, die blond und deutsch von den Straßenlaternen zu uns herab starren. Es ist das weltweite Morden unserer westlichen Herrschaftskaste, das Jean Ziegler, der frühere Sonderberichterstatter für Nahrung der UN in seinem neuen Buch „Wir lassen sie verhungern“ skandalisiert. Und nicht zuletzt sind es die 20 Atomwaffen, die völkerrechtswidrig in Büchel lagern, damit sie durch deutsche Piloten zu ihren Zielen gebracht werden können. Wir wollen aufstehen gegen Rüstungswahnsinn, gegen Atombomben in Deutschland, die von unseren Steuern durch die Luft geflogen werden. Atombomben, von der jede einzelne mehr Sprengkraft hat, als die Bombe von Hiroshima.

Kleinfamilie
Ganz klassisch: Eine Kleinfamilie fährt in die Ferien. Sigrid und Hops (48 Jahre), Ronja (17) und Jaro (12). Wir sind alle selbst etwas überrascht, dass wir als ganze Familie zusammen nach Büchel fahren. Aber das Ziel ist klar: Eine totbringende und unvertretbare  Umgebung zu einer menschenfreundlichen und lebenswerten Welt zu machen. Alle Augen für die Fehler zu öffnen und kleine Schritte in die richtige Richtung zu gehen. In Richtung einer Zukunft, in der alle Menschen leben können. Ein guter Plan für einen Urlaub.

Ankunft im Friedenscamp
Bunte Zelte. Pacefahnen. Lagerfeuer. Überall Musik. Ronja hat in Windeseile ihre eigene Bezugsgruppe gefunden. Engagiert entscheiden sie sich dort zu blockieren, wo noch Unterstützung gebraucht wird. Jetzt brauchen wir aber eine Rechtsberatung. Was passiert, wenn Minderjährige ohne ihre Erziehungsberechtigten bei einer Blockade von der Polizei aufgegriffen werden? Kommen sie unter die Obhut des Jugendamts? Was passiert mit Eltern, die ihre Kinder nicht unter Kontrolle haben und ihre Kinder an illegalen politischen Friedensaktionen teilnehmen lassen? Kriegen die das Sorgerecht entzogen? Ronja hält das alles für Unsinn. Es ist wichtig hier zu sein! Egal was da die Konsequenzen sind. Wir entscheiden uns. Ronja zieht mit ihrer Bezugsgruppe und die Eltern werden mit Ronja im SMS-Kontakt  bleiben. Wir, Sigrid, Jaro und Hops wollen am Haupttor bleiben.

Luxusblockade?
Foto: Marvin MendykaDas Haupttor, na ja, fast könnte es peinlich sein, gerade am Haupttor zu blockieren. Wir, etwa 25 BlockiererInnen, dazu viele UnterstützerInnen haben hier einfach alles, was mensch braucht. Hier gibt es Musik und Beiträge nonstop und fast ohne Ende. Rampenplan, um die Ecke, versorgt uns mit veganem Bioessen, Kaffee und Tee inklusive. Nachmittags kommen niederländische AktivistInnen als Meisjes verkleidet in Tracht mit Häubchen und servieren uns echten Gouda. Es fällt der Begriff „Luxusblockade“ … Und dann das Kulturprogramm: Die Musik von Bandbreite und Blue Flower kann unterschiedlicher nicht sein. Klaus der Geiger spielt für uns, Rob Longstaff bringt uns den Blues, aber den kriegen Guaia Guaia und Wareika wieder weg. Viele Dank an euch alle: Franziska, Parallel Daneben mit Matthäus (wir hoffen, ihr habt es nicht bereut), Kokuryo-Daiko mit ihrem Power und Die üblichen Verdächtigen. Nicht zu vergessen die Lebenslaute …
Am Haupttor blockieren auch Niederländerinnen. Frauen, die wissen was sie wollen: „Atomwaffen auf wiederschnitzel“ steht auf ihren T-Shirts. Eine Botschaft, die uns Deutsche den Atomwaffenabzug schmackhaft machen soll. Dann noch Johanna, Eva, Dagmar und Kornelia aus unserer Bezugsgruppe, die einfach nicht aufgeben und für eine bessere Welt eintreten. Im laufe des Tage wächst unsere Bezugsgruppe immer mehr an. Männer und Frauen aus Nord und Süd, Ost und West, bunt wie eine Pacefahne.

Verzaubert
Foto: IKV pax christiAls es Nacht wird, alle die blockieren wollen, mit Strohsäcken und Plastikplanen ausgestattet sind, passiert noch etwas ganz wunderbares: Unter den Klängen einer afrikanischen Harfe, die den unter den Sternen liegenden Platz vor dem Haupttor unter eine märchenhafte Sphäre setzt, erscheint aus der Dunkelheit ein riesiges Geschöpf. Kopf, Arme, Beine  und Rumpf, wie ein Mensch. Weiß, strahlend, sich zu den bezaubernden Klängen der Harfe bewegend. Die riesige Dundu-Puppe wird von fünf Menschen bewegt. Sie vereint eine Zartheit, mit der sie Kindern begegnet, sie freundlich streichelt, ein Polizeiauto umarmt, mit einer Kraft, mit der sie das Atomwaffenlager betritt, dass mensch meint, sie könne einfach mal die 20 Atombomben aus ihren Bunkern holen. Es ist ein rührendes Schauspiel, ein Stück authentischer Kunst, das dankbar werden lässt einmal zur richtigen Zeit am rechten Platz zu sein. Vielen Dank Dundu-Team und Stefan Charisius.
Die Nacht ist kalt und feucht, das Vorbereitungsteam hat Planen bereitgestellt, unter den sich die blockierenden Menschen vor dem Tau schützen können. Wer wach bleibt, wird mit einem himmlischen Sternschnuppenspektakel belohnt. Am Zaun hinter uns bewegen sich Transparente und niederländische Fahnen raschelnd im Wind. Gerd schnarcht leise im Schlaf. Auf dem Atomwaffengelände fährt ab und zu ein Fahrzeug vorbei.  Es ist friedlich hier. Fast vergessen die totbringenden Atombomben hinter dem Zaun …

Morgengrauen, 4.45 Uhr
Foto: Ali NehringDie SprecherInnen der Bezugsgruppen am Haupttor treffen sich zum SprecherInnenrat. Wer hat das alles erfunden? Vor Sonnenaufgang schon Konsensfinden? Wach werden soll ich. „Hey, ihr, wollt ihr mit mir das Schüttelspiel spielen?…“  zwischen verpappten Augenlidern hindurch erkenne ich, dass es ein Mensch sein muss, der uns SprecherInnen so etwas fragt. Tatsächlich fangen auch ein paar an ,sich zu „unten links, schüttel, schüttel“  den Schlaf zu vertreiben. Dann gibt es einen Lagebericht, was alles an den anderen Toren in der Nacht passiert ist. Uff! Das ist schon eher Aktivurlaub.
Friedrich erscheint gegen 5.00 Uhr mit einem Dixi-Klo auf der Sackkarre. Für die BlockiererInnen. Später kommt er mit noch warmen Brötchen und der frischen Tageszeitung.  Was für Menschen um uns herum! Es ist irgendwann nach sechs Uhr. Es sickert durch, dass Busladungen von Bundeswehrsoldaten zu Fuß durch ein Tor ins Gelände geschleust wurden. Fahrzeuge konnten aber nicht hinein.  Wir lassen uns nicht entmutigen. SMS von Ronja. Sie hat die Nacht an Tor 1 überstanden. Später erzählt sie von ihren Erfahrungen:

Wir wollten da sein wo wir gebraucht wurden. In Büchel. Und dann an Tor eins. Die Gemeinschaft und das gemeinsame Ziel, das allen Kraft gegeben hat, hat mich sehr beeindruckt. So verschiedene Menschen! Alle Richtungen an DemonstrantInnen sind da. AntifaschistInnen. Ökos. Religiös motivierte.  SystmkritikerInnen. FemministInnen. Castorblockierende. Sie alle sind vereint als Friedensleute! Das war hier sehr besonders. Ein breites Bündnis  mit einem gemeinsamen Ziel. Unsere Gruppe war sich von vornherein einig. Wir würden uns innerhalb der nächsten 24 Stunden nicht mehr bewegen (lassen). Mit riesiger Unterstützung war das eine leichte Aufgabe. Wir wurden mit allem umsorgt! MusikerInnen kamen zu uns und spielten. Wir bekamen Essen und Tee sogar mitten in der Nacht. Viel wunderbare Stimmung. Auch Frustration, als am nächsten Morgen die Übungsflüge wieder losgingen breitete sich der Protest in Wellen am Zaun aus. Für jeden Start fliegt so viel Geld in die Luft. Geld, das heilen könnte. Geld, das glücklich machen könnte. Das Hunger stillen könnte. Es fliegt in die Luft ,um später besser viele Menschen, die natürlich alle „böse Menschen“ sind, effizienter töten zu können. Da steigen mir Tränen in die Augen! Diese Gewalt, die ich spürte als die Flieger abhoben, macht mir Angst. Sollte allen Menschen Angst machen!

Was gut tut
Die Bomben hinter uns sind nur ein kleiner Teil des Arsenals auf unserer Erde, außer Landes gibt es so viele, dass man damit unseren ganzen Planeten zerstören kann. Und doch können wir diese Bedrohung nur bekämpfen, wenn wir vor der eigenen Haustür anfangen! Zu der Hoffnungslosigkeit die uns begegnet, tut es gut anderen AktivistInnen zu begegnen, MusikerInnen der Lebenslaute und anderen zuzuhören, tut es gut Menschen zu treffen, die ihre Energie für das Leben und die Hoffnung einsetzen. Es tut gut, sich an Menschen zu erinnern, die sich vor uns eingesetzt haben, für die Wahrheit, die Erinnerung, und das Leben aller Lebenden!

Uns hat Büchel Kraft gegeben. Wir sind wehrhaft. Und wir leben auf die Zeit hin, wo niemand mehr seinen Kopf in den Sand steckt, um Mörder zu legalisieren und in Schutz zu nehmen. Und wo alle in einer guten und glücklichen Welt leben können.
Nie wieder Hiroshima! Kein Geld für Modernisierung von Atomsprengkörpern! Erinnert euch! Löst Konflikte miteinander! Teilt was ihr habt! Setzt euch ein!

Danke an das Vorbereitungsteam! Danke an die Aktionsunterstützung! Es war großartig! Falls die Bomben nicht abgezogen werden, kommen wir wieder!

Jaro, Ronja, Sigrid und Hops

Mehr Fotos von der Aktion am Haupttor

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2 Kommentare

  1. Super Aktion mit Musik und Gesang, voll gewaltfrei und friedlich – gefällt mir richtig gut. Reden können anstrengend sein … ist was für den Herbst geplant?
    Vielleicht könnt Ihr auch etwas koordinieren, damit man weiß wer aus welcher Region hinfährt. Am Besten mit dem Bus in einer Gruppe …
    liebe Grüße – Wolfgang

  2. Liebe Sigrid, lieber Hops, lieber Jaro, liebe Ronja,
    schön habt ihr eure Büchel-Erlebnisse beschrieben. Ich erinnere mich noch sehr gerne an unsere Bezugsgruppe. Es war eine tolle Zeit.
    Ganz liebe Grüße
    koni


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