Bikes beat Bombs

Foto: Jens Volle

Was an den „Bikertoren“ 5 und 6 so geschah

Stell dir vor, da gibt es einen Bundeswehr-Fliegerhorst in der Eifel, es ist Montag 7.00 Uhr und Schichtbeginn – und keine/r kommt! Weil nämlich an allen Toren zum Fliegerhorst so lästige Weltverbesserer rumsitzen-liegen-stehen, die singen-trommeln-beten-musizieren-feiern-diskutieren-lesen-tanzen-und werweißwasnochalles und niemanden durchlassen, weil ihnen das nicht gefällt,  was auf dem Luftwaffengelände so passiert: dass es ca. 20 US-Atomraketen beherbergt, zum Beispiel.

Und weil man so eine Blockade ja nicht einfach zulassen und gleichzeitig auch mal ein bisschen Einsatz vor Ort üben darf (wer weiß, wofür man`s mal braucht!) spielten die zuständigen politisch-militärischen Institutionen am Tor 6 rechtzeitig zum Montagmorgenschichtbeginn ihre „Ereigniskarte“ aus: Punkt 6.45 Uhr fielen hier bei uns rund 250 uniformierte Wasserträger des Rüstungskapitals ein wie ein Heuschreckenschwarm: SEK, Bereitschaftspolizei und Feldjäger – gepanzert und waffentechnisch ausgestattet wie für eine Geiselbefreiung -, die den rund 150 mitangereisten Soldat/innen und zivilen Bediensteten des Fliegerhorstes den Eintritt in das Reich der deutsch-us-amerikanischen Kriegsfreundschaftsgesellschaft ermöglichen sollten – eine Gesellschaft, versteht sich,  ohne jegliche Haftung…

Katzenklappe-01Leider hatte unsere Schnarchblockade in der Zufahrt zu Tor 6 nicht die voll abschreckende Wirkung, die wir uns von ihr versprochen hatten:  Die Schnarcher wurden jäh von uns anderen aus dem wohlverdienten Schlaf gerissen, als der „große militärische Bahnhof“ begann: „Da kriegst du mühsam die Augen auf – und um dich rum ist alles schwarz:  schwarze Schuhe, schwarze Beine,  dein Blick wandert weiter nach oben: schwarze Jacken, Ärmel, Handschuhe, Helme  – von welchem Stern sind die denn???“ beschrieb später einer unserer Schnarcher die Lage. „Schwarz Sehen“ im Reinkultur, sozusagen …

Immerhin war die von uns ausgehende Bedrohung für Volk und Vaterland (und US-Atombomben) ja auch nicht ganz von der Hand zu weisen: Zwei Leute nahe Tor 6 im Tiefschlaf; zwei, die an Tor 5 (ca. 100 Meter von Tor 6 entfernt) bei Feuerschale und Kaffee Wache schoben und eine/r, der/die zwischen den Toren hin und her patrouillierte. Da scheut man doch weder Kosten noch Mühe um der inneren und äußeren Sicherheit willen! Und dann quetscht man 150 Personen mit und ohne BW-Uniform einzeln durch ein winziges, in der Botanik gelegenes Fußgängertörchen, das gerade mal 40 cm weit aufgedrückt werden kann. Wie peinlich ist das denn???

Effektvollerweise konnte ich die ganze Aktion fotografisch dokumentieren – was mich auf der Beliebtheitsskala der anwesenden Staatsgewalt nicht unbedingt ganz nach oben brachte, wollte man doch mit Sicherheit dieses blamable Schauspiel klamm und heimlich inszenieren und anschließend als heroischen Einsatz in die Welt posaunen: „Bikerblockade am Fliegerhorst durch massiven Polizeieinsatz durchbrochen!“ „Gefährliche Rockergang ausgehebelt!“ „Schichtwechsel reibungslos durchgeführt!“ Oh jeh…  Was haben die denn gedacht, wer und was wir sind??? (Wobei das Ding mit der Schnarchblockade ja durchaus ausbaufähig ist: Wenn da mehr Leute für den Frieden „sägen“ in der Qualität wie unsere beiden, hat das mit Sicherheit eine Riesenwirkung – aber das fällt dann bestimmt schon unter das Waffengesetz, womit wir schon wieder bei der „gefährlichen Rockergang“ wären …)

Nach einer guten halben Stunde war der Spuk vorbei, Polizei und Militär abgerückt, aber dann rollte für uns die Soliwelle an: viele Musiker/innen der „Lebenslaute“ kamen mit ihren Instrumenten und dazu noch etliche andere. Und schon gab es an Tor 6 eine neue Blockade (diesmal mit echter Musik statt Schnarchkonzert) und eine neue „Party- bzw. Frühstücks“blockade vor Tor 5. Das zum Thema „Erfolgsmeldungen“ …

Katzenklappe-02Was war sonst noch?  Ab Freitag ein tolles Bikercamp im Friedenscamp am Haupttor – 1000 Dank an alle! – mit illustren Gästen aus dem In- und Ausland nebst Lagerfeuer und Grillparty mit und ohne Gemüsespieße, viel Musik, gutem Wetter, Freunden, Spaß und fröhlich-friedlicher Stimmung. Samstag eine herrliche lange Mosel-Eifel-Friedensausfahrt ; mehrere Motorradumrundungen des Fliegerhorstes und Besuche an den anderen Toren am Sonntag; Mahnwache, Blockade und Partystimmung an Tor 5 ab Sonntagnachmittag; Meditations-, Besinnungs und Entspannungblockade an Tor 6, ebenfalls ab Sonntagnachmittag (dort ab 2.00 Uhr dann „Schnarchen für den Frieden“…),. Alles sehr locker, friedlich und vergnüglich. Zum Ärger unserer zusehens schlechter gelaunten fleckgetarnten Bewacher hinter dem Zaun, die die ganze Nacht nicht nur unsere Musik, unsere mal mehr, mal weniger inhaltsreichen Gespräche und unser albernes Gegacker ertragen mussten, sondern zu allem von uns ausgehenden Übel auch noch die halbe Nacht leckere Grill- und frische Kaffeedüfte…
Die sich (die hinter dem Zaun) dann damit rächten,  dass sie eine Mobile Kontrollstelle (z.B. zur „Tatortbeleuchtung“ einzusetzen – ernsthaft!) recht präsent zur Verfügung hielten, falls es uns vielleicht einfallen sollte, durch fünf mal 10 Meter Natodraht zu krabbeln oder mit unseren Motorrädern den Zaun umzunieten… Dass sie gegen 4.00 Uhr morgens eine Autopanne nahe Tor 6 fingierten, um vermutlich dies und jenes vorzubereiten für den späteren Aufmarsch. Leider (für sie!) haben wir das mitbekommen und konnten neben einem fröhlichen „Guten Morgen!“ auch noch gute Beleuchtung aus unserem 200-Meter-Punktstrahler zu dem Manöver beisteuern… Oder dass sie schon gegen Mitternacht die ersten Handykontakte von uns zur Aktionszentrale am Haupttor abschalteten und mit ihren Störmanövern später fast alle unserer Handys lahmlegten … Und noch andere Späße mehr. Was alles letztlich in dem Großeinsatz an Tor 6 Montagmorgen gipfelte, aber den hatten sie ja mit Sicherheit schon vorher geplant, sonst wäre der ganze oben genannte Quatsch ja nicht nötig gewesen.

Was bleibt? Die Atomraketen, noch, leider. Viele wunderbare Eindrücke von vielen wunderbaren Menschen. Wir alle, weil wir noch mal wiederkommen. Nach Büchel. Zum Fliegerhorst. Oder woanders hin, wo Menschen sich zusammentun für eine bessere Welt. Ohne Kriege. Ohne Atomkraftwaffen. Für Love and Peace (and Bikes!)!
Und der Spottname von Tor 6, den wir ihm schon in der ersten Stunde verpasst haben: „KATZENKLAPPE“!

Foto: Herbert SauerweinGine Willrich, MotorradfahrerInnen ohne Grenzen, Düsseldorf

Mehr Fotos von den Toren 5 und 6

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