Sternschnuppen über Büchel

Erlebnisbericht vom Tor 1 – Frauenwiderstand

Foto: Jens Volle

Frauen hüten die Nagasaki-Flamme
Als Mitverantwortliche des Kampagnenrats für das Tor 1 erhielt ich von der japanischen Frauenorganisation New Japan Women’s Association, die mit Tausenden von Teilnehmerinnen am 8. August in Nagasaki ihr „No Nuke! Women’s Forum“ abhielt, eine einminütige Video-Grußbotschaft für „unsere Schwestern und alle Blockierenden in Büchel“. Darin übergaben sie uns symbolisch die Flamme von Nagasaki für unsere Aktion. Bei der Gedenkandacht zum Atombombenabwurf am 9. August am Haupttor und dem offiziellem Fasten-Ende wurde das Video gezeigt und unsere Flamme angezündet. Ab jetzt galt es für uns Frauen, die Flamme bis zum offiziellen Blockadeende am Brennen zu halten. Eine zusätzliche Solidaritätsmitteilung der aus 200.000 Mitgliederinnen bestehenden japanischen Frauenorganisation verlas ich bei der Eröffnungskundgebung am 11. August, wo auch Alyn Ware seine Flammenfackel aus Hiroshima vorstellte, die bereits die Welt umrundete und bei der UN bei den Abrüstungsverhandlungen dabei war.

Frauen-Bezugsgruppenfindung
Auf dem Camp ging es rund: Orga-Treffen hier, Veranstaltungen dort, immer wieder trudelten neue zu begrüßende Teilnehmende ein, sodass mir kaum Zeit für Aktionstrainings und ausgiebige Diskussionen in unserer Bezugsgruppe Bertha, die aus neun Frauen bestand, blieb. Zum Glück hatten wir schon einen vorläufigen Ablaufplan und konnten im SprecherInnenrat die Planung gut verfolgen. Wir einigten uns schnell darauf, dass wir über Nacht am Frauentor nur neue Bezugsgruppen aufnehmen wollten, die mindestens zur Hälfte aus Frauen bestanden und vorab ein Training gemacht hatten. Eine Frau von unserem Tor sollte während der Blockade per Handy regelmäßig über Telefonkonferenzen mit allen anderenToren vernetzt sein, um sich gegenseitig über die Gesamtlage zu informieren und uns gegebenenfalls unterstützen zu können.

Es war eine beeindruckende Mischung aus vielen erfahrenen jungen AktivistInnen, vielen auch sehr alten Menschen, Menschen mit Rollstühlen, Kindern, Musizierende, KabarettistInnen, DichterInnen…, die dann an der Aktion teilnahm. Sogar ein Polizist, der zum Dienst musste, verabschiedete sich am Haupttor von seiner Frau und seinem Sohn.

Tor 1: Frauenwiderstand – Sonntag
frauentorBei Sonnenschein fanden wir uns vor Tor 1 vor einigen Polizisten ein, die eine offene Kette vor dem Tor bildeten. Einzelne ältere Frauen wurden mit einer Fahrradrikscha herangefahren, die regelmäßig zwischen Haupttor und Tor 3 shuttelte. Mit acht Trommeln von Chris-Kaya waren wir gleich drin in den schönsten Rhythms, gefolgt vom Hunsrücker Frauenchor, Blue Flower, KabarettistInnen… Zwischen den KünstlerInnen-Einlagen ließen wir einen Redestab herumgehen, sodass jede Frau etwas erzählen oder ein ihr wichtiges Lied anstimmen konnte.

Am Spätnachmittag erfuhren wir über die Telefonkonferenz, das ein Militärangehöriger, der zu Fuß erfolglos ein Durchkommen bei Lebenslaute am Lutzerather Tor versuchte, etwas später hinterm Tor gesehen wurde: Er grinste die Blockierenden aus einem Auto breit an. Uns wurde damit klar, dass es irgendwo eine undichte Stelle geben musste. Unsere Nachforschungen führten tatsächlich zu einem uns bis dahin unbekannten Tor 7, was vom Ort Alflen über nur einen Feldweg direkt zur Basis führte. Schnell machte sich eine Bezugsgruppe von Lebenslaute auf, dann auch dieses Tor dicht zu machen. Wir freuten uns enorm darüber, da die Bundeswehr offensichtlich geplant hatte, ihren restlichen Nachschub darüber abzuwickeln, da ihnen sicher bekannt war, dass wir dieses Tor im Vorfeld nicht erfasst hatten.

9494317110_78e4df6bd7_oErst am Abend, als viele, die am Montag arbeiten mussten oder denen es zu unbequem war, die Nacht im Freien – auf Stroh und Isomatte – zu verbringen, uns verlassen mussten, hatten wir endlich Zeit mehr miteinander zu reden. Die wenigen anwesenden Polizisten waren jetzt bereits abgezogen. 13 Frauen blieben über Nacht und besprachen, wie wir uns im Falle einer Räumung verhalten wollten, zumal uns klar war, dass die Bundeswehr jetzt einen neuen Notzugang brauchte. Falls früh morgens Polizei aufgezogen wäre, hätten wir genug Zeit gehabt, noch ein Schloss am Tor anzubringen und uns dann wegtragen lassen. Vor dem Schlafengehen gab es wieder Essen von der mobilen Bio-Widerstandsküche Rampenplan, diesmal eine warme vegane Suppe. Mit einem Akku-Beamer schauten wir uns aus dem Schlafsack heraus – das Video des britischen Frauenwiderstandes über Greenham Common an und verbrachten bei 9 Grad Celsius unter schönstem Sternenhimmel, wo das Perseiden-Feuerwerk mehr als 100 Sternschnuppen pro Stunde versprach – eine unvergessliche Nacht!

Montag – die Bomber dröhnen
Montag früh kam Rampenplan mit dem Frühstück und Zeitungen. Stefan Charisius spielte mit seiner Kora traditionelle Melodien aus Afrika, während unsere Zeitzeuginnen von vor 30 Jahren aus dem Hunsrücker Frauenwiderstandscamp, aus Mutlangen und Greenham Common berichteten. Den Frauen damals war eins gemein: Sie alle hatten in ihrer Familie und/oder Beziehungen (sexuelle) Gewalt und männliche Vorherrschaft erfahren und brauchten diese Camps, um sich selbst zu finden und gemeinsam handeln zu können. Nach dem Abzug der Cruise Missiles Ende der 1980er Jahre zogen viele Frauen in den Hunsrück, gründeten Biohöfe, wurden Heilpraktikerinnen oder erstellten Kunsthandwerk. Das Frauenmusikfestival ist heute mit seinen 1000 Teilnehmerinnen ein Treffpunkt vieler auch lesbischer Frauen, die hier einen geschützten Raum finden, gegenüber einem Alltag in einer eher homophoben Gesellschaft: alles mit Bio, Kunst und Gefühl!

Plötzlich dröhnte hinterm Zaun der Fluglärm, der uns die Bomber und das Leid der Menschen, auf die auch an diesem Tag Bomben abgeworfen wurden (wenn auch keine Atombomben), vergegenwärtigte. Militarismus und Sexismus war immer wieder Thema – zwei Seiten einer Medaille, was uns in dem Moment Gefühle von Wut und Traurigkeit bescherte.

Die morgendliche Telefonkonferenz informierte darüber, dass an Tor 6, bei dem es sich eigentlich um eine zugewachsene und eingezäunte kleine Tür handelte, die wir „Katzenklappe“ nannten, am frühen Morgen um 6:40 Uhr vier Busse eingetroffen waren. Ein Bus mit einem Großaufgebot eines Sondereinsatzkommandos, welches ein Spalier für die Militärangestellten bildete, damit diese zur Katzenklappe kommen und sich durch die 40 cm große Öffnung quetschen konnten. Sich so in die Basis hineinzuschleichen war dann doch kein Heldenakt und wurde von der Torverantwortlichen, die zufällig auch im Besitz eines Presseausweises war, ausgiebig fotografiert.

Foto: Herbert SauerweinMit einer Zeremonie und dem Grußwort der japanischen Frauenorganisation sowie Reihentänzen beendeten wir die Blockadeaktion um 6 vor 12 Uhr und gingen zurück zum Haupttor des Fliegerhorstes. Am Haupttor, wo nochmal ein/e RepräsentantIn jedes Tores angehört wurde, sprach Silvia Bopp von der Pressehütte Mutlangen für unser Tor Frauenwiderstand über das Hüten des Feuers und endete emotional: Wir wären lieber Heilerinnen als Kriegerinnen! Zum Abschluss sangen wir alle das Lied Imagine Peace von John Lennon, angestimmt von Lebenslaute, womit die Blockade, ohne dass ein Auto den Stützpunkt Büchel befahren oder verlassen konnte und ohne das irgendjemand verletzt wurde, offiziell beendet wurde. In diesem Moment habe ich die Nagasaki-Flamme ausgeblasen!

Unser großer Dank gilt allen, egal in welcher Form sie teilgenommen haben: z.B. den MusikerInnen/KünstlerInnen, die ohne Gage aufgetreten sind, dem ZUGABE Netzwerk, das uns mit seinen Arbeitsgruppen-Trainings und Moderation, Rechtshilfe, Aktionsunterstützung unterstützt hat, den AktivistInnen…

Marion Küpker ist Koordinatorin der GAAA, Internationale Koordinatorin der DFG-VK gegen Atom- und Uranwaffen und im Kampagnenrat „atomwaffenfrei.jetzt!“

Hier sind weitere Fotos vom Tor 1

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