The Day After … Büchel

"Rhythm Beats Bombs – Abrüstungsinstrumente" am Haupttor des Fliegerhorst Büchel

„The Day After“ ist einer der Filme durch den sich mir das Grauen eines Atomkrieges für immer einbrannte. Das war in einer Zeit, in der die Angst vor einem atomaren Schlag noch allgegenwärtig war und ich Kind. Viele Jahre später – in einer Zeit, lange nach dem Ende des Kalten Krieges, in der die meisten Menschen diese Ängste nicht mehr kennen – stehe ich zum ersten Mal am Fliegerhorst Büchel in der Eifel.

Blick über die RegionWie schön und friedlich es hier ist, denke ich, während von der Straße am Fliegerhorst über die Hügel im Morgenlicht schaue. Dann läuft mir ein Schauer über den Rücken, denn mir fällt wieder ein, dass ein paar Meter hinter mir – abgetrennt durch Zaun und NATO-Draht – Waffen lagern, die alles Schöne dieser Welt in Sekunden zu Asche verwandeln könnten: die letzten 20 US-Atomwaffen auf deutschem Boden.

Nur ein paar Meter neben dem Haupttor des Fliegerhorsts ist das „Friedenscamp“ aufgeschlagen – gewissermaßen das Basislager für die geplante Musikblockade der Zufahrtstore des Atomwaffenlagers. Die Vorbereitungen laufen hier auf Hochtouren und alle Beteiligten der Kampagne „atomwaffenfrei.jetzt“ und der Aktionsunterstützung schwirren schwer beschäftigt umher. Die Stimmung ist angespannt, zu vieles gibt es gleichzeitig zu tun.

Der Zug zu den TorenUm fünf vor zwölf geben die „Lebenslaute“ vor dem Haupttor mit ihrem Konzert den Auftakt für die Blockade. Circa 750 Menschen lauschen ihnen, bevor sie sich gegen 14 Uhr in einem großen Zug entlang des Lagerzaunes auf den Weg zu den anderen Zufahrtstoren machen, wo sie sich für die Blockade verteilen. Am Vortag haben sich im Friedenscamp die Bezugsgruppen für die einzelnen Tore gefunden, absolvierten gemeinsam ein Training in gewaltfreier Aktion und besprachen alles Notwendige. Es ist spannend zu sehen, wie bunt gemischt der Zug ist: vom Renter bis zum Kleinkind, vom Hippie bis zum Biker.

Ich bleibe erst mal an Tor 3, wo „Muita Merda“, „Klaus der Geiger“ und „Guaia Guaia“ – die später auch noch an anderen Toren auftreten – mit ihren Auftritten begeistern. Die Blockierenden singen mit und es wird viel und laut gelacht.

Als ich später im Friedenscamp zurück bin, erreicht uns die Nachricht, dass ein weiteres Tor entdeckt wurde. Neben den eingeplanten Toren gibt es ein ganz Verstecktes am Ende eines langen Feldweges. Eine Gruppe von den Lebenslauten macht sich auf den Weg, um auch dieses Tor mit der Nummer 7 „dicht“ zu machen.

Am Tor 7, dem uns unbekannten ...Als wir auf einer abendlichen Runde zu allen Toren sind, berichtet die Gruppe an betreffendem Tor uns, dass sofort nach ihrer Ankunft NATO-Draht hinter dem Tor verlegt wurde. Scheinbar war die Angst groß, dass wir nicht nur blockieren wollen, sondern in das Lager eindringen. Als wir am Lutzerather Tor ankommen, dass von den „Lebenslauten“ blockiert wird, wird dort immer noch musiziert und gesungen, hinter dem Zaun stehen drei Soldaten und beobachten die Szene.

Am Tor 4 „Texte und Zitate“ sitzt eine gut gelaunte Truppe dick eingemummelt in ihre Schlafsäcke und liest Gedichte und Texte. An den nächsten, dicht nebeneinander liegenden Toren, 5 & 6, „Bikes beat Bombs“, hat es sich eine kleine Gruppe der „Motorradfahrer/innen ohne Grenzen“ schön gemacht, es gibt Musik, leuchtende Luftballons, es wird gegrillt. Als wir ankommen, kommt eine aufgeregte Polizistin zu uns, und will wissen, was wir hier wollten und ob wir vorhätten zu bleiben. Später erklärt sich ihr komisches Verhalten noch.

Am Tor 3 „Bombenrisiko Atomkraft“ haben sich die Meisten schon hingelegt, die paar wachgebliebenen berichten uns, dass alle fünfzehn Minuten entlang der Lagerstaße hinter dem Zaun eine Patrouille vorbeiführe und sie mit Scheinwerfern blende. Die Polizei hingegen wäre sehr kooperativ und freundlich.

Als wir Tor 1 „Frauenwiderstand“ und zuletzt Tor 2 „Interreligiöser Dialog“ erreichen, ist es schon sehr spät geworden – und ziemlich kalt. Die heiße Suppe, die das niederländische Kochkollektiv Rampenplan, das auch das Camp versorgt, zu den Toren bringt, wird sehnsüchtig erwartet. Als wir am Haupttor zurück sind, ist das Musikprogramm dort leider schon vorbei – aber es wird begeistert von den verschiedenen Auftritten berichtet. Ich bewundere die Blockierer, die trotz der Kälte auf Isomatten und Strohsäcken auf dem Boden vor dem Tor ausharren. Ich schlafe unruhig, bei jedem vorbeifahrenden Auto habe ich Angst, dass jetzt vielleicht doch eine Räumung der Blockade losgeht.

Früh morgens erreicht uns die Nachricht, dass sich etwas an Tor 5&6, bei den Bikern, ereignet hat. Eine Weile später haben wir Klarheit: In den frühen Morgenstunden rückten dort plötzlich Reisebusse an, die Blockierenden wurden von der Polizei umstellt und aus den Bussen wurden circa 150 Soldaten zum und durch das Tor geschleust. „Das ging schneller, als wir realisieren konnten, was da passiert“, berichtet eine der Blockiererinnen auf der Abschlussveranstaltung. Aus Solidarität mit den überrumpelten Bikern machte sich eine Gruppe vom Tor der Lebenslaute auf, um sie während der restlichen Blockadestunden zu unterstützen.

Abschluss am Haupttor

Um sechs Minuten vor zwölf endete die Blockade am 12. August 2013. Nachdem sich die AktivistInnen von den Toren wieder am Haupttor gesammelt hatten, gab es eine bewegende Abschluss- veranstaltung, bei der noch einmal von jedem Tor berichtet wurde. Zu guter Letzt wurde gemeinsam „Imagine“ von John Lennon gesungen. Ja, das klingt vielleicht ein bisschen klischeehaft – aber nach dieser Blockade mit so vielen bunt zusammengewürfelten Menschen unterschiedlichsten Alters und Hintergrunds, die so solidarisch, respektvoll und friedlich miteinander umgingen, passte es einfach.

Heute habe ich schon ein paar kritische Stimmen gehörte – was habt ihr schon erreicht?! Ich finde viel! Rund 750 Menschen sind in eine entlegene Ecke der Eifel gekommen, die Hälfte davon war bereit, trotz des Risikos einer Räumung und der nächtlichen Kälte auf dem Plateau 24 Stunden lang die Tore einer Militäranlage zu blockieren. Natürlich konnten wir weder den sofortigen Abzug der Atomwaffen aus Deutschland bewirken, noch hat es den Atomwaffen geschadet, dass 24 Stunden lang kein Auto rein oder raus kam. Aber wir haben es geschafft Aufmerksamkeit auf ein verdrängtes Thema zu lenken und wir haben unsere Bewegung gestärkt. Büchel 2013 war ein wichtiger Meilenstein für unseren Weg zur atomwaffenfreien Welt. Und ein besonderes Erlebnis, aus dem wir noch lange Kraft für unser weiteres Engagement ziehen werden!

Samantha StaudteSamantha Staudte ist Social Media-Koordinatorin der Kampagne atomwaffenfrei.jetzt, der IPPNW und Redakteurin des IPPNW Mitgliedermagazin “Forum”.

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3 Kommentare

  1. Ja, Samantha, stimme Deinem Resümee voll und ganz zu – Tor 6 war Mist, aber leider bei den „Mehrheitsverhältnissen“ nicht zu ändern… cu RLi

    • Ja, das mit Tor 6 war schon blöd, v.a. taten mir die Biker leid. Aber am Ende war die Blockade für mich auch ein symbolischer Akt und ich finde die Symbolkraft der Aktion hat nicht darunter gelitten, dass nun ein paar Soldaten doch reingekommen sind.

  2. Uns hat vor allem die gesamte Stimmung auf dem Camp und an den Toren gut gefallen. Besonders am Nachmittag an Tor 3. (Kurt von Muita Merda)


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