Alte Gräben verlassen – neue Wege finden

Gruppe der Zeitzeugen vor altem Bunker, Bild: Heine Schütte, Remszeitung

Der INF-Vertrag, der im Dezember vor 25 Jahren von brachte eine Trendwende zu nuklearer Abrüstung und er läutete das Ende des Kalten Krieg ein. Aus diesem Anlass organisiert und koordiniert das Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit (BITS) mit der Stiftung „Haus der Demokratie und Menschenrechte“ in Berlin und dem „Luftfahrtmuseum Finowfurt e.V“ eine Veranstaltungsreihe mit Zeitzeugen aus verschiedenen Perspektiven.

Die Friedenswerkstatt Mutlangen hatte gemeinsam mit der Stadt Schwäbisch Gmünd zu einem Podiumsgespräch in der ehemaligen Bismarck-Kaserne, wo heute das Landesgymnasium für Hochbegabte ist eingeladen. Daran nahmen teil:

  • General ad. Raymond Haddock, früher Kommandeur der Gmünder US-Garnison und Chef des Pershing-Kommanos
  • Nikolai Andrejewitsch Skiba (Belarus) ehemaliger Leiter der Reglementgruppe für Gefechtsköpfe in der 2454. Beweglichen Raketentechnischen Basis
  • Nikolaj Wasiljewitsch Jegorow (Russland): ehemaliger Leiter Transport und Vorstartvorbereitung in der 2454. Beweglichen Raketentechnischen Basis.
    Beide arbeiteten für eine Raketenbrigade,die mit SS-12-Raketen ausgerüstet war.
  • Peter Schulz, ehemaliger NVA-Offizier, heute aktiv im Luftfahrtmuseum Finowfurt.
  • Wolfgang Sternstein, Friedensforscher, in den 80er Jahren aktiv in der deutschen „Pflugscharaktion“ und der Kampagne „Ziviler Ungehorsam bis zur Abrüstung“.

Der Besuch der Delegation von ehemaligen Militärs aus der Sowjetunion, der DDR und der USA hatte das Zeug für ein historisches Treffen an einem historischen Ort. Diese Delegation war etwas, das es so noch nicht gab. Ehemalige militärische Feinde und politische Gegner trafen zusammen.

Aus diesem Blickwinkel kann man mit der Medienresonanz zufrieden sein. Eine Agenturmeldung, ein Fernsehbeitrag und Rundfunkbeiträge schufen überregionale Ausstrahlung. Hinzu kommt die ausführliche lokale Berichterstattung. Aber das Ziel eines Erfahrungsaustausches und einer Diskussion, wie die atomare Bedrohung überwunden werden kann, der Wunsch der Organisatoren, aus der Vergangenheit Lehren für die Zukunft zu ziehen, wurde nicht erreicht.

Noch zu tief sind die Gräben zwischen den einstigen Kontrahenten, zu stark der Wunsch, das damalige eigene Handeln zu rechtfertigen. Die Blicke waren zu sehr nach hinten und zu wenig nach vorn gerichtet. Es war mehr Geschichtsunterricht, der die alten Gegensätze offenbarte, als eine Perspektivdiskussion, die neue Wege eröffnete.

Auffällig war, dass eindimensionale Betrachtungsweisen vorherrschten und reproduziert wurden, dass Haltungen konserviert wurden. „Wir haben alles richtig gemacht“, sagte der ehemalige US-General. Wenn er immer wieder davon sprach, dass Gorbatschow erst zu Abrüstung bereit gewesen sei, als die Friedensbewegung nicht mehr demonstrierte, da blendete er aus, dass Gorbatschows Interesse an Abrüstung grundsätzlicher Art war. Da blendete er auch aus, dass zwar die Zeit der großen Massendemonstrationen vorüber war, aber die Zahl derer, die zum zivilen Ungehorsam bereit war wuchs. In Mutlangen wurden in der Stationierungszeit dreitausend Menschen festgenommen, das erste Tausend unmittelbar in den Monaten nach der Stationierung. Dann ebbte die Welle ab. Das dritte Tausend kam in den Wochen des Blockadeherbstes 2006 zustande. Im folgenden Jahr wurde wegen der erfolgversprechenden INF-Verhandlungen durch ein Blockade-Moratorium auf eine weitere Eskalation der Kampagne Ziviler Ungehorsam bis zu Abrüstung verzichtet. Mit dem Vertragsabschluss hatte dann die Kampagne ihr Ziel erreicht und wurde beendet.

Statt die eigenen Positionen zu rechtfertigen wäre es sinnvoller gewesen, die Elemente zu identifizieren, welche den Abrüstungsschritt ermöglicht haben sowie die eigene Rolle selbstkritisch zu beleuchten. Wer nur einen einzigen Grund benennt, verkennt, dass verschiedene Entwicklungsstränge eine Veränderung bedingen.

Auch wenn das selbstgesteckte Ziel nicht erreicht wurde, so zeigt die Veranstaltungsreihe doch, welche potentiellen Möglichkeiten in Diplomatie von unten stecken. Vertrauensbildende Maßnahmen sind wichtig für die weiteren Abrüstungsschritte. Das zeigt das Interesse des Vertreters des US-Außenministeriums, der mit der Delegation kurzentschlossen nach Schwäbisch Gmünd und Mutlangen kam.

Wenn wir die Herausforderung aufnehmen, dann organisieren wir mit Blick auf die Modernisierung eine weitere Veranstaltungsreihe. Dann sollten von Berlin nicht die historischen Stätten angesteuert werden, sondern die Delegationen nach Büchel und zu den aktuellen Stationierungsorten in den Niederlanden und Belgien sowie zum EUCOM nach Stuttgart fahren.
Eine weitere Herausforderung besteht darin, dass der Dialog mit Entscheidungsträgern begleitet wird durch öffentlichkeitswirksame Aktionen. So ist es richtig, dass zum 30. Jahrestag der Prominentenblockade von der Kampagne atomwaffenfrei.jetzt für den Sommer in Büchel eine große Aktion geplant wird.

Wir dürfen nicht Ruhe geben, solange der Atomtod die Menschheit bedroht.

Wolfgang Schlupp-HaukWolfgang Schlupp-Hauck ist Sprecher der Kampagne „atomwaffenfrei.jetzt“ und arbeitet in der Pressehütte Mutlangen

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1 Kommentar

  1. Die Friedensbewegung sollte sich positiv auf den INF-Vertrag vor 25 Jahren beziehen. Im Endeffekt zählt, was hinten rauskommt, und diese Raketen sind wirklich weg!
    Zu den Inhalten der Veranstaltung – wie sie zustande kam, was gesagt wurde, Zusammenhänge – gibt es eine gute Veröffentlichung von Sebastian Gerhard, nämlich:
    http://planwirtschaft.wordpress.com/2012/12/10/ein-anfang-vom-ende-teil1/ usw. teil 2,3,4


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