Das traurige Erbe der Atomtests

Karipbek Kurukov, Botschafter des Atom-Projekts

Die Stadt Astana hat was von „Trumans World“. Alles glitzert und glänzt, ist modern, eine Schauwelt. Man könnte glauben, die Menschen sind nur hier, um von uns gesehen zu werden. Die berühmtesten Architekten der Welt haben sich an jeder Ecke ausgetobt. Oben in der Bar im 25. Stockwerk des Beijing Palace Hotels Astana wird man von dem Blick des modernen neuen Kasachstans überwältigt.

Dahinter ist die Steppe. Ein flaches Grasland, das in allen Richtungen so weit reicht, wie man sehen kann. Im Winter wird es kalt, kälter als es sich die meisten von uns vorstellen können. Ich frage: „Wie kalt?“ Mein kasachischer Begleiter lächelt und antwortet: „Frag nicht, es ist sehr kalt.“ Aber die Sonne scheint jetzt, reflektiert von den vielen weißen Flächen oder getönten Fenstern der Hochhäuser. Man wird geblendet.

Astana ist eine komplett neue Stadt, erst seit 15 Jahren die neue Hauptstadt von Kasachstan. Sie symbolisiert die schöne neue Welt von Präsident Nasarbajew: erfolgreich, ein Land der klugen Investitionen, ein Businesszentrum zwischen Orient und Okzident, Handelsdrehkreuz. Und gleichzeitig will er vermitteln, dass Kasachstan die Hoffnung verkörpert: ein Land des Friedens und der Integration, unabhängig und doch offen für Kooperation jeder Art, zuverlässig und vertrauenswürdig. Hier will er eine Brennstoffbank für Atomenergie aufbauen.

Ich bin hier zur Internationalen Konferenz „From a Nuclear Test Ban to a Nuclear Weapons Free World“, die am Internationalen Tag gegen Atomtests, dem 29. August, begann.

Kasachstan war das erste Land, das Atomwaffen aufgab. Nach dem Zerfall der Sowjetunion entschied Nasarbajew, die von der UdSSR geerbten Atomwaffen sollten besser verschrottet werden und ein Jahr später schloss er auch das Testgelände in Semipalatinsk. Damit war aber die atomare Geschichte des Landes bei Weitem nicht zu Ende. Ein viel schlimmeres Erbe erwartete das Volk von Ostkasachstan: die Langzeitfolgen der über 450 Atomtests von 1949 bis 1989. Bis heute kämpfen die Menschen in Semey (kasachisch für Semipalatinsk) mit Krankheit und Tod. Karipbek Kuyukov arbeitet als Botschafter für diese Strahlenopfer. Er wurde ohne Arme geboren.

„Ich habe viele Familien gesehen, die furchtbar gelitten haben. Ich habe eine Mutter kennengelernt, die zehn Kindern geboren hatte, alle mit Missbildungen. Diese Kinder konnten nicht auf der Straße spielen, weil sie sich für ihr Aussehen geschämt haben. Die Mutter bat mich, die Welt zu fragen, warum sie so leiden müsse. Vor acht Jahren waren schon alle Kinder gestorben, die Mutter und der Vater auch. Danach habe ich mir versprochen, ihre Frage zu stellen.“

Kuyukov stellt die Frage heute für das sogenannte „Atom-Projekt“ und fordert gleichzeitig, ein Verbot von Atomtests. Die Strahlenopfer von Semipalatinsk geben dem Projekt ein Gesicht. Das Nasarbajew-Zentrum in Astana hat für das Projekt eine Werbeagentur beauftragt, um weltweit für das Inkrafttreten des Atomteststoppvertrags zu werben. Der Atomteststoppvertrag wurde bisher nicht von ausreichend Ländern ratifiziert. Er kann erst in Kraft treten, wenn ihn 44 im Annex 2 des Vertrages namentlich aufgeführte Staaten ratifiziert haben.

In einer Pause während der Versammlung der Parlamentarier für Abrüstung und Nichtproliferation am 30. August redete ich mit Savas Hadjikyriacou, einem Griechen aus Zypern, der das Projekt leitet. Seine Firma nimmt kein Geld für das Projekt, sagt er. Sein Ziel sie den „menschlichen Faktor“ des Themas in den Fokus zu stellen, um viele Unterschriften für ein Atomtestverbot zu gewinnen. Allein in Kasachstan seien 1,5 Millionen Menschen von den Folgen von Atomtests betroffen. Weltweit sind es bestimmt Milliarden.

Ich frage ihn nach medizinischen Daten. Er will mich mit den Zuständigen im Nasarbajew-Zentrum in Kontakt bringen und ist sicher, sie werden nichts verheimlichen. „Sie wollen, dass die Welt versteht, was sich hier abspielt“, sagte er. Wir sprachen über eine mögliche IPPNW-Delegation nach Semey, um die dortigen Ärzte zu treffen und mehr über die Strahlenfolgen zu erfahren. Er will dafür Hilfe vermitteln.

Was hier in Kasachstan deutlich wird, ist die Bedeutung des Worts „Ökozid“, die weitreichende Zerstörung der Umwelt. Polly Higgins, eine schottische Rechtsanwältin, besuchte die parlamentarische Versammlung und erzählt vom Verbrechen des Ökozids. „Ein Gesetz gegen das Verbrechen des Ökozids würde dem Bestreben nach einer Abschaffung von Atomwaffen Zähne verleihen“, sagte sie. Sie kämpft dafür, dass der Internationale Strafgerichtshof Ökozid im Rahmen des Verbrechens gegen Frieden und Menschlichkeit als Verbrechen anerkennt. Bereits zehn Länder haben Ökozid kriminalisiert. Polly erzählt mir, sie käme im Oktober nach Berlin. Ich bot an, Kontakte für sie zu knüpfen und eine Gesprächsrunde zu organisieren.

Heute fahre ich nach unserem letzten Treffen nach Hause. Ich packe viele Eindrücke und vor allem Arbeit  mit ein. Ich habe das Gefühl, dass ich wieder nach Kasachstan kommen werde, um mehr zu erfahren und zu verstehen. Das Land bietet viel an, nicht nur eine schöne neue Welt. Unter der Oberfläche ist es ein altes Land, das ausgebeutet und zerstört wurde, voller verschiedenen Kulturen und Geschichten. Wahrlich die Mitte unserer Welt, zwischen Welten. Kasachstan ist das Herz des künftigen Friedens.

Xanthe Hall, Abrüstungsreferentin der IPPNW, Foto: Xanthe Hall  Xanthe Hall ist Abrüstungsreferentin für IPPNW Deutschland und Sprecherin der Kampagne atomwaffenfrei.jetzt

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