24 Stunden Crashkurs in Modernisierung von Atomwaffen

Pantex Techniker mit B61-Bomben. Foto: NNSAHans Kristensen, US-amerikanischer Däne und Atomwaffenexperte, hat Berlin besucht. Ich hatte die Aufgabe, ihn für einen Teil seiner Zeit in Berlin zu begleiten und war mit ihm (mehrmals) Essen, beim Auswärtigen Amt, habe eine Gesprächsrunde mit FriedensaktivistInnen und ExpertInnen mitmoderiert und eine Pressekonferenz mit ihm veranstaltet. Ich habe zum Schluss alles, was ich von ihm in den 24 Stunden gehört habe, in einer Pressemitteilung zusammengefasst und abgesetzt. Es war harte, aber fruchtbare Arbeit.

Hans arbeitet für die Federation of American Scientists, eine die ältesten Abrüstungsorganisationen überhaupt, wenn es um Atomwaffen geht. Er ist insbesondere spezialisiert auf die Recherche von aufgrund des Freedom of Information Act (FOIA) freigegebenen Dokumenten und wird oft von Medienvertretern zum Thema Atomwaffen befragt.

Die Atomwaffendiskussion in den USA dreht sich momentan nur ums Geld. Obama hatte einen Deal mit den Republikanern geschlossen: Im Gegenzug für die Ratifizierung des neuen START-Vertrages mit Russland würde er zusichern, dass das Geld zur Verfügung gestellt wird, um das gesamte Arsenal und den Atomwaffenkomplex zu modernisieren. Nun gibt es bekanntlich eine Finanzkrise in den USA. Jetzt muss das versprochene Geld für Modernisierung wieder gekürzt werden und die Frage ist: Was wird nicht mehr finanziert? Kristensen ist der Meinung, dass der ohnehin von Obama stark erhöhte Atomwaffenetat etwas gekürzt wird, die Modernisierungen aber alle stattfinden werden.

Die zweite Diskussion ging um die Frage, wie viele Atomwaffen eigentlich notwendig sind, um eine „glaubwürdige“ nukleare Abschreckung zu sichern. Der Presseagentur AP wurde Zahlen gesteckt, die die Republikaner aufregten: Das Arsenal könnte auf bis zu 300 Atomwaffen reduziert werden, hieß es in dem Artikel. Die Ironie ist, sagt Kristensen, dass durch diese Veröffentlichung und die daraus resultierende Aufregung die eigentliche Zahl von 1100 Atomwaffen als Zielgrösse für das US-Arsenal nicht so hoch erscheinen wird.

Alle Atomwaffen werden zwar modernisiert, aber momentan geht es um die B61-Bombe, die nicht nur in den USA, sondern auch in Europa stationiert ist. In Büchel in der Eifel in Rheinland-Pfalz sind ca. 20 gelagert. Die B61 ist eine sehr alte Bombe und wurde über mehrere Generationen abgeändert. Momentan gibt es fünf verschiedene Versionen: B61-3 und -4, die hier stationiert sind; B61-7, eine strategische Version; B61-11, die so genannte Nuclear Bunker Buster, und B61-10, in der die Sprengköpfe von der Mittelstreckenrakete Pershing II wieder verwendet wurde.

Vier Versionen (3, 4, 7 und 10) werden in einer Bombe mit der Bezeichnung B61-12 zusammengesetzt. Die neue Version enthält die gleiche Explosivpackung wie die Versionen 3 und 4, was bedeutet: Sie wird eine variable Sprengkraft von 0,3 bis 50 Kilotonnen haben. Die Bombe bekommt einen Heckteil, der es erlaubt, dass sie wesentlich präziser eingesetzt werden kann und sie zudem lenkungsfähiger ist. Diese Technologie ist zwar nicht neu, wurde aber noch nie bei Atomwaffen verwendet und erhöht ihre Einsatzmöglichkeiten. Sie kann damit gegen Ziele eingesetzt, die mit den Vorgängerbomben nicht erreichbar waren. Also: Die B61-12 besitzt neue militärische Fähigkeiten. Die Sprengkraft bleibt relativ klein, hat aber durch die neue Präzision eine vergrößerte Zerstörungskraft bei weniger radioaktivem Fallout. Das hört sich zwar erst einmal gut an. Aber weniger Fallout bedeutet eine mögliche Senkung der Hemmschwelle, die einen Einsatz verhindern kann. Wenn suggeriert wird, der Einsatz werde „sauber“, dann können Militärs in einem Konflikt schneller zu Atomwaffen greifen.

Weil die B61-12 offiziell keine „neue“ Atomwaffe sein darf (das hat Obama in seiner Atomwaffendoktrin versprochen), werden die alten Bomben aus Europa in den USA zurückgebracht und wiederaufarbeitet. Ab 2019 sollen die ersten stationierungsfähig sein und werden wieder nach Europa gebracht.

Obendrauf werden neue Trägerflugzeuge in Italien, der Türkei und den Niederlanden stationiert. Der Joint Strike Fighter hat Tarnkappeneigenschaften eine weitere neue militärische Fähigkeiten für nukleare Einsätze. Kristensen fragt: Welche Signale geben sie mit der B61-12 und Joint Strike Fighter an Russland? Das passt alles nicht zur erklärten Atomwaffenpolitik der NATO. Die Atomwaffen in Europa sollen nur „politische“ Waffen für eine allerletzte Option sein. Warum wird die militärischen Fähigkeiten diese Waffen erhöht?

Kristensen ist der Auffassung, dass Deutschland sich aktiv in der Diskussion um die Modernisierung beteiligen sollte. Wann sollte die deutsche Regierung was dazu sagen, wenn nicht jetzt? Er glaubt, die USA wollen eigentlich die Bomben zurückziehen und dabei Geld sparen. Aber die NATO muss erst einmal einen Konsens finden –  und in einem Europa, das immer noch die Narben des Kalten Kriegs spürt, ist das sehr schwierig.

Xanthe Hall, Abrüstungsreferentin der IPPNW, Foto: Xanthe HallXanthe Hall ist Abrüstungsexperte für IPPNW und Sprecherin der Kampagne atomwaffenfrei.jetzt

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