Die Kernspaltung in unseren Köpfen

Xanthe Hall, IPPNW

Xanthe Hall, IPPNW

Jede Geschichte hat einen wahren Kern. Die atomare Geschichte hat auch einen: die radioaktive Strahlung, die der gesamten atomaren Kette vom Herstellen der Spaltmaterialien bis zum Endlagern als zentrales Risiko eigen ist. Am Anfang ihrer Geschichte diente die junge Atomenergie militärischen Zwecken – es entstanden die Atombomben. Erst danach forcierte die Wissenschaft das Konzept, mit ihr auch Strom zu erzeugen.

So ist es kein Zufall, dass man von einer militärischen und zivilen Nutzung der Atomenergie spricht. Einmal um eine kriegerisch zu nutzende Explosion, zum anderen um Strom zu erzeugen. Deswegen sagen wir: Atomenergie und die Bombe sind eins.

Nachdem das Erdbeben und der Tsunami Fukushima trafen, stellten viele Menschen die Frage: Warum ausgerechnet Japan dermaßen in die Atomenergie zur Stromerzeugung investiert, nachdem es durch die Atombomben so gelitten habe? Es mag überraschen, dass die japanische Regierung in den 1960er Jahren jegliche Vorsicht vor der Atomenergie verlor und begann, Atomkraftwerke in großem Stil zu bauen.

Doch diese Spaltung im Kopf zwischen dem „friedlichen“ und dem bösen „militärischen“ Atom ist nicht nur japanisch. Auf dem diplomatischen Parkett in New York, Genf oder Wien wird fest daran geglaubt, dass die Atomenergie in Form von Waffen böse ist, aber ganz toll zum Wasserkochen sei. Der Atomwaffensperrvertrag von 1970 hat diesen Glaubenssatz in seinem Artikel IV fest geschrieben. Jedes Land, das auf Atomwaffen verzichtet, hat das Recht auf Atomkraft. Die „Atoms for Peace“-Propaganda der 1950er Jahre wurde zur Grundlage für die Internationale Atomenergie Organisation (IAEO), die noch immer die Förderung der weltweiten zivilen Nutzung der Atomenergie mit voller Kraft verfolgt. Deshalb sind alle Aussagen der IAEO über die Sicherheit der Atomtechnologie mit Vorsicht zu genießen.

Atomenergie ist an sich weder gut noch böse. Unsere Arroganz und Ignoranz – zu denken, dass wir diese massive und potenziell zerstörerische Kraft beherrschen können – ist meines Erachtens zu verurteilen. Zudem ist es kriminell, die Risiken dieser Technologie zu verharmlosen. Tschernobyl hat gezeigt, wie Menschen Fehler mit welchen Konsequenzen machen. Fukushima zeigt uns, wie wenig wir tatsächlich beherrschen und wie klein wir sind, wenn die Natur unser Schicksal entscheidet. Das Naturdesaster in Japan war schlimm genug, wir haben es mit dem Bau von AKWs in Erbebengebiete verschlimmert. Könnte es überheblicher und dümmer gehen?

Die Dummheit beginnt zu Beginn der nuklearen Kette mit dem Uranabbau. Uran ist im Gestein eingeschlossen. Indigene Völker – die seit Generationen auf uranhaltigem Boden leben – sagen in ihrer Weisheit, dass das Uran in der Erde bleiben muss. Wenn man es abbaut, wird es gefährlich. Radioaktive und toxische Partikel werden freigesetzt, die Krebs auslösen können.

Das Uran wird zum weiteren Einsatz angereichert. Die Unterschiede in der Technologie für die jeweilige Endnutzung sind minimal. Für die Atomkraft wird das Uran um rund 3-5% angereichert, für medizinische Isotopen um 20%, für Atombomben um bis zu 85-90%. Manche atombetriebene U-Boote oder Forschungsreaktoren (z.B. der FRM II in der Nähe von München) verwenden sogar hochangereichertes (eben waffenfähiges) Uran für zivile Zwecke. Also, wenn ein Land anreichern kann, ist das Spaltmaterial für die Waffenoption gesichert.

Es gibt eine weitere militärische Nutzung als Nebenprodukt der Anreicherung: Uranhaltige Munition. Diese Waffen können durch die hohe Dichte des Uran Panzer und Beton durchbrechen. Wenn nach Treffern Uranpartikel freigesetzt werden, hat das radioaktive Schwermetall verheerende Folgen für Mensch und Umwelt.

Und am Ende der Kette fällt, wie immer bei einer Produktherstellung, Müll an. Was sollen wir mir den Bergen an Atommüll tun? Manche Länder, wie u.a. Frankreich, Russland, die USA, Indien und Japan, bevorzugen die Wiederaufarbeitung. Durch das Verbrennen des Uran in einem Reaktor wird Plutonium erzeugt, das durch eine Wiederaufarbeitung abgetrennt werden kann. Es kann Mischoxid (MOX) als Brennstoff hergestellt werden, der in einem MOX-Reaktor wiederum Strom erzeugen kann. Oder das Plutonium wird für Atomwaffen verwendet und ergibt sogar „bessere“ Bomben als mit einfachem Uran. So haben japanische Politiker oft daran erinnert, dass sie aus dem „zivilen“ Bereich genug Plutonium angehäuft hätten, um bei Bedarf ein großes Atomarsenal bauen zu können.

Wenn man im “Westen” über den Iran redet, dann ist dessen zivile Nutzung der Atomenergie nur böse. Dabei stellt der Konflikt mit Iran eine der Säulen des Atomwaffensperrvertrags in Frage: das Recht auf die friedliche Nutzung der Atomenergie. Diese Säule bröckelte in den 1990er Jahren, als das hinter einem „friedlichen“ Programm versteckte militärische Atomprogramm im Irak aufgedeckt wurde. Diesem Weckruf folgte auf dem Fuße die Aufdeckung des illegalen Schmuggelnetzes des pakistanischen Wissenschaftlers A.Q. Khan. Spätestens dann wurde klar, dass hinter zivilen Programmen oft der Waffenbau versteckt wurde.

Es gibt keine “friedliche” Atomenergie. Erstens, weil die ihr innewohnende zerstörerische Kraft immer vorhanden ist und zweitens, weil von außen die tatsächliche Absicht des Nutzers nie mit Sicherheit zu bestimmen ist. Die IAEO kann kontrollieren, Proben entnehmen und Fragen stellen. Dennoch kann ein Verdacht der militärischen Nutzung nie völlig ausgeräumt werden, denn zugleich finden sich selten stichhaltige Beweise.

Die Ansicht über die Kernspaltung ist gespalten – ist sie gut oder böse? Dennoch sollten wir die unauflösliche Verbindung zwischen allen Aspekten der nuklearen Kette erkennen: Uranabbau, Anreicherung, Atomkraft, Wiederaufarbeitung, Atomwaffen, Atommüll und Fallout. Es ist die für Mensch und Umwelt gefährliche radioaktive Strahlung, die wir bei jedem dieser Kettenglieder zusätzlich erzeugen. Wenn wir ein Kettenglied diskutieren, können wir die anderen nicht auslassen – gerade auch wenn es um CO2-Emissionen geht. Sie alle addieren sich zu einem hässlichen, radioaktiven und toxischen Kern dieser Technologie, voller Risiken und drohender Verseuchung. Daher plädiere ich für den Ausstieg aus der Atomenergie insgesamt, nicht nur aus einem ihrer Teile.

Xanthe Hall ist Abrüstungsexpertin der deutschen IPPNW

Dieser Artikel erschien in der Zeitung gegen den Krieg 31 zum diesjährigen Ostermarsch

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