Wie weiter abbauen?

Taktische Kernwaffen im Verhandlungsvisier

Russland und die USA haben die Absicht bekundet, den Prozess der nuklearen Abrüstung fortzusetzen.
Wolfgang Kötter

Wolfgang Kötter, Universität Potsdam

Der Neu-START-Vertrag (New Strategic Arms Reduction Treaty) reduziert die strategischen Nuklearwaffen beider Seiten, d.h. Waffensysteme mit einer Reichweite von über 5500 Kilometern. Mittelstreckenwaffen mit Reichweiten ab 500 km wurden bereits durch das INF-Abkommen (Intermediate Range Nuclear Forces) von 1987 vollständig beseitigt. Doch eine andere Waffenkategorie ist bisher von Rüstungskontrolle überhaupt noch nicht erfasst worden – die sogenannten taktischen Atomwaffen. Dabei haben die atomaren Gefechtsfeldwaffen, die für Ziele in geringeren Entfernungen eingesetzt werden können, ebenfalls eine verheerende Zerstörungskraft. Zu ihnen zählen u.a Sprengköpfe für Kurzstreckenraketen, Artilleriemunition und Atomminen. Obwohl beide Seiten erklärtermaßen einseitig reduziert haben, bleibt unklar, wie viele dieser Waffen noch verblieben sind, denn sie wurden nicht einmal präzise erfasst. Je nach Definition wird ihre Gesamtzahl auf 7000 bis 20 000 geschätzt. Taktische Kernwaffen sind als Gefechtsfeldwaffen für den tatsächlichen Einsatz vorgesehen und deshalb besonders gefährlich. Die Grenze zwischen konventionellen und nuklearen Waffen verschwimmt, die Einsatzschwelle sinkt und das Risiko ihrer Anwendung steigt.

Russland hat bisher kein besonderes Interesse gezeigt, über derartige Waffen zu verhandeln. Experten schätzen die Bestände auf knapp 5400, von denen aber nur rund 2080 einsatzbereit sein sollen. Vor allem hofft Moskau, damit anhaltende Schwächen bei den konventionellen Streitkräften zu kompensieren. Auch als Konter gegen die NATO-Osterweiterung und das Vorrücken gegnerischer Truppen an die eigenen Grenzen wird ihnen ein gewisser Wert beigemessen. Andererseits will Russland, dass die USA ihre taktischen Kernwaffen aus Europa abziehen, 150 bis 240 Bomben in Belgien, Deutschland, Italien, den Niederlanden und der Türkei. Dazu kommen in den USA als Reserve gelagerte Flugbomben sowie etwa 300 Atomwaffen für seegestützte Marschflugkörper.

Verhandlungen dürften schwierig werden. Das beginnt bereits mit der Definition. Schließlich handelt es sich um sehr unterschiedliche Waffensysteme, von Freifallbomben auf Kampfflugzeugen über Marschflugkörper und Torpedos auf U-Booten bis zu nuklearen Sprengköpfen für strategische Abwehrsysteme und Luftverteidigungsinstallationen. Trotzdem erscheint eine Einigung nicht unmöglich. Unter den US-Militärs gelten die in Europa stationierten Atomwaffen als weitgehend überflüssig. Russland könnte sich von seinen leichter trennen, wenn der Westen Moskaus Sicherheitsinteressen bei der konventionellen Streitkräfteverteilung in Europa respektiert, keine Antiraketen auf russischen Vorhöfen stationiert und auf die weitere Ostausdehnung der NATO verzichtet. Nicht zuletzt kosten die Atomarsenale viel. Und vor allem – sie könnten wegen ihrer zuweilen ungenügenden Sicherung zu bevorzugten Zielen krimineller oder terroristischer Angriffe werden.

Wolfgang Kötter ist Friedensforscher an der Universität von Potsdam.

Dieser Beitrag wurde bereits am 26. Januar 2011 in Neues Deutschland veröffentlicht.

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