Hiroshima mahnt – 65 Jahre nach den Atombombenabwürfen

Vor 65 Jahren

Peter Strutynski, Friedensratschlag

Peter Strutynski, Friedensratschlag

Es waren nur wenige Wochen zwischen dem ersten Atomtest im
US-Bundesstaat New Mexico und dem ersten Praxistest in Hiroshima. Am 16.  Juli war die im Manhattan-Projekt entwickelte Atombombe auf dem Testgelände bei Alamogoro gezündet worden; ihre Sprengkraft betrug 21 Kilotonnen TNT. Die Explosion war erfolgreich, aber über die tödliche Wirkung konnte der Test nichts Definitives aussagen. 20 Tage später detonierte die 12,5-Kilotonnen-Bombe mit dem niedlichen Namen „Little Boy“ in Hiroshima, drei Tage später eine weitere Bombe namens „Fat Man“ über Nagasaki. Die Wirkung der Bomben war kolossal: Zwischen 90.000 und 200.000 Menschen starben unmittelbar. Weitere 130.000 Menschen starben bis Jahresende. Bis 1950 war die Zahl der Spätopfer in beiden Städten auf insgesamt 230.000 gestiegen. Strahlenopfer sind auch heute noch in der dritten Generation zu beklagen.

Die Friedensbewegung muss nach den Motiven fragen für dieses
monströse Kriegsverbrechen. Japan war zu dieser Zeit militärisch besiegt und stand kurz vor der Kapitulation. Doch die USA fürchteten, dass ihr Kriegsallierter Sowjetunion – seit der Oktoberrevolution ein politischer Gegner – den sowjetisch-japanischen Nichtangriffspakt kündigen und in den letzten Kriegstagen noch in den Krieg gegen Japan eintreten würde. Dies hätte bedeutet, dass die UdSSR ebenfalls Einfluss auf die Nachkriegsordnung in Japan beanspruchen würde. Der Atombombeneinsatz sollte die japanische Kapitulation beschleunigen und so den sowjetischen Kriegseinsatz verhindern. Zugleich – und das war das zynische Spiel mit der Massenvernichtungswaffe – sollten die Atombomben den Sowjets als Mahnung gereichen: Seht her, wir verfügen über die tödlichste Waffe seit Menschengedenken und wir sind bereit sie auch einzusetzen. Demnach bestimmen wir, wer das Sagen hat im  Pazifischen Raum und in der übrigen Welt.

Kalter Krieg und danach

Doch die UdSSR zog bald nach. 1949 zündete sie ihre erste Atombombe,
1955 ihre erste Wasserstoffbombe. Das Gleichgewicht des Schreckens
etablierte sein zweifelhaftes Angstregime des „Kalten Krieges“. Dazwischen etablieren sich Großbritannien, Frankreich und später die
Volksrepublik China als weitere offizielle Kernwaffenstaaten. Ihnen
folgten Indien, Pakistan und Israel sowie Nordkorea mit eigenen größeren und kleineren nuklearen Potentialen – sozusagen außerhalb des anerkannten Atomclubs der fünf erstgenannten Staaten.

Es werden in den nächsten Jahren unweigerlich neue Staaten dazu kommen – wenn nicht endlich Ernst gemacht wird mit der Verpflichtung aus dem Atomwaffensperrvertrag zur atomaren Abrüstung. Trotz zahlreicher Sonntagsreden über „Global Zero“ sind die Großmächte nicht bereit, mit gutem Beispiel voran zu gehen und ihre Arsenale wirklich auf null zu reduzieren. Um es klar zu sagen: Wer Angst hat vor der iranischen Bombe, muss für einen atomwaffenfreien Nahen Osten antreten – so wie es die Überprüfungskonferenz im Mai d.J. in New York gefordert hat! Und wenn der Iran nur auf den Verdacht hin, er könnte den Besitz von Nuklearwaffen anstreben, von der EU mit den schärfsten
Wirtschaftssanktionen bestraft wird – wie müssen dann die Sanktionen
gegen einen Staat wie Israel aussehen, der nachweislich seit Jahren über mehr als 200 einsetzbaren Kernwaffen verfügt?!

Wofür die Friedensbewegung eintritt

Es führt kein Weg an der atomwaren Abrüstung vorbei, die zunächst jene Staaten beschreiten müssen, die diese Waffen auch haben. Der 6. und 9. August darf deshalb auch kein Tag des ritualisierten Gedenkens werden, sondern muss Anstöße zur politischen Gegenwehr gegen die Atommächte liefern. So versteht die Friedensbewegung ihre Aktionen zum Hiroshimatag: weltweit und hier zu Lande. Über 90 Initiativen haben dieses Jahr Veranstaltungen angekündigt: Sie reichen von einem
Fahrradmarathon (Heilbronn) über nächtliche Lichterdemonstrationen (in den Nächten zum 6. August und 7. August) bis zu Aktionen auf
öffentlichen Plätzen und manchen Gedenkorten (z.B. Hiroshima-Park in
Kiel, Hiroshima-Ufer in Kassel).

Die Hauptforderung der Friedensbewegung an die Atomwaffenstaaten lautet demnach:

  • Verhandelt endlich über eine Nuklearwaffenkonvention mit dem Ziel Global Zero“!

Und an die Adresse der Bundesregierung heißt die Forderung:

  • Verlangen Sie von Barack Obama ultimativ den Abzug der US-Atomwaffen von deutschem Boden!

Peter Strutynski ist Sprecher des Bundesausschusses Friedensratschlag, der diesen Text am 30. Juli 2010 als Presseerklärung herausgab. Der Bundesausschuss ist Veranstalter des Kasseler Friedensratschlags, der jährlich im Dezember stattfindet.

Eine Liste von Veranstaltungen zum Hiroshima-Tag führt das Netzwerk Friedenskooperative.

Titelbild Broschüre von ORL zum Hiroshimatag 2010

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