Atombomben in die Rente schicken

Xanthe Hall, IPPNW

Xanthe Hall, IPPNW

Beim IPPNW-Weltkongress in Basel. Gestern nahm ich für die KongressorganisatorInnen an einer Pressekonferenz zum Thema nuklearer Abrüstung teil. Christian Schönenberger vom Schweizer Auswärtigem Amt und Rebecca Johnson, Vizevorsitzende von ICAN nahmen ebenfalls teil.

Christian Schönenberger bezog sich in seinem Beitrag nicht nur auf die herausragende Ansprache der Schweizer Außenministerin Micheline Calmy-Rey vor dem Plenum an diesem Morgen, sondern auch auf die Studie „Deligitimierung der Atomwaffen“, die auf der Überprüfungskonferenz zum Atomwaffensperrvertrag für erhebliche Aufregung gesorgt hatte. Der Umstand, dass Atomwaffen dem Völkerrecht widersprechen, ist eine wiederkehrendes Thema, sowohl in New York als auch hier in Basel, und wird immer mehr zum zentralen Argument für die Abschaffung der Atomwaffen. Das mag für uns profan sein, aber andererseits sollte es immer wieder erwähnt werden, besonders seitdem unsere Freunde von „Global Zero“ das Furcht-Argument des Terrorismus als Hauptpunkt in den Vordergrund drängen.

Für die IPPNW und ICAN steht der humanitäre Aspekt im Zentrum der Argumentation für die Abschaffung der Atomwaffen, und ich versuchte, den anwesenden JournalistInnen die Gründe dafür zu erklären. Und darüber hinaus was mit den Menschen im Falle des Einsatzes von Atomwaffen passieren würde, was die IPPNW ja sehr gut dokumentiert hat, sowohl im Falle eines versehentlichen Atomkrieges und bei einem sogenannten begrenzten Austausch. Der würde natürlich auch global sein durch die Einwirkungen des entstandenen Rauchs und dem Abfall der globalen Temperatur, was zu Ernteausfällen und Hungerepidemien führen würde.

Den Punkt, den ich jedoch setzen wollte ist, dass es gerade jetzt ein humanitäres Problem ist. Einmal wegen der Umlenkung von Ressourcen für nukleare Programme und unser bleibendes Unverständnis, was für eine Sicherheit die Menschen im 21 Jahrhundert wirklich brauchen.

Nehmen wir als ein Beispiel Pakistan. Damals, als die Entscheidung fiel die Atombombe zu bauen, sagte der damalige Premier Zulfiqar Ali Bhutto (und das genaue Zitat habe ich nicht zur Hand), dass selbst wenn die Pakistani Gras essen müssten, sie die Bombe bauen würden. Nun, sie tun das jetzt, weil es nicht genug Mittel gibt, um den Menschen in Pakistan angesichts dieser schrecklichen Flutkatastrophe zu helfen. Die Umlenkung der Ressourcen zum Militär hat dazu beigetragen, dass Pakistan nicht in der Lage ist, mit dieser Katastrophe fertig zu werden.

Das zeigt uns, das das Investieren in unsere Sicherheit völlig unzureichend ist. Die Häuser werden nicht so gebaut, dass sie natürlichen Katastrophen widerstehen können, Nothilfen sind lächerlich gering, sogar im täglichen Leben gibt es nicht genügend Schutz vor den großen Killern wie Malaria, schmutziges Trinkwasser, HIV usw. Sicherheit stützt sich statt dessen auf Atomwaffen, einer Waffe die sich aufgrund seiner menschlichen und Umweltfolgen nicht nutzen lässt.

Es ist an der Zeit, im 21 Jahrhundert, zu verstehen, dass Klimawandel und Krankheiten die Bedrohung unserer Sicherheit darstellen und dass Atomwaffen uns davor nicht schützen können – sie sind nicht zu gebrauchen.

Es ist an der Zeit, die Bombe in Rente zu schicken!

Xanthe Hall ist Abrüstungsreferentin der deutschen IPPNW.

Internationaler IPPNW-Vorstand

Internationaler IPPNW-Vorstand

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BAN-Tour in Basel!

11 Tage, 700km, eine Botschaft: Kernwaffen müssen raus aus Europa!

So lautete der Slogan auf unserer Fahrradtour von Düsseldorf nach Basel. Mit rund 30 Studenten und jungen Ärzten von allen fünf Kontinenten sind wir aufgebrochen um die Menschen auf unserem Weg auf die ständige Bedrohung von Atomwaffen aufmerksam zu machen. Auf dem Weg veranstalteten wir einige Target X Aktionen in den Städten, an denen wir vorbeikamen und unter den misstrauischen Blicken des Militärs auch vor der Flugstation in Büchel, wo immer noch 20 amerikanische B61 Atomwaffen stationiert sind.

Eine große Gruppe wie diese, aus verschiedensten Kulturen, Religionen und Mentalitäten, erfordert viel Respekt und Offenheit. Es war eine große Herausforderung und doch wuchs die ganze Gruppe zu einer grossen Familie zusammen und kulturelle Unterschiede wurden mit Neugier erfragt.

Die Tage auf dem Weg vergingen schleppend, da wir im Schnitt 70km pro Tag auf dem Sattel bewältigen mussten und abends und morgens in einen Trott des Zelte auf-und abbauens kamen. Das Gefühl, endlich das Ziel erreicht zu haben, war unbeschreiblich. Ich war erleichtert und traurig zugleich. Erleichtert, da unsere Gruppe unser Ziel erreicht hatte und wir die Tour zusammen vollbracht hatten. Trauer, da es nun vorbei ist und sich die Gruppe in der grossen Menge von KongressteilnehmerInnen aufgelöst hat.

Am Anfang der Tour konnte Alex Rosen 3 Viertel der Motivation für unsere Tour nennen:

1. Viertel – der politische Aspekt: wir wollen alle Menschen, die wir auf unserer Reise passieren, auf die Bedrohung von Atomwaffen aufmerksam machen.

2. Viertel – Networking: 30 Menschen aus 16 Ländern von allen 5 Kontinenten zusammen auf einer Reise sind eine fantastische Möglichkeit, um Netzwerke zu stärken und neue Netzwerke zu schaffen, die für die weitere Friedensarbeit essentiell ist.

3. Viertel – Sport und Spass: Menschen mit demselben politischen Interesse auch „privat“ kennenzulernen.

Während wir zu Beginn das letzte Viertel nicht benennen konnten, so waren wir uns am letzten Tag alle einig, dass  die persönliche Weiterentwicklung von jedem einzelnen von uns war. Auf der Tour gingen wir alle an unsere Grenzen, sei es aus Mangel an Hygiene, bei den Zeltübernachtungen, Verkehrsregeln, oder wegen kultureller Missverständnisse zwischen den BANnies verschiedener Länder.

Es war ein unvergessliches Erlebnis und ich habe auf dieser kurzen und sehr intensiven Reise Freunde fürs Leben gefunden.
Alix Schou

Fotos auf flickr

BAN-Tour in Büchel

BAN-Tour in Büchel

Erinnern heißt Handeln

Xanthe Hall, IPPNW

Xanthe Hall, IPPNW

Ich werde oft gefragt: was sind die gesundheitlichen Folgen von Hiroshima und Nagasaki? Als ob wir an den vielen Toten messen können, welche Zerstörungskraft Atomwaffen besitzen. Wenn wir etwas von den Hibakusha – den Überlebenden – gelernt haben, ist es dies: Das Leiden endet mit dem Tod, mit dem Überleben beginnt es erst.

In den ersten vier Monaten nach den Atombombenabwürfen sind ca. 200.000 Menschen gestorben. Das Leid dieser Menschen kann man nur erahnen. Jeder, der ein Familienmitglied oder Lebensgefährten verloren hat, kennt den Schmerz des Verlustes. Die Überlebenden hatten nicht nur diese Schmerzen, sie waren meistens selber verletzt oder strahlenkrank. Darüber hinaus waren sie ausgegrenzt, weil die Gesellschaft mit Strahlenkranken nichts anzufangen wusste. Und dann kamen zudem die Spätfolgen: Krebs, Leukämie, genetische Schäden, Fehl- und Todgeburten.

Ich möchte daher heute weniger an die Toten erinnern, als an die Überlebenden, die 65 Jahre nicht nur an diesem barbarischen Kriegsakt gelitten haben, sondern auch immer wieder uns gemahnt haben, zu handeln, so dass so etwas nie wieder geschieht. Viele dieser mutigen und weisen Menschen sind inzwischen gestorben. Es ist daher an der Zeit, ihre Aufgabe zu übernehmen und endlich zu erfüllen: die Atomwaffen zu ächten.

Erst fünf Jahre nach den Abwürfen begannen die Untersuchungen über die Folgen. Dennoch sind wir heute nicht wirklich imstande, eine verlässliche Zahl der Opfer dieser Angriffe zu benennen. Warum?

Auf Grundlage der Forschung einer britischen Ärztin, Alice Stewart, müssen wir annehmen, dass die Zahl der Opfer durch Spätfolgen weit höher ist, als bisher angenommen. Das Zentrum zur Forschung der Strahlenfolgen RERF (Radiation Effects Research Foundation) untersuchte 20.000 Menschen, die eine bestimmte Strahlendosis abbekommen hatten. Ca. 10.000 Menschen, die weiter weg vom Explosionsmittelpunkt wohnten und daher weniger Strahlung ausgesetzt waren, fungierten als Niedrigstrahlungsgruppe. Zudem gab es eine Kontrollgruppe von Menschen außerhalb der Stadt.

Leider waren sehr viele Menschen in Hiroshima und Nagasaki bereits in den ersten fünf Jahren gestorben, so dass die Referenzgruppe nicht wirklich repräsentativ war, besonders bei den unter 10 und über 50-Jährigen. Diese Menschen hatten nicht nur den Krieg sondern auch die Atombomben überlebt und waren daher sehr viel robuster als normale Menschen. Es besteht zudem der Verdacht, dass die Menschen in den Niedrigstrahlungs- und Kontrollgruppen durch Fallout mehr bestrahlt wurden, als ursprünglich gedacht. Da der Unterschied zwischen den Krebsraten der drei Gruppen dann nicht so groß ausfiel, wurde geschlussfolgert, dass die Rate der direkten Opfer nicht besonders erhöht war und nur wenige Menschen als Strahlenopfer zu bezeichnen waren.

Weil kein Zusammenhang gesehen wurde untersuchte das Zentrum weder genetische Schäden noch allgemeine Gesundheitsbeschwerden, wie z.B. Immunsystemschwäche, Anämie, Blutkrankheiten oder Grauen Star. Auch die im Volksmund sogenannte „Genbaku Bura-Bura“-Krankheit (Genbaku = Atombombenabwurf, Bura-Bura = langwierig), mit den Symptomen Müdigkeit, Schwindel, Krämpfe, usw., werden von der RERF als „psychische Störungen“ auf Grund von Stress abgetan.

Heute verfügen wir zwar über viel mehr Wissen über die Folgen von Strahlung, aber zugleich gibt es auch sehr viel Streit darüber. Nach wie vor hat dieser Streit einen politischen Hintergrund. Damals war es für die nach dem Krieg mit den USA verbündeten Japaner wichtig, die Folgen der Abwürfe zu minimieren, weil sie selbst unter dem US-amerikanischen nuklearen „Schirm“ lebten, der heute „erweiterte Abschreckung“ genannt wird. Heute basieren alle internationalen Strahlenschutzregelungen auf diesen falschen Daten der RERF. Das ist natürlich vorteilhaft für die Atomindustrie, die weiterhin ihre Atomkraft als sicher verkaufen will.

Unsere Vorstellungskraft versagt, wenn es um Atomwaffen geht. Die IPPNW hat öfters versucht zu beschreiben, was passieren würde, wenn eine moderne Wasserstoffbombe über einer Stadt explodiert. Ich erinnere mich daran, wie ich 2002 während der Krise zwischen Indien und Pakistan einem Journalisten die unmittelbaren Folgen einer Atomexplosion vermitteln wollte. Er fragte, wie viele Menschen sterben würden, wenn es zu einem Atomkrieg zwischen den beiden Ländern käme. Ich habe detailliert beschrieben, welches Leid die Menschen erleben würden, durch schwere Verletzungen, Verbrennungen, Strahlenkrankheit, Mangel an medizinischer Hilfe, umgeben von sterbenden Menschen und Infektionskrankheiten. Danach sagte er: „Das wird aber nicht wirklich passieren.“ Er konnte und wollte es sich einfach nicht vorstellen.

Wir denken schnell, es kann nicht passieren, weil wir es uns nicht vorstellen können. Das nennt man das nukleare Tabu. Aber dieses Tabu ist gleichzeitig das Damoklesschwert, das seit 65 Jahren über unseren Köpfen hängt. Die meisten Menschen bemerken es nicht einmal, die jüngeren Menschen haben davor keine Angst, die Älteren von uns glauben, wir haben bereits so viel Atomwaffen abgerüstet, jetzt muss es auch gut sein.

Auf keinen Fall will ich die Menschen dazu bringen, wieder Angst vor einem Atomkrieg zu haben, wie ich ihn als junger Mensch in den 80er Jahre hatte. Aber es gibt eine neue Bewegung, geführt von alten Staatsmännern wie Henry Kissinger, die uns Angst vor nuklear bewaffneten Terroristen und Verrückten machen will. Nordkorea und Iran sind heute die Buhmänner. Richtig, hier gibt es reale Gefahren, besonders wenn wir durch eine „Renaissance“ der Atomenergie die Technologie, Materialien und das Wissen zum Bau der Atombombe immer weiter verbreiten.

Es wäre dabei viel sinnvoller, uns zu überlegen, wie wir uns von dieser nuklearen Geiselhaft befreien. Unsere Sicherheit basiert auf der Grundlage von Abschreckung. Bei zwei gleich großen Gegnern wie im Kalten Krieg führte dieses Denken zum Wettrüsten und ungeheuer großen Atomarsenalen. In der asymmetrischen Welt von heute könnte die Abschreckung dazu führen, dass kleinere Staaten einen möglichen Angriff durch einen großen Staat wie die USA, Russland oder China mit eigenen Atomwaffen begegnen wollen. Dabei wäre die logische Antwort auf die Gefahr der Weiterverbreitung von Atomwaffen nicht immer mehr militärische Stärke, sondern mehr Vertrauen auf- und die Bedrohungslage abzubauen.

Die deutsche Regierung spielt eine wichtige Rolle bei der notwendigen Veränderung der Sicherheitspolitik, nicht zuletzt bei der Debatte über das strategische Konzept der NATO, das jetzt neu geschrieben wird. Als erster Schritt wäre der Abzug der US-Atomwaffen ein wichtiges Signal, das zeigt, dass Deutschland auf die nukleare Abschreckung verzichtet. Sie können hier eine Postkarte mit dieser Forderung an Verteidigungsminister von Guttenberg mitnehmen und sie ihm schicken.

Und Außenminister Westerwelle muss die Mittelkürzungen bei der Rüstungskontrolle, im Bereich der Menschenrechte und der zivilen Konfliktlösung überdenken. Diese Programme sind die Grundlage einer vernünftigen Sicherheitspolitik.

Es gibt bereits Erfolge zu benennen. Die neue Konvention für die Ächtung von Streumunition ist ein Beispiel, davor war es die Landminenkonvention. Chemische und biologische Waffen sind auch durch Konventionen verboten. Jetzt ist es an der Zeit, eine Atomwaffenkonvention zu verhandeln. Dafür sollte die deutsche Regierung den Vorschlag der jüngsten Konferenz der Bürgermeister für den Frieden in Hiroshima aufgreifen und einen Vorbereitungsprozess für eine solche Konvention unterstützen, in dem sie ähnlich denkende Staaten zu einem Gespräch darüber einlädt. Das würde UN-Generalsekretärs Ban Ki-Moon den Rücken stärken – der heute in Hiroshima ist – und eine Nuklearwaffenkonvention befürwortet.

Auch die Zivilgesellschaft wird weiter verstärkt an diesem Thema arbeiten und zwar in einem großen Bündnis von bekannten Organisationen wie den Bürgermeistern für den Frieden, Middle Powers Initiative, das Parlamentarisches Netzwerk für Abrüstung und Nichtverbreitung und das globale Netzwerk Abolition 2000. Dieses Bündnis handelt unter dem Slogan I CAN – International Campaign to Abolish Nuclear Weapons. Diese Kampagne wird den sehnlichsten Wunsch aller Hibakusha erfüllen: die Abschaffung aller Atomwaffen. Lasst uns damit anfangen.

Xanthe Hall ist Abrüstungsreferentin der IPPNW

Dieser Beitrag hielt sie als Gedenkrede in Berlin bei der Veranstaltung an der Friedensglocke am 6. August 2010.

Hiroshima mahnt – 65 Jahre nach den Atombombenabwürfen

Vor 65 Jahren

Peter Strutynski, Friedensratschlag

Peter Strutynski, Friedensratschlag

Es waren nur wenige Wochen zwischen dem ersten Atomtest im
US-Bundesstaat New Mexico und dem ersten Praxistest in Hiroshima. Am 16.  Juli war die im Manhattan-Projekt entwickelte Atombombe auf dem Testgelände bei Alamogoro gezündet worden; ihre Sprengkraft betrug 21 Kilotonnen TNT. Die Explosion war erfolgreich, aber über die tödliche Wirkung konnte der Test nichts Definitives aussagen. 20 Tage später detonierte die 12,5-Kilotonnen-Bombe mit dem niedlichen Namen „Little Boy“ in Hiroshima, drei Tage später eine weitere Bombe namens „Fat Man“ über Nagasaki. Die Wirkung der Bomben war kolossal: Zwischen 90.000 und 200.000 Menschen starben unmittelbar. Weitere 130.000 Menschen starben bis Jahresende. Bis 1950 war die Zahl der Spätopfer in beiden Städten auf insgesamt 230.000 gestiegen. Strahlenopfer sind auch heute noch in der dritten Generation zu beklagen.

Die Friedensbewegung muss nach den Motiven fragen für dieses
monströse Kriegsverbrechen. Japan war zu dieser Zeit militärisch besiegt und stand kurz vor der Kapitulation. Doch die USA fürchteten, dass ihr Kriegsallierter Sowjetunion – seit der Oktoberrevolution ein politischer Gegner – den sowjetisch-japanischen Nichtangriffspakt kündigen und in den letzten Kriegstagen noch in den Krieg gegen Japan eintreten würde. Dies hätte bedeutet, dass die UdSSR ebenfalls Einfluss auf die Nachkriegsordnung in Japan beanspruchen würde. Der Atombombeneinsatz sollte die japanische Kapitulation beschleunigen und so den sowjetischen Kriegseinsatz verhindern. Zugleich – und das war das zynische Spiel mit der Massenvernichtungswaffe – sollten die Atombomben den Sowjets als Mahnung gereichen: Seht her, wir verfügen über die tödlichste Waffe seit Menschengedenken und wir sind bereit sie auch einzusetzen. Demnach bestimmen wir, wer das Sagen hat im  Pazifischen Raum und in der übrigen Welt.

Kalter Krieg und danach

Doch die UdSSR zog bald nach. 1949 zündete sie ihre erste Atombombe,
1955 ihre erste Wasserstoffbombe. Das Gleichgewicht des Schreckens
etablierte sein zweifelhaftes Angstregime des „Kalten Krieges“. Dazwischen etablieren sich Großbritannien, Frankreich und später die
Volksrepublik China als weitere offizielle Kernwaffenstaaten. Ihnen
folgten Indien, Pakistan und Israel sowie Nordkorea mit eigenen größeren und kleineren nuklearen Potentialen – sozusagen außerhalb des anerkannten Atomclubs der fünf erstgenannten Staaten.

Es werden in den nächsten Jahren unweigerlich neue Staaten dazu kommen – wenn nicht endlich Ernst gemacht wird mit der Verpflichtung aus dem Atomwaffensperrvertrag zur atomaren Abrüstung. Trotz zahlreicher Sonntagsreden über „Global Zero“ sind die Großmächte nicht bereit, mit gutem Beispiel voran zu gehen und ihre Arsenale wirklich auf null zu reduzieren. Um es klar zu sagen: Wer Angst hat vor der iranischen Bombe, muss für einen atomwaffenfreien Nahen Osten antreten – so wie es die Überprüfungskonferenz im Mai d.J. in New York gefordert hat! Und wenn der Iran nur auf den Verdacht hin, er könnte den Besitz von Nuklearwaffen anstreben, von der EU mit den schärfsten
Wirtschaftssanktionen bestraft wird – wie müssen dann die Sanktionen
gegen einen Staat wie Israel aussehen, der nachweislich seit Jahren über mehr als 200 einsetzbaren Kernwaffen verfügt?!

Wofür die Friedensbewegung eintritt

Es führt kein Weg an der atomwaren Abrüstung vorbei, die zunächst jene Staaten beschreiten müssen, die diese Waffen auch haben. Der 6. und 9. August darf deshalb auch kein Tag des ritualisierten Gedenkens werden, sondern muss Anstöße zur politischen Gegenwehr gegen die Atommächte liefern. So versteht die Friedensbewegung ihre Aktionen zum Hiroshimatag: weltweit und hier zu Lande. Über 90 Initiativen haben dieses Jahr Veranstaltungen angekündigt: Sie reichen von einem
Fahrradmarathon (Heilbronn) über nächtliche Lichterdemonstrationen (in den Nächten zum 6. August und 7. August) bis zu Aktionen auf
öffentlichen Plätzen und manchen Gedenkorten (z.B. Hiroshima-Park in
Kiel, Hiroshima-Ufer in Kassel).

Die Hauptforderung der Friedensbewegung an die Atomwaffenstaaten lautet demnach:

  • Verhandelt endlich über eine Nuklearwaffenkonvention mit dem Ziel Global Zero“!

Und an die Adresse der Bundesregierung heißt die Forderung:

  • Verlangen Sie von Barack Obama ultimativ den Abzug der US-Atomwaffen von deutschem Boden!

Peter Strutynski ist Sprecher des Bundesausschusses Friedensratschlag, der diesen Text am 30. Juli 2010 als Presseerklärung herausgab. Der Bundesausschuss ist Veranstalter des Kasseler Friedensratschlags, der jährlich im Dezember stattfindet.

Eine Liste von Veranstaltungen zum Hiroshima-Tag führt das Netzwerk Friedenskooperative.

Titelbild Broschüre von ORL zum Hiroshimatag 2010