Aus den Nebeln der Vergangenheit

Es war ein gewisses Gefühl von Ehrfurcht, das mich da als Neunzehnjähriger ohne praktische Erfahrung auf dem Parkett internationaler Abrüstungspolitik ergriff, als sich die Pforten des erhabenen Europasaals des Auswärtigen Amtes und des Konferenzsaals der Friedrich Ebert-Stiftung für mich öffneten. Umgeben von den altehrwürdigen Eminenzen aus Diplomatie, Militär und Zivilgesellschaft lauschte ich den Bewertungen der Konferenzergebnisse und Debatten über die richtige Vorgehensweise. Gewiss, es hat sich viel getan in den letzten Jahrzehnten. Dass ein FDP-Außenminister „Global Zero“ in einer Eröffnungsrede im auswärtigen Amt als konkretes Ziel ausruft, das zu erreichen nicht nur wünschenswert, sondern auch realistisch ist, hätte man sich wohl zur Zeit meiner Geburt kaum vorstellen können.

Auch sind die Umstände anders als zu jener Zeit. Die Zahl der Atomwaffenstaaten hat sich erhöht, die Gefahren scheinen aus anderen Richtungen zu kommen. Und doch: Die Strukturen des Denkens sind die gleichen geblieben. Alte Begriffe wie „Abschreckung“, „Bündnissolidarität“ und vor allem „Sicherheit“ beherrschen die Diskussionen – vor allem beim „Forum globale Fragen“ im Auswärtigen Amt. Aber was steckt hinter diesen Begriffen? Wie kann man den Begriff „Sicherheit“ überhaupt im Zusammenhang mit Atomwaffen gebrauchen?

Die Antwort fand ein Mitglied des Podiums: Freilich seien diese Argumentationsstrukturen Relikte des Kalten Krieges. Dennoch müsse man sich daran orientieren, wenn man international über Abrüstung verhandle, da nun einmal in diesen Bahnen gedacht werde. Hier ist ein wesentlicher Mechanismus auf den Punkt gebracht. Ob man dafür argumentiert oder dagegen: Indem man auf eines der alten Konzepte eingeht, das wieder auf den Tisch kommt – sei es atomare Abschreckung, begrenzter Atomkrieg, ein Raketenschild oder sonst etwas – lässt man sich in eine kleinteilige Fachdebatte hineinziehen, ohne den Blick auf die Gesamtsituation zu lenken. Dass ein Experte auf dem Podium dieses Phänomen bemerkt, daraus aber keine Konsequenzen zieht, muss daher enttäuschen. Denn obwohl „Global Zero“ als Ziel auf allen Podien als Konsens gelten konnte, obwohl sogar die Atomwaffenkonvention allseits gelobt wurde, obwohl also – oder gerade weil – in vielen Dingen inzwischen Einigkeit besteht, sind Abrüstungsgespräche abgehobene Veranstaltungen für ein Fachpublikum.

Seit dem Ende des kalten Krieges sind die Fachbegriffe der Atomwaffenpolitik aus Medien und Alltag verschwunden und somit fehlt der Bevölkerungsmehrheit, gerade den Jüngeren, für derlei Expertengespräche im doppelten Sinne das Verständnis. Eines war daher im Dialog der NGO-Vertreter untereinander unbestritten: Ob es Fortschritte in der Abrüstung gibt oder nicht; ein Hauptproblem bleibt, dass sich kaum noch jemand dafür interessiert.

Benjamin Paaßen ist Abiturient und absolviert ein Praktikum bei der IPPNW.

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