Frickeln am gordischen Knoten

Xanthe Hall, IPPNW

Xanthe Hall, IPPNW

Atomwaffen verbreiten sich wie ein Karzinom, begleitet von Schmerz und Leiden und niemand will darüber reden, weil sie uns hilflos machen. Dennoch wird jetzt zum ersten Mal wirklich über Atomwaffen geredet. Nicht mehr zu verleugnen, das ist der Anfang im Heilungsprozess.

Atomwaffen haben jedoch einen Zweck. Der wahre Zweck von Atomwaffen liegt in ihrer Zerstörungskraft, in der absoluten Macht, alles zu vernichten. Die ultimative Waffe gegen die Menschheit. Die Fähigkeit zur Zerstörung, anschaulich durch zwei Weltkriege und das Morden von Millionen demonstriert, hat uns zum Abgrund geführt. Da stehen wir nun wippend seit 65 Jahren. Wir haben noch keinen einzigen Schritt zurück getan.

Alles hat jedoch zwei Seiten: positiv und negativ. Uns beschäftigt schon lange der negative Aspekt von Atomwaffen. Andere beteuern, den positiven Aspekt zu wissen. Unsere Antwort darauf bleibt: Nein, sie verhindern keinen Krieg. Nein, sie schützen uns nicht vor grausamen Diktatoren, und so weiter. Das einzig Positive von Atomwaffen liegt darin, uns daran zu erinnern, wo wir stehen und was unsere Aufgabe ist: Frieden schaffen. Das heißt nicht, dass wir Atomwaffen brauchen, um Frieden zu schaffen. Ganz im Gegenteil: um Frieden zu schaffen, müssen wir darüber reden, warum wir Atomwaffen überhaupt besitzen und wie man sie abschafft. Diese Diskussion hat meines Erachtens endlich angefangen.

Weltweit finden die Befürworter der Abschaffung von Atomwaffen die Türen zu den Führungsetagen plötzlich offen – nun, vielleicht nicht gerade in Nordkorea, Frankreich oder Israel. Aber es werden auf einmal Fragen gestellt: Wie ist das zu schaffen? Was sind die Vorbedingungen? Welche sind die ersten Schritte? Wie hoch ist der zu erklimmende Berg? Und: Können wir bereits den Gipfel sehen?

Deutschland ist ein gutes Beispiel. Wer hätte gedacht, dass es so schwierig wird, 20 Atomwaffen los zu werden? Die Debatte über die Rolle der Atomwaffen hat sämtliche Würmer aus der Versenkung innerhalb der NATO gelockt. Plötzlich merken wir, dass – obwohl die Welt sich völlig verändert hat – unseren Einstellungen die Denke des Kalten Kriegs anhaftet. Man redet wieder über Raketenabwehr und gemeinsame Sicherheit – Positionen, die Reagan und Gorbatschow 1986 zum isländischen Verhandlungstisch mitbrachten. Das „alte Europa“ ist mit den Ängsten und dem Misstrauen der neuen NATO-Mitglieder konfrontiert und ist damit gelähmt. Warum schlägt die US-Außenministerin vor, diese alten Relikte abzuschaffen, wenn die Russen ihre taktischen Atomwaffen auch vernichten? Weil sie weiß, dass sie das nicht tun werden. Russland ist genauso unfähig, sich von der alten Denkweise zu befreien. Sie sehen die US-Pläne zu einem „Prompt Global Strike“ und klammern sich verzweifelt an ihr veraltetes atomares Arsenal, als ob es die einzige Antwort wäre.

Der neue START-Vertrag und die neue Atomwaffendoktrin der USA haben uns gezeigt, wie festgefahren die Situation ist. Und auch die Konferenz in New York beweist es. Diese Unfähigkeit, mehr zu erreichen, als Zahlenspiele und kluge Semantik – das ist keine Abrüstung!

Um uns von dieser Geißel zu befreien, reicht es nicht, am gordischen Knoten herumzufrickeln. Er muss durchschlagen werden. Gebraucht wird ein einseitiger, kühner Streich. Ein Streich für den Frieden. Der Abzug der Zweihundert Atomwaffen in Europa wäre ein solcher kühner Streich. Er wäre ein Zeichen des guten Willens, um echte Verhandlungen einzuleiten. Wie können wir Freundschaft schließen, wenn wir Angst vor einem Zeichen der Schwäche (in Wahrheit doch ein Zeichen der Stärke) haben?

Als ich die neue US-Atomwaffendoktrin zum ersten Mal las, war mir klar, warum wir so lange auf dieses Dokument warten mussten. Sie ist die Arbeit einer tief sich im Konflikt befindenden Administration. Es gibt große Visionen und daneben Kleinkrämerei. Man kann die arrogante Angst des Sich-an-die-Macht-Klammerns fast riechen, während Milliarden von Dollar in den nuklearen Abguss geschüttet werden. Gleichzeitig hört man eine schwache Stimme, fast flüsternd: „Aber zukünftig…“. Ja, was ist denn mit der Zukunft? Dieses Dokument ist nicht zukunftsweisend. Es fordert von anderen Ländern, ihre kleinen Machtspuren aufzugeben, während die USA ihre Waffen modernisieren, ihre militärische Stärke weiter ausbauen und in jeder Ecke dieser Welt durchgreifen.

Wäre ich der erklärte oder potenzielle Feind der Vereinigten Staaten, könnte ich nach diesem Dokument bestimmt nicht meine Waffen niederlegen, außer ich wäre ein Mahatma Gandhi. Mit solcher absoluter Hegemonie konfrontiert, würde ich glauben, nur eine Wahl zu haben: nukleare Abschreckung. Auch wenn es Selbstmord wäre, sollten wir sie anwenden müssen. Von der Verschwendung unserer finanziellen Ressourcen, der Vergiftung unserer Bevölkerung und Verseuchung unserer Umwelt nicht zu reden.

Atomwaffen könnten uns dazu bringen, die Bedeutung von gemeinsamer Sicherheit und wie wir sie erreichen verstehen zu lernen. Wir müssen uns in unsere Feinde hineinversetzen und ihre Probleme verstehen. Der Verhandlungsprozess zur Abschaffung aller Atomwaffen bringt einen Austausch über Bedürfnisse und Wünsche mit sich. Er verfolgt deren Erfüllung, um Sicherheit zu schaffen. Eine Nuklearwaffenkonvention ist demnach nicht nur die Reduzierung und Beseitigung von den Waffen. Sie ist auch ein Lernprozess, in dem Vertrauen geschaffen wird und ein Kontrollsystem entwickelt wird – durch Führung (Governance) und gesellschaftliche Kontrolle (societal control) –, das das Vertrauen untermauert. Eine Konvention bedeutet, sich öffnen und transparent werden, um Ängste zu verringern und um als Grundlage für Beziehungen die Realität zu haben, und nicht Annahmen. Sie bedeutet: die Geschichte und die Konfliktursachen verarbeiten sowie Lösungen suchen. Sie führt – in der Tat – zur einen ganz anderen Welt.

Dieser Prozess hätte in New York beginnen können, indem Verhandlungen für eine Nuklearwaffenkonvention mindestens vorbereitet werden. Dies ist nicht geschehen. Wir bleiben also wippend am Rande des Abgrunds, misstrauisch und ängstlich. Manche schauen hinein und schreien entsetzt nach einer Veränderung. Andere haben dem Abgrund den Rücken zugekehrt und täuschen sich vor, dass alles in Ordnung ist. Abgrund? Welcher Abgrund?

Xanthe Hall ist Abrüstungsreferentin der deutschen IPPNW.

Dieser Artikel wird in der nächsten Ausgabe vom IPPNW-Forum erscheinen, das die NPT-Konferenz als Schwerpunkt hat.

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