Simulieren, studieren – und New York genießen auch

Regina Hagen

Regina Hagen

Eine Reise zur Überprüfungskonferenz des Nichtverbreitungsvertrages (NVV) ist nicht so trocken wie das klingt. Auch in der Mitte der zweiten Woche sind immer noch 45 deutsche Jugendliche und junge Erwachsene hier in New York. Sie beobachten die Diplomaten bei den offiziellen Sitzungen und diskutieren mit ihnen; sie besuchen „side events“ der zahlreichen Nicht-Regierungs-organisationen; sie erobern New York und machen auch mal einen drauf; sie betreiben Lobbyarbeit und kreativen Protest; sie reden mit hibakusha (Überlebenden der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki) und Wissenschaftlern; sie plündern Büffets; sie besuchen Botschaften… und sie studieren auch.

Ein Studium der besonderen Art fand statt: 30 Studierende unterschiedlicher Fachrichtungen aus Darmstadt, Frankfurt und Hamburg waren hier zu einem gemeinsamen Seminar. Bereits zu Hause und noch viel intensiver in New York erfuhren sie viel über den NVV und Atomwaffen; über Abrüstung, Aufrüstung und die Modernisierung der nuklearen Arsenale; über diplomatisches Gebaren und die Wichtigkeit von Hintergrundgesprächen; über die Unzulänglichkeiten des Nichtverbreitungsregimes, gebrochene Versprechen, und Hoffnungen auf eine atomwaffenfreie Welt… Und sie wurden selbst aktiv.

Nach einem Seminar-Wochenende in Hamburg im April, einwöchiger Beobachtung und Recherche in New York, einem weiteren Seminar- und Vorbereitungswochenende an der Princeton University und schlafraubenden Koalitionsbildungen und Strategiediskussionen bis zum Schluss war es am Dienstagmorgen endlich so weit: Als Vertreter von 13 Ländern schlüpften die Studies selbst in den Anzug bzw. das Kostüm und damit in die Rolle von Diplomaten und begannen mit ihren eigenen Verhandlungen über eine Nuklearwaffenkonvention. Zwei Artikel standen zur Debatte: der Umgang mit Atomwaffen sowie mit atomwaffenfähigem Material in der Zeit bis zur atomwaffenfreien Welt.

Sie hatten ihre Rollen gut vorbereitet. Wie Diplomaten klangen sie, oft genau so gestelzt und auf den Vorteil ihres Landes bedacht wie die Profis im Hauptquartier der Vereinten Nationen. Mit Verve verfochten sie ihr Recht auf die zivile Nutzung von Atomenergie, bauten Hürden für die Verhandlungen auf, schufen Neben(kriegs)schauplätze, reizten sich bis zur Weißglut und die Verhandlungsregeln bis zum Äußersten aus, strapazierten die Geduld der Verhandlungsführer (jeweils einen halben Tag lang Dr. Sidhu vom EastWest Institut, Botschafter Labbé von Chile, der schottische Parlamentarier Bill Kidd und zum Abschluss nochmals Botschafter Labbé), befragten technische und andere Experten, amüsierten die Beobachter, stritten um Phrasen und Konzepte und Ideen. Und doch war alles ganz anders als sonst.

Die „redliche Absicht“, gemeinsam konstruktive und allseits akzeptable Verhandlungsergebnisse zu erreichen und damit dem Ziel einer Welt ohne Atomwaffen näher zu kommen, stand meist fast greifbar im Raum. So ergaben sich unerwartete Koalitionen: Einmal brachten Ägypten, Israel und Iran einen gemeinsamen Änderungsantrag ein, das nächste Mal bildeten Deutschland, USA, China, Israel und Iran eine Koalition. Dann ein echter Paukenschlag: Um die festgefahrenen Verhandlungen wieder in Schwung zu bringen und neben dem guten Willen auch reale Beweglichkeit zu beweisen, künden die USA den Rückzug und die überprüfte Vernichtung sämtlicher Atomwaffen an, die noch in Europa gelagert sind.

Die jungen Menschen brauchten viel Kreativität und Sitzfleisch, um unter Wahrung der Interessen aller ihr Verhandlungsziel zu erreichen.  Manchem Kompromiss stimmten sie nur mit Stirnrunzeln zu. Aber sie haben es „denen“ im Hauptquartier gezeigt: Ist der (politische) Wille da, dann tun sich auch Wege zu „Global Zero“ auf.  Das erfordert Geduld, Kooperation und harte Arbeit. Die „After Simulation Party“ hinterher macht aber umso mehr Spaß. Und morgen lockt dann nochmals einen Tag lang unbeschwert New York.

Regina Hagen ist aktiv in der Kampagne „unsere zukunft – atomwaffenfrei“ und Redaktionsmitglied der Zeitschrift „Wissenschaft & Frieden„.

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