Offener Brief von Martin Otto an die Staatsanwaltschaft Koblenz

Wir dokumentieren hier den offenen Brief von Martin Otto an die Koblenzer Staatsanwaltschaft

 

Martin Otto, Frankenstr. 77, 35578 Wetzlar, den 1.9.2016

Offener Brief

an die Staatsanwaltschaft, Deinhardpassage 1, 56068 Koblenz

Kopien an
Amtsgericht, Ravenéstr. 39, 56812 Cochem
Taktisches Luftwaffengeschwader 33, Fliegerhorst, 56823 Büchel
Bundesministerium der Verteidigung, Fontainengraben 150, 53123 Bonn
Bundesverfassungsgericht, Schloßbezirk 3, 76131 Karlsruhe
Mailinglisten der Friedensbewegung
Presseorgane – mit der Bitte um redaktionelle Bearbeitung und Veröffentlichung

Gewaltfreier Widerstand am Atomwaffenstützpunkt Büchel/Südeifel

Bezug: Schreiben von Oberstaatsanwalt Tries vom 6.7.2016 (Az: 2010 Js 38077/16) wegen Sitzblockaden am Atomwaffenstützpunkt Büchel

Betr.: Wiederaushändigen meines von der Polizei Cochem am 9.8.2016 am Fliegerhorst Büchel beschlagnahmten Bolzenschneiders

Sehr geehrter Herr Oberstaatsanwalt Tries,
sehr geehrte Damen und Herren,

am 9.8.2016, dem 71. Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Nagasaki, habe ich aus Protest gegen die völkerrechtswidrige Bereithaltung von Atombomben der USA auf dem Bundeswehr-Fliegerhorst Büchel mit meinem Bolzenschneider eine Sachbeschädigung am Zaun des Fliegerhorsts unternommen. Anschließend habe ich mich – da es sich um eine Aktion des gewaltfreien Zivilen Ungehorsams handelte – bereitwillig einer Bundeswehr-Streife und einer Streife der Polizei Cochem gestellt. Ich habe die Schnitte in den Zaun absichtlich an einer Stelle sehr nahe an der vorbeiführenden Bundesstraße ausgeführt, um alsbald entdeckt zu werden. Gewaltfrei war die Aktion insofern, als dabei zwar Militäreigentum beschädigt wurde, jedoch zu keiner Zeit eine andere Person eine körperliche oder auch nur verbale Gewalt gegen sich befürchten musste.

Für den Fall, dass meine Sachbeschädigung nicht angeklagt wird, bitte ich darum, mir mitzuteilen, was ich tun muss, damit mir mein Bolzenschneider wieder ausgehändigt wird. Die Polizisten, die am 9.8.2016 meine Personalien aufgenommen haben, sagten mir, ich solle mich deswegen an die Staatsanwaltschaft wenden.

Die Wahrscheinlichkeit, dass meine Handlung nicht angeklagt wird, mag gering sein, ist aber denkbar, da Sie, Herr Oberstaatsanwalt Tries, auch die Ermittlungsverfahren wegen Nötigung gegen MitstreiterInnen von mir und gegen mich eingestellt haben, nachdem wir zum wiederholten Male Zufahrtstore des Bücheler Fliegerhorsts durch Sitzblockaden versperrt hatten. In Ihrem Schreiben vom 6.7.2016 haben Sie uns mitgeteilt, es erscheine Ihnen „vertretbar, das Geschehen (der Sitzblockaden) nicht weiter strafrechtlich zu verfolgen“. Mit dem Einstellungsbescheid einher ging Ihre „Belehrung und Hoffnung auf Einsicht“, dass unsere Blockaden „weitreichende Folgen für Verkehrsteilnehmer (z.B. Auffahrunfall) und Anwohner (z.B. Verzögerung medizinischer Hilfeleistungen)“ haben können. Als ich mit dem Bolzenschneider ein Loch in den Militärzaun geschnitten habe, war gewährleistet, dass mit dieser Aktion keine solchen „weitreichenden Folgen“ riskiert wurden. Ich bin gespannt, ob Sie es auch im Falle meiner Sachbeschädigung für vertretbar halten, das Geschehen nicht weiter strafrechtlich zu verfolgen. Das würde ich begrüßen, zumal ich eine vielfache Wiederholung dieser gewaltfreien „Abrüstungs“-Aktion auch durch viele andere GegnerInnen der Atomwaffenpolitik für höchst wünschenswert halte. Nachdem Forsa in einer Umfrage im März 2016 festgestellt hat, dass sich 85 Prozent der BundesbürgerInnen für einen Abzug der Nuklearwaffen von deutschem Boden aussprechen, hoffe ich darauf, dass es vielen MitbürgerInnen so geht wie mir und ihnen das staatliche Unrecht der Atomwaffen-Lagerung als so schwerwiegend erscheint, dass sie sich im Gewaltfreien Widerstand dagegen nicht auf bloßes Demonstrieren, Mahnen, Protestieren und Teilnahme an Sitzblockaden beschränken können. Dann kann in verstärktem Maße politischer Druck auf die Verantwortlichen ausgeübt werden mit dem Ziel, dass diese dem erwähnten staatlichen Unrecht ein Ende setzen.

Sollte ich jedoch wegen meiner Sachbeschädigung angeklagt werden, so bin ich entschlossen, vor Gericht – und wenn nötig auch durch mehrere Instanzen hindurch – meine Handlung ausführlich zu rechtfertigen und meinerseits das Recht auf gewaltfreien Zivilen Ungehorsam aus Protest gegen dieses staatliche Unrecht einzuklagen. Im Falle einer rechtskräftigen Verurteilung würde ich voraussichtlich eine Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht einlegen. Vor Jahren hat es bereits drei Mal ähnliche Verfassungsbeschwerden gegeben, eingelegt von vieren meiner MitstreiterInnen, die Ende der 1990er Jahre ähnliche Sachbeschädigungen am Zaun des Bücheler Atomwaffenstützpunkts unternommen hatten, deswegen rechtskräftig verurteilt worden waren und ihre Strafen zum Teil in Gefängnissen verbüßt hatten. Wenn ich wegen meiner Aktion vom 9.8.2016 rechtskräftig zu einer Geldstrafe verurteilt werden sollte, bin ich entschlossen, diese als Ersatzfreiheitsstrafe zu verbüßen, wie ich dies schon mehrmals getan habe – auch schon mehrmals nach Verurteilungen wegen gewaltfreier Aktionen in Büchel. Seit Jahrzehnten habe ich mit Vorbedacht meine Einkommens- und Vermögensverhältnisse so eingerichtet, dass ich nicht in der Lage bin, Geldstrafen zu bezahlen. Was die früheren Verfassungsbeschwerden meiner MitstreiterInnen angeht, so hat sich das Bundesverfassungsgericht jedes Mal um eine Auseinandersetzung mit der juristischen Argumentation herumgedrückt und die Sachen schließlich mit unbegründeten Nichtannahmeentscheidungen abgeschlossen. Die völkerrechtlichen, verfassungsrechtlichen und strafrechtlichen Argumente der Beschwerden sind also bisher nie vom BVerfG entkräftet worden. Das Unrecht der Atomwaffen-Stationierung auf deutschem Boden besteht nicht nur, aber auch in einem Verstoß gegen den Atomwaffen-Sperrvertrag.

Meine Aktion und ihre möglichen juristischen Folgen verbinde ich mit einem zweifachen Appell: Zum einen an die Verantwortlichen in Politik, Justiz und Militär, das staatliche Unrecht zu beenden. Zum anderen an den Großteil der Friedensbewegung, der – wie es schon vor einiger Zeit einmal formuliert wurde – „den Weltenbrand“ (durch Nuklearwaffen-Einsätze) herannahen sieht und gleichzeitig darauf hofft, „mit Spucke löschen“ zu können: Mit lediglich demonstrativen Aktionen wird das Ziel einer atomwaffenfreien Welt nicht zu erreichen sein.

Teilen Sie mir bitte mit, ob und wie mir mein Bolzenschneider alsbald wieder ausgehändigt werden kann.

Mit freundlichen Grüßen

(gez. Martin Otto)

am Antikriegstag, 1. September 2016

[Anmerkung Redaktion: Die Veröffentlichung von Artikeln auf diesem Blog bedeutet nicht, dass die HerausgeberInnen des Blogs mit den Inhalten in allen Punkten übereinstimmen]

Sicherheitsmängel in europäischen US-Atomwaffenstützpunkten erkannt

Schutbauten für Atomwaffen im Incirlik US-Stützpunkt, Türkei. Bild: FAS

Man kann davon ausgehen, dass in US-Luftwaffenstützpunkten auf europäischem Boden über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg Nuklearwaffen unter unzureichenden Sicherheitsbedingungen gelagert wurden. Denn zurzeit werden diese Stützpunkte umgebaut, damit diese sicherer werden.

Bilder von kommerziellen Satelliten zeigen, dass die Luftwaffenstützpunkte in Incirlik (Türkei) und Aviano (Italien) nachgerüstet werden, um den physischen Schutz der dort gelagerten Atomwaffen zu erhöhen. Das zeigt indirekt, dass über viele Jahre hinweg die Sicherheit in den US-Atomwaffendepots in Europa unzureichend gewesen sei.

Die Entscheidung, die Einzäunung des Atomwaffenlagers in den beiden US-Stützpunkten nachzurüsten, impliziert, dass die anderen vier europäischen Atomwaffenstützpunkte ebenfalls als unzureichend bezeichnet werden können.

Sicherheitsprobleme in Incirlik sind besonders gravierend für die NATO, weil sich dieser Stützpunkt lediglich 110 km vom Krieg zerrissenen Syrien entfernt befindet. Darüber hinaus bestehe auch weiterhin ein bewaffneter Konflikt zwischen türkischen Militärs und kurdischen Aufständischen. Es gilt zu Hinterfragen, ob es von der NATO besonders weise ist, den größten Teil ihres nuklearen Waffenarsenals in einer solch unruhigen Region zu deponieren.

Nachrüstung am Stützpunkt in Incirlik
Der Stützpunkt in Incirlik ist das größte Lager für Atomwaffen in Europa. Es gibt 25 unterirdische Schächte, die im Jahr 1998 in Flugzeugschutzbauten (PAS – Protective Aircraft Shelter) gebaut wurden. In jedem dieser Schächte können bis zu vier Atombomben gelagert werden, somit würde dies eine Gesamtkapazität von 100 Atombomben für den Stützpunkt bedeuten. Im Jahr 2000 wurden 90 Atombomben (drei bis vier pro Schacht) des Typs B61 gelagert. Davon waren 40  Bomben aus den Luftwaffenstützpunkten Balikesir und Akinci, die ursprünglich mithilfe von türkischen F-16 Jets im Ernstfall eingesetzt werden konnten. Heute liegen in Incirlik geschätzte 50 Atombomben (zwei bis drei in jedem der 21 Schächten).

Die neue Einzäunung, die den höheren Sicherheitsstandards gerecht wird, umfasst den sogenannten NATO-Bereich, das schließt 21 der unterirdischen Schächte mit ein (die vier weiteren unterirdischen Schächte befinden sich in einem Gebiet, das sich außerhalb des Bereichs für Kernwaffen befindet, das in den Zeiten des Kalten Kriegs verwendet wurde). Diese Einzäunung besteht aus einem 4.200m langen Doppelzaun mit Fluter, Überwachungskameras, Einbruchmeldevorrichtungen und einer Straße auf dem Patrouillenfahrzeuge zwischen den beiden Zäunen fahren können. Insgesamt gibt es fünf oder sechs Einfahrten einschließlich drei  für Flugzeuge. Für den Bau ist Kuanta Constructions (Subunternehmer der Aselsan Cooperation) vom türkischen Verteidigungsministerium beauftragt worden.

Umbauten werde im US-Stützpunkt Incirlik durchgeführt. Foto: FAS

Umbauten werde im US-Stützpunkt Incirlik durchgeführt. Foto: FAS

Zudem sollen auch die Anlagen aufgerüstet werden, in denen die Lastwagen für die Instandhaltung der Atomwaffen (sogenannten WMT – Weapon Maintenance Trucks) untergestellt werden. Diese Anlagen befinden sich außerhalb des Sicherheitsbereichs an der westlichen Seite. Die WMTs sollen auch aufgerüstet werden bzw. durch neue Anhänger vom Typ SMTS (Secure Transportable Maintenance System) ersetzt werden.

Incirlik spielt für die NATO-Atomwaffendoktrin in Europa eine besondere Rolle, denn es sind nicht zu jedem Zeitpunkt Jagdbomben verfügbar, die in der Lage sind, Atombomben zu tragen. Auch wenn die türkische Regierung kürzlich erlaubt hat, dass die US-Luftstreitkräfte von dem Stützpunkt aus Luftangriffe fliegen dürfen, so ist sie nicht der Forderung nachgekommen, dass ein Jagdgeschwader auf Dauer dort stationiert wird. Es gibt darüber hinaus keine bestimmten Geschwader, die für den Einsatz der in Incirlik gelagerten Atombomben vorgesehen sind. Vielmehr müssten diese Atomwaffen von einem Geschwader aus einem anderen Stützpunkt abgeholt werden, um sie dann ins Kriegsgebiet einzusetzen.

Nachrüstung am Stützpunkt in Aviano
Im Norden Italiens, auf dem Stützpunkt in Aviano, ist ein weiteres Bauprogramm in Gange, das die Sicherheit erhöhen soll. Im Gegenteil zu Incirlik verfügt dieser Luftwaffenstützpunkt über ein Jagdgeschwader, das Atomwaffen tragen kann. Dabei handelt es sich um das „31. Fighter Wing“, das aus zwei Jagdgeschwadern des Atomwaffen tragenden Typs F-16C/Ds besteht. Zum einen dem „519. Buzzards“ Jagdgeschwader und dem „555. Triple Nickle“. Diese beiden Jagdgeschwader waren wegen des NATO-Einsatzes im Ukraine-Konflikt vermehrt im Einsatz und einige der F16 Jagdbomber sind momentan in Incirlik im Einsatz, um die Kampfeinsätze in Syrien zu fliegen.

Nachrüstung im US-Stützpunkt Aviano (Italien) scheint fast abgeschlossen zu sein. Foto: FAS

Nachrüstung im US-Stützpunkt Aviano (Italien) scheint fast abgeschlossen zu sein. Foto: FAS

Insgesamt können seit 1996 auf diesem Stützpunkt 72 Atombomben in 18 Schächten in Schutzbauten eingelagert werden. Lediglich 12 dieser Schutzbauten werden von dem neuen Sicherheitsbereich umfasst, der innerhalb der gerade im Bau befindlichen neuen Einzäunung liegt. Geht man nun davon aus, dass die Atombomben zukünftig nur in diesen Schutzbauten gelagert werden, müsste insgesamt die Anzahl von Atombomben reduziert worden sein.

Kurz nach der Fertigstellung der Schächte im Jahr 2000 wurden in Aviano 50 Atombomben gelagert (zwei bis drei pro Schacht). In den 12 Schutzbauten im neuen Sicherheitsbereich ließen sich maximal 48 Atombomben einlagern, wenn die volle Kapazität ausgeschöpft wird. Das heißt nur 25-35 Atombomben bleiben in Aviano gelagert.

Die Kosten der NATO Nuklearsicherheit
Es gibt nur unvollständige öffentlich zugängliche Informationen darüber, wie viel das geplante Nachrüstungsprogramm für die US-Luftwaffenstützpunkte kosten wird. Allerdings wurden bereits einige Informationen von offizieller Stelle bereitgestellt.

Die „Blue Ribbon“ Überprüfung der US-Luftwaffe  stellte im Jahr 2008 fest, dass die „meisten“ US-Luftwaffenstützpunkte in Europa nicht die Sicherheitsstandards erfüllen, die denen des US-Verteidigungsministeriums entsprechen. Drei Jahre später, im November 2011, informierte der stellvertretende Staatssekretär des Verteidigungsministeriums James Miller den US-Kongress, dass die NATO im Zeitraum 2011-2012 63,4 Millionen US-Dollar für die Anpassung von den US-Luftwaffenstützpunkten an die Sicherheitsstandards des US-Verteidigungsministeriums ausgeben wird. Zwischen 2013-2014 sollten weitere 67 Millionen US-Dollar für die Lagerung von Waffen ausgegeben werden.

Im März 2014 gab das US-Verteidigungsministerium im Rahmen des Haushaltsantrags bekannt, dass die NATO seit 2000 80 Millionen US-Dollar in Infrastrukturmaßnahmen für die Lagerung von Atomwaffen in Belgien, Deutschland, Italien, Niederlande und der Türkei investiert hat. Weitere 154 Millionen US-Dollar seien geplant, um die Anpassung an die strengen Vorgaben des US-Verteidigungsministeriums zu erfüllen.

Ein Monat später gab im April 2014 Andrew Weber, Staatssekretär des US-Verteidigungsministeriums, Verantwortlicher für das atomare, chemische und biologische Verteidigungsprogramm, im US-Kongress bekannt, dass aus gemeinsamen NATO-Finanzmitteln mehr als 300 Millionen US-Dollar, also ca. 75%, für die Nachrüstung der Infrastruktur des B61-Lagers ausgegeben wurde. Elaine Bunn, stellvertretender Staatssekretär im US-Verteidigungsministerium und verantwortlich für Fragen zu Atomwaffen und zur Raketenabwehr, fügte hinzu, dass es schwierig sei, einen festen Betrag zu nennen, den die NATO-Staaten 2014 bezahlt hat. Weil die finanziellen Mittel für solche Stützpunkte in der Regel aus den Haushalten der jeweiligen Staaten, wo die Atomwaffen lagern, bereitgestellt werden. Bunn gab zusätzliche Einblicke in die Investitionen zur Sicherheit und Nachrüstung sowie Infrastruktur, die in den europäischen Atomwaffenlagern getätigt wurden. Die Mittel sollen durch das „NATO Security Investment Program“ (NSIP) bereitgestellt werden. Darunter fallen vier Projekte, die sich mit der Einlagerung von Atomwaffen befassen, sogenannte „Capability Package Upgrades“, seitdem das ursprüngliche Programm 2000 bewilligt wurde.

Zusätzlich zum Nachrüstungsprogramm, das die Sicherheit erhöhen soll, sollen noch weitere Projekte dieser Art in Planung sein. Es soll eine neue Unterstützungsanlage (WS3 vault support facility), und ein Operationszentrum zur Steuerung der Atomwaffengeschwader (MUNSS = Munitions Support Squadrons) bei Kleine Brogel Stützpunkt in Belgien und eine WS3-Anlage bei Ghedi in Italien errichtet werden.

Schlussfolgerungen und Empfehlungen
Als mir eine Kopie des „Blue Ribbon“ Überprüfungsberichts der US-Luftwaffe durch den „Freedom of Information Act“ zukam, habe ich ihn auf dem „Strategic Security„ Blog der Federation of American Scientists zugänglich gemacht. Besonders interessant war an diesem Bericht, dass die „meisten“ Atomwaffenlager in Europa den Sicherheitsstandards der USA nicht gerecht wurden, allerdings wurde dies sowohl von der US-amerikanischen, wie den europäischen Regierungen, abgewiesen.

US-Atomwaffenlager in Europa (2015). Quelle: FAS

US-Atomwaffenlager in Europa (2015). Quelle: FAS

In einer Debatte im niederländischen Parlament wies der niederländische Verteidigungsminister dies ebenfalls ab und versicherte, dass „in Volkel Sicherheit und Schutz in Ordnung“ sei. Ein Delegierter des US-Kongresses, der zur Untersuchung des Falls nach Europa gereist ist, sagte mir, es gäbe lediglich kleinere Probleme und diese könnten mit routiniertem Management behoben werden. Diese Meinung habe ich in weiteren Gesprächen mit Beamten wiederholt erlebt.

Seitdem sind sieben Jahre vergangen und 170 Millionen US-Dollar ausgegeben. Durch die Umbauten in Incirlik und Aviano erfahren wir implizit, dass die Lagerung in den US-Luftwaffenstützpunkten über zweieinhalb Jahrzehnte hinweg nicht sicher war und dass das Vertrauen der Beamten in die USA und Europa fehlgeleitet war, obwohl sie 2010 von europäischen FriedensaktivistInnen gemahnt wurden.

Abschließend drängt sich noch eine weitere Frage auf: Die NATO hat beschlossen, es sei notwendig die Einzäunung des Atomwaffenlagers in Aviano und Incirlik zu verbessern. Heißt das, dass alle weiteren Atomwaffenstandorte in Europa (Büchel, Ghedi, Kleine Brogel und Volkel) unzureichend gesichert sind? Jedenfalls wurde Ghedi laut veröffentlichten Polizeidokumenten aus Italien kürzlich von Terroristen angeschaut.

Nur mal so aus Neugier.

Verfasst von Hans Kristensen (Federation Of American Scientists)

Dieser Artikel wurde durch finanzielle Unterstützung der New Land Foundation und Ploughshares Fund ermöglicht. Die darin enthaltenen Meinungen gehören nur dem Autoren.

Übersetzung: Marek Jessen / Xanthe Hall. Originalartikel in englischer Sprache.

Blockade vor dem Gerichtsprozess zu den Büchel65-Aktionen

Demonstration vor dem Gericht in Cochem. Foto: atomwaffenfrei

Am 22. Juni 2016 gab es im Amtsgericht Cochem den 1. Verhandlungstag wegen „büchel65“-Aktionen im Frühjahr 2015. Carsten Orth erschien mit einem Rechtsanwalt als Verteidiger. Er hatte ja im November Einspruch eingelegt gegen einen Strafbefehl (80 Tagessätze = 2400 Euro), in dem er beschuldigt wird, Veranstalter von 22 der 27 Blockadeaktionen gewesen zu sein, die im Rahmen von „büchel65“ stattgefunden haben. An diesem 1. Verhandlungstag wurden eine Zeugin und zwei Zeugen vernommen: eine Frau von der Kreisverwaltung Cochem-Zell und zwei Polizisten. Nachdem Carsten Orths Verteidiger beantragt hatte, auch die 15 anderen im Strafbefehl genannten ZeugInnen zu laden (allesamt Blockade-TeilnehmerInnen), beschloss der Amtsrichter, die Verhandlung am Montag, 11.7.2016 um 9 Uhr fortzusetzen. Gut 30 Leute haben den Verhandlungsverlauf beobachtet; er begann um 9 und endete um ca. 14.15 Uhr.

Vorher – von 6 bis 7.30 Uhr – haben wir mit etwa 20 Leuten in Büchel vier Fliegerhorst-Tore blockiert. Es gab Personalienfeststellungen, aber keine Festnahmen (wie es ja bei allen bisherigen Büchel-Blockaden in 2016 keine Festnahmen gab.) Die vier Blockierenden am Lutzerather Tor wurden von der Polizei geräumt, einer bekam Handschellen verpasst. Von 8.15 bis 8.45 Uhr haben wir dann eine Mahnwache vor dem Gerichtsgebäude in Cochem gehalten – mit etlichen Transparenten und vielen Gehsteig-Malereien.

Das war der 23. Hauptverhandlungstag wegen Aktionen in Büchel, die von der GAAA (mit)organisiert worden sind. Carsten war die 42. Person, die deswegen in einem Amtsgericht auf der Angeklagtenbank Platz nehmen durfte. Übrigens gibt es seit kurzem eine Übersicht „Büchel vor Gericht“ zu lesen: auf den Seiten 5 bis 8 in der aktuellen Ausgabe des FreiRaum (Beiheftung „Im Blick„). Auch Hermann Theisen hat dazu einen Artikel beigesteuert. Er hat ja bekanntlich am 12. Juli um 13.30 Uhr Berufungs-Verhandlungstermin im Landgericht Koblenz wegen seiner Aufrufe an Büchel-Soldaten, die Öffentlichkeit über die militärischen Abläufe und Hintergründe der Atomwaffen-Stationierung zu informieren. Damit sind also Verhandlungen wegen Büchel-Aktionen für zwei aufeinanderfolgende Tage terminiert: 11.7.2016 AG Cochem (Carsten) und 12.7.2016 LG Koblenz (Hermann).

Martin Otto, Gewaltfreie Aktion Atomwaffen Abschaffen (GAAA)

 

Bild oben: Demonstration vor dem Gericht in Cochem. Foto: atomwaffenfrei

Christen aus Eifel / Mosel haben einen Bildstock gegen Atomwaffen errichtet

Bildstock auf der Friedenswiese vor dem Atomwaffenlager Büchel. Bild: atomwaffenfrei

Es ist eine alte Tradition in der Eifel, dass Christen bei großer Sorge um den Frieden und bei Gefahr gemeinsam einen Bildstock errichten. Die Menschen drückten mit dem gemeinsamen Bau eines Bildstocks ihre Bitte an Gott um Frieden und Schutz ihrer Heimat aus und zugleich dient der Bildstock als Mahnung für die kommenden Generationen, den Frieden zu bewahren. Viele Bildstöcke im Kreis Cochem-Zell zeugen davon. Viele Bildstöcke in der Region entstanden im Umfeld der zahlreiche Kriege, die die Eifel seit dem 16. Jahrhundert überzogen haben und viele Opfer forderten.  Nach den Weltkriegen oder zur Erinnerung an Unfälle wurden auch im vergangenen  Jahrhundert Bildstöcke errichtet. Heute ist das selten geworden.

Ein christlicher Bildstock mit einem Andachtsbild wurde vom 14.-16. Juni 2016 auf der Friedenswiese nahe der Einfahrt zum Fliegerhorst Büchel errichtet. Er entstand auf Initiative des Versöhnungsbundes der Regionalgruppe Cochem-Zell  in Zusammenarbeit mit Pax Christi Trier und zeigt auf einer gravierten Schiefertafel das Bild „Christus zerbricht das Gewehr“. Otto Pankok schuf es 1950 als Protest gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands. Für die christlichen Kirchen sind „Atomwaffen ein Verbrechen an Gott und der Menschheit“  (Vgl. Ökumenischer Rat der Kirchen sowie 2. Vatikanisches Konzil). Der Bildstock soll diese Botschaft allen Menschen, die dort vorbeikommen, als dauerhafte Mahnung mitgeben,  denn bei Büchel lagern die letzten Atomwaffen Deutschlands. Der Bildstock wurde aus alten Feldbrandsteinen gemauert, ist etwa 90 cm breit und knapp 2 Meter hoch.

schiefertafelIn einer feierlichen Andacht mit über dreißig Teilnehmerinnen und Teilnehmern wurde der Bildstock am 18. Juni ökumenisch eingesegnet. Rüdiger Lancelle (Cochem) dankte allen, die zur Errichtung des Bildstockes beigetragen haben und verwies auf die zahlreichen Dokumente und Aussagen der Evangelischen Kirche zur Ablehnung von Atomwaffen. Veronika Raß, Pastoralreferentin des katholischen Dekanats Cochem betonte bei der Einsegnung: „Nicht mit Gewalt, sondern durch das Kreuz hat Jesus die Welt gerettet. Ihr haltet eine Hoffnung wach: Auf eine Welt ohne Kernwaffen. Ihr habt in Papst Franziskus einen Mitstreiter gefunden, der ein kategorisches Nein zum Besitz und Einsatz von Atomwaffen ausgesprochen hat.“  Mit Liedern, Fürbitten, Gebet und einem Vaterunser wurde der Bildstock feierlich eingesegnet und dann seiner Bestimmung übergeben.

Kontakt: Dr. Elke Koller (Leienkaul) für den Initiativkreis des Internationalen Versöhnungsbundes, Regionalgruppe Cochem-Zell mail: dr.elke.koller@t-online.de

Bild oben: Bildstock auf der Friedenswiese vor dem Atomwaffenlager Büchel. Bild: atomwaffenfrei

Wenn (Mahn-)Wachen vor Wachtoren wachen und Flieger hinter Fliegern fliegen

Foto: Frauennetzwerk für den Frieden

Eineinhalb Tage vor dem Atomwaffenstandort Büchel

Ich stehe hier, weil ich überzeugt bin, dass Atomwaffen abscheuliche Waffen sind, die innerhalb weniger Stunden das ganze Leben auf unserer Erde auslöschen oder das Genmaterial künftigen Generationen zerstören könnten. Ich bin entsetzt, dass die 20 in Büchel lagernden US-Atombomben nicht wegkommen, sondern kostspielig mit neuen, zielgenaueren Sprengköpfen aufgerüstet werden sollen. Die Umrüstung in Büchel allein wurde mit 100 Millionen Euro benannt. Deshalb  habe ich ganz bewusst die Verpflichtungserklärung unterschrieben, dass ich so lange  einmal im Jahr hier anwesend sein werde, bis Büchel atomwaffenfrei ist.

Ich stehe wieder einmal auf dem Kreisel gegenüber dem Haupttor, dem Beispiel anderer  friedensbewegter Männer und Frauen folgend. Ich will, dass mich die Menschen hier sehen, die Leute aus der Region, die in den Kreisverkehr ein- und ausfahren, die vielen Soldaten und wenigen Soldatinnen sowie die Zivilangestellten, die in den Fliegerhorst abbiegen oder aus dem Militärgelände herauskommen.

Sie sollen nicht sagen können:  „Ich hatte keine Ahnung, was wir tun.“

Auf meinem Transparent steht:
Atomwaffen sind

  • illegal
  • undemokratisch
  • töten sadistisch wieder und wieder

Ich kann die Atombomben nicht sehen von hier aus, doch ihr Vorhanden-Sein wird konkreter.  Wachen, Schranken, Zäune, Wälle, Uniformen, Abzeichen  werden zum Symbol der undemokratische Geheimhaltung und der militaristischen Hierarchie und Sicherheitslogik.  Die Militärfahrzeuge, die LKWs mit den Logos der privaten Zulieferer und Baufirmen, die PKWs des Personals, der Lärm der aufsteigenden Tornados machen die ungeheure Geldverschwendung dieses Übungsbetriebs für Atomwaffengebrauch greifbar.

Kommt nach Büchel, motiviert euch mit einer Verpflichtungserklärung für die Zukunft! Die gute Beratung, Betreuung und Unterstützung durch das Team vor Ort machen es leicht, hier zu sein.  Vielen Dank, Marion Küpker und Ernst-Ludwig Iskenius.

Irmgard Hofer, Internationale Liga für Frieden und Freiheit, IFFF, http://www.wilpf.de

 

20 Wochen gegen 20 Atombomben:
Frauen-Mahnwache in Büchel

Bild: Fraunnetzwerk für den Frieden

Die Aktion „20 Wochen gegen 20 Atomwaffen“ der Kampagne „atomwaffenfrei.jetzt – Büchel ist überall!“ wurde am Montag, dem 23.05.16, in Büchel tatkräftig vom Frauennetzwerk für Frieden (FNF) unterstützt. Zu fünft machten wir uns aus Bonn mit Bannern und Friedensfahnen auf den Weg, um Teil der Mahnwache zu werden. Von 11 bis 17 Uhr harrten wir vor den Toren des Fliegerhorsts Büchel aus, um zusammen mit weiteren Frauen und Männern der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF/WILPF) an die Lagerung der Atomwaffen zu erinnern und für ihre Abrüstung zu demonstrieren. Die Forderung Bertha von Suttners: „Die Waffen nieder!“ hatten wir auf unserem eigens für die Mahnwache angefertigten Banner mit „Atomwaffen auch!“ ergänzt. Außerdem war die Silhouette ihrer Stele am Bertha-von-Suttner-Platz in Bonn in leuchtendem Blau auf dem Banner sichtbar. So wurde den ein- und ausströmenden Bundeswehrsoldat_innen und auch den vielen anderen Autofahrer_innen, die den Verkehrskreisel passierten, unsere Botschaft deutlich. Viele der Vorbeifahrenden nickten uns zustimmend zu, andere machten mit ihren Fingern das Peacezeichen. Durch unsere bunten Peace-Fahnen und Banner konnten wir bestimmt viele Menschen erreichen und auf die Negativfolgen von Atomwaffen und besonders auf ihre Lagerung in der sonst so friedlichen Eifel hinweisen.
Um auch weiterhin in Erinnerung zu bleiben, haben wir unser FNF-Banner auf der Friedenswiese kurz vor der Einfahrt zum Fliegerhorst hinterlassen. Dort können sich alle Organisationen, die sich in den 20 Wochen an der Kampagne beteiligt haben, „verewigen“ und ein Zeichen des Friedens hinterlassen.
Linda Schmittmann (Praktikantin beim Frauennetzwerk für Frieden e.V., http://www.frauennetzwerk-fuer-frieden.de)

Überwältigendes Votum für Abzug und Verbot von Atomwaffen

Fotoaktion zum Kampagnenstart auf Kirschblütenfest in Hannover. Foto: Heidemarie Dann

Friedensorganisationen erhöhen Druck auf Politik mit neuer Kampagne „Büchel ist überall – atomwaffenfrei.jetzt“

Zum Start der Kampagne „Büchel ist überall – atomwaffenfrei.jetzt“ beauftragte die IPPNW das Forschungsinstitut Forsa mit einer Umfrage zu Atomwaffen. Das Ergebnis ist herausragend und motivierend zugleich.

Eine überwältigende Mehrheit von 85% der Bundesbürger spricht sich dafür aus, dass die auf deutschem Boden gelagerten Atomwaffen abgezogen werden. 93% befürworten nach der neuesten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa (17./18. März 2016), dass Atomwaffen, ähnlich wie Chemie- und Biowaffen, völkerrechtlich verboten werden sollen. 88% sprechen sich dagegen aus, dass die USA die in Deutschland gelagerten Atomwaffen durch neue und einsatzfähigere Waffen ersetzen, wie es für das Jahr 2020 geplant ist.

Dies ist ein klarer Auftrag der Bevölkerung an die Bundesregierung, endlich den Bundestagsbeschluss vom 26. März 2010 umzusetzen. Damals hatten die Bundestagsabgeordneten fraktionsübergreifend den Abzug der Atomwaffen aus Deutschland und den engagierten Einsatz für eine atomwaffenfreie Welt gefordert.

Und so begann die Kampagne genau sechs Jahre nach diesem Beschluss mit einer Fotoaktion am Atomwaffenlager Büchel, dem dortigen Ostermarsch zwei Tage später sowie weiteren Fotoaktionen bei etlichen anderen Ostermärschen.

Drei symbolische Orte der Bedrohung mit Atomwaffen sind für die Kampagne in diesem Jahr ausgemacht:

  • Büchel, der Stationierungsort von Atomwaffen in Deutschland,
  • Berlin, wo die deutsche Atomwaffenpolitik entschieden wird,
  • die NATO-Konferenz in Warschau im Juli, wo die zukünftige Atomwaffenstrategie der NATO festgelegt wird.

Seit dem 26. März und bis 9. August (Nagasaki Gedenktag) laufen in Büchel an möglichst vielen Tagen Mahnwachen oder symbolisch bunte Aktionen. Hier ein Bericht der ersten Woche von Ernst-Ludwig Iskenius.

Ob Aktionen des zivilen Ungehorsams geplant sind, entscheiden Gruppen autonom. So wurde im April in einer Kunstaktion ein Gewehr durch die DFG-VK zersägt, wenige Tage später wurde vor dem Haupttor Geburtstag gefeiert. Hier sind die ersten Fotos von Aktionen in Büchel.

Weitere Friedensorganisationen, regionale Friedensgruppen und lokale Friedensinitiativen, aber auch Einzelpersonen sind eingeladen, in eigener Verantwortung nach Büchel zu kommen, um gegen die bestehende und zunehmende atomare Aufrüstung ihren Widerstand entgegen zu stellen. Die IPPNW, der Internationale Versöhnungsbund sowie Aktionsgruppen wie z.B. die GAAA, Pressehütte Mutlangen etc. haben schon ihre Beteiligung zugesagt.

Auf einer nahe dem Haupttor liegenden „Friedenswiese“ werden seit Ende März die mitgebrachten Friedenssymbole als Zeichen des Dauerprotestes aufgestellt oder -gehängt. Ankommende Gruppen und Einzelpersonen werden von Personen vor Ort empfangen, eingeführt und begleitet.

Nur mit euch können wir den öffentlichen Druck für die Abrüstung und für ein Verbot der Atomwaffen bis zur Bundestagswahl 2017 erhöhen.

Grüße vom Kampagnenrat!

Bild oben: Beim Kirschblütenfest in Hannover am 17. April wurde eine Fotoaktion zum Kampagnenstart gemacht. Foto: Heidemarie Dann

Der nukleare Bunkerbuster B61-12

Einschätzung der Treffgenauigkeit der B61-12-Bombe. Bild: Kristensen/FAS

Bei der neuen Atombombe B61-12 handelt es sich nicht um eine nur laufzeitverlängerte bestehende Nuklearwaffe, sondern ihre Fähigkeiten werden ausgeweitet. Von einer lediglich abgeworfenen Bombe, die durch die Schwerkraft zum Boden fällt, wird sie zu einer gelenkten Waffe mit erhöhter Zielgenauigkeit, die auch in die Erde eindringen kann.

Die Nationale Nuklearsicherheitsbehörde (National Nuclear Security Administration – NNSA) veröffentlichte kürzlich Bilder der Abwurftests dieser Atombombe im Oktober 2015. Diese zeigen die B61-12, wie sie in einen Zielkreis einschlägt, aber ohne zu zeigen, wie die Bombe in die Erde eindringt.

Eine Aufnahme des Sandia Atomwaffen-Labors (siehe Sandia National Laboratories video), die von der New York Times zur Verfügung gestellt wurde, zeigt die B61-12 jedoch, wie sie vollständig in den Erdboden eindringt. Eine längere Version des Videos ist erhältlich auf der Webseite der Los Alamos Study Group (Los Alamos Study Group web site).

Die Bedeutung der Fähigkeit, in die Erde einzudringen
Der Tatsache, dass die B61-12 unter die Erdberfläche eindringen kann, hat signifikante Auswirkungen auf die Zielauswahl, für die die Bombe ausgerichtet ist. Eine Atomwaffe, die unterirdisch detoniert, überträgt ihre explosive Energie viel effizienter in den Boden. Sie ist damit wesentlich effektiver in der Zerstörung tief vergrabener Ziele, die der nuklearen Zerstörung im entsprechenden Bereich ausgesetzt sind. Im Gegensatz dazu führt eine oberirdische Detonation zu einer breiteren Verteilung der explosiven Energie auf der Oberfläche.
Dies zeigen zwei Ergebnisse aus der Studie der National Academies „Effects of Earth-Penetrator and other Weapons“ aus dem Jahr 2005:

„Die notwendige Sprengkraft einer Atomwaffe, um verhärtete und tief unterirdische Ziele zu zerstören, reduziert sich um einen Faktor zwischen 15 und 25 – weil sie durch die gekoppelte Schockwelle im Boden gesteigert wird – wenn die Waffe ein paar Meter unter der Oberfläche detoniert wird“
und

„Nuclear earth-penetrator weapons (EPWs) – zu dt. erdeindringende Atomwaffen – mit einer Eindringtiefe von 3 Metern, können die Vorteile der Erdschockwelle erzielen.“

Angesichts der Länge der B61-12 von etwa 3 ½ Metern und der im Video gezeigten Fähigkeit, vollständig unter der Erdoberfläche in der Wüste von Nevada zu verschwinden, wird es deutlich, dass die  B61-12 eine erweiterte Nutzung der Bodenschockwelle (Explosion-Aufprall-Kopplung) erreichen kann, um unterirdische Ziele zu zerstören. Wir wissen, dass der Plan der B61-12 vier Explosionsgrößen vorsieht: 0,3 Kilotonnen (kt), 1,5 kt, 10 kt und 50 kt. Auf der Grundlage der Ergebnisse aus der Studie der National Academies ist das maximale Zerstörungspotenzial der B61-12 gegen unterirdische Ziele gleichzusetzen mit einer oberirdischen Waffenexplosion mit einer Sprengkraft von 750 kt bis 1.250 kt.

Eine der Bomben, die das Pentagon aus dem Verkehr zu ziehen plant, nachdem die B61-12 stationiert ist, ist die B83-1, deren Maximalbereich bei 1.200 kt liegt. Selbst bei einer geringen Fläche von nur 0,3 kt würde die Nutzung der Bodenschockwelle einer B61-12, die ein paar Meter tief im Untergrund explodiert,  einer oberirdischen Waffenexplosion von 4,5 kt bis 7,5 kt entsprechen.

Die Bedeutung der erhöhten Zielgenauigkeit
Es wird vermutet, dass die bestehenden B61-Typen (B61-3,-4,-7,-10) bereits eine begrenzte erdeindringende Fähigkeit besitzen, aber mit einer sehr viel geringeren Zielgenauigkeit als die B61-12. Die einzige offizielle „nukleare Bunkerbrecher“  im U.S. Arsenal ist die nicht lenkbare B61-11, die ihre geringere Genauigkeit mit einer massiven Zerstörungskraft von 400 kt ausgleicht. Gekoppelt mit der Bodenschockwelle ist eine Sprengkraft von 400 kt – laut der Ergebnisse der National Academies – gleichzusetzen mit einer oberirdischen Explosion von 6 bis 10 Megatonnen (Mt). Die B61-11 hat die alte B53 ersetzt, die als bunkerzerstörende Bombe im Kalten Krieg eine Zerstörungskraft von 9 Mt hatte. Die B61-11 kann in gefrorenen Boden eindringen; es ist bisher nicht bekannt, ob die B61-12 eine ähnliche Fähigkeit hat. Bisher ist keine Laufzeitverlängerung der B61-11 geplant. Sie ist auch nicht Teil des sogenannten 3+2 Plans der NNSA für das Atomwaffenarsenal und es wird erwartet, dass sie ausrangiert wird, wenn ihre Lebensdauer 2030 abläuft.

Die spezielle und einmalige Fähigkeit der B61-12 ist die erhöhte Zielgenauigkeit, die das neue Heckteil liefert. Die Kombination von erhöhter Treffgenauigkeit, Erdeindringung und niedriger Sprengkraft erlaubt die Auswahl von bestimmten Zielen. Darüber hinaus kann die B61-11 nur mit dem B2-Bomber geflogen werden, während die neue B61-12 mit allen neuen Kampfflugzeugen F-35A, F-16, F-15E und dem PA-200 Tornado zum Einsatz kommen kann.

Wie präzise die B61-12 letztendlich wird, bleibt noch geheim, aber wir schätzen , dass ihre Zielgenauigkeit voraussichtlich in einem Radius von 30 Metern liegt. Auf dem Foto der NNSA und dem Video von Sandia ist es nicht zu erkennen, wie genau die Bombe beim November Test eintraf. In beiden Aufnahmen ist es eindeutig zu erkennen, dass die B61-12 innerhalb eines Kreises eintrifft, wobei der komplette Kreis nicht im Bild zu sehen ist und der Winkel zu niedrig ist, um den Durchmesser zu bestimmen. Man kann aber ausrechnen, dass die Bombe weniger als 30 Meter von der Kreismitte eintraf.

Diese erhöhte Zielgenauigkeit und erdeindringende Fähigkeit wird Angriffsplanern ermöglichen, eine geringere nukleare Sprengkraft – verglichen mit den bisherigen B61 und B83-Bomben – für die gleichen Ziele einzusetzen.
Die geringere Sprengkraft wird den radioaktiven Fallout des Angriffs reduzieren, was die B61-12 für eine geplante Kriegsführung attraktiver macht und weniger Widerstand bei den politischen Entscheidungsträgern erzeugen würde.

Widersprüche  
Die Fähigkeit der B61-12 in die Erde einzudringen, bevor sie explodiert, wie es im Video zu sehen ist,  erhöht die Fähigkeit, zusätzliche unterirdische Ziele anzugreifen – besonders in Kombination mit der erhöhten Zielgenauigkeit. Dies eröffnet eine größere Palette von möglichen Optionen zur Zerstörung von unterirdischen Zielen durch nukleare Sprengsätze mit geringerer Sprengkraft, als die bisherigen Bomben aus dem bestehenden Arsenal erlauben. Wir glauben, dass dies zu einer erweiterten und verbesserten militärischen Fähigkeit führt, die im Widerspruch zur verkündeten Politik der Obamas-Administration steht, wonach keine neuen technologischen Fähigkeiten für Atomwaffen entwickelt werden sollen.

Der New York Times Artikel ist gut geschrieben, da er die Widersprüche zwischen den Äußerungen einiger Verantwortlicher deutlich macht: Madelyn Creedon (NNSA) leugnet die neuen Fähigkeiten der B61-12, während der früheren Verteidigungs-Untersekretärs für Politik James Miller dieselben Fähigkeiten begrüßt. Dazuhin ist der Artikel scharfsinnig, weil er die Selbstverpflichtung des Weißen Hauses zitiert (White House pledge), keine neuen militärischen Fähigkeiten zu verfolgen:

“Die USA werden keine neuen Nuklearsprengköpfe entwickeln oder neue Militärmissionen oder neue Fähigkeiten für Nuklearwaffen verfolgen“

statt die Formulierung in der Nuclear Posture Review (NPR):

„Die Vereinigte Staaten werden keine neue Atomsprengköpfe entwickeln. Lebensdauerverlängerungen (Life Extension Programs, LEPs) verwenden nur nukleare Komponenten auf der Grundlage von Designs, die bereits getestet sind, und unterstützen keine neue Militärmissionen oder liefern neue militärischen Fähigkeiten.“

Dies ist wichtig, weil die etwas schwammigere Formulierung in der NPR einigen Beamten und Rüstungsfirmen zu argumentieren erlaubt, dass das Versprechen, keine neue Militärmission oder neue Militärkapazitäten zu verfolgen, sich nur auf die Sprengköpfe bezieht und nicht auf Nuklearwaffen an sich. Dies mag sich pedantisch anhören; aber es hilft das Statement des Weißen Hauses bei Verwirrung zu klären, was gemeint ist: es sind ‚Waffen‘ und nicht nur ‚Sprengköpfe‘.

Die Beamte können behaupten, die B61-12 hätte keine neuen militärischen Fähigkeiten, weil die USA doch bereits die Fähigkeit besitzen, überirdische und unterirdische Ziele angreifen zu können. Sie berufen sich auf die Tatsache, dass der Sprengkopf innerhalb der Bombe  – der sog. “physics package” – derselbe bleibt wie in Zeiten des Kalten Krieges. Aber die Kombination von gesteigerter Genauigkeit und begrenzter Erddurchdringung erlaubt der B61-12 unterirdische Ziele mit einem geringeren radioaktiven ‚Fallout‘ zu erreichen. Das ist eine neue militärische Fähigkeit.

Im Jahr 2011, bevor das B61-12 Entwicklungsprogramm den Punkt erreichte, ab dem es kein Zurück gab, schickte das FAS einen Brief an das Weiße Haus und das Verteidigungministerium. In dem Brief zeigten wir den Widerspruch zwischen der Regierungspolitik und den Implikationen der Nuklearstrategie auf. Das Weiße Haus hat nie geantwortet.

Sorgen um die Bombe
Die erdeindringende Fähigkeit der B61-12 mag zwar weniger gering als die des existierenden B61-11 Bunkerbrechers sein und weniger genau als die konventionelle GPS-geleitete ‚Smart-Bombe‘. Dennoch zeigt das Sandia Video die Vielseitigkeit der neuen Waffe, die von strategischen wie nicht-strategischen Flugzeugträger in den Vereinigten Staaten und in Europa getragen wird.

Eine solche Fähigkeit fordert die Frage heraus, gegen welche Ziele in welchen Ländern  die B61- 12-Atombomben eingesetzt werden sollen und unter welchen Umständen der Gebrauch solcher Waffen durch den Präsidenten befohlen werden könnte. Die Studien der National Academies schlussfolgern außerdem, dass die Erddurchdringung einer Nuklearwaffe die Auswirkungen einer Explosion eingrenzen könnte. Die Nebenwirkungen werden jedoch vermutlich dieselben sein wie bei einer oberirdischen Explosion. Diese Ergebnisse sprechen besonders dafür, die B61-12 auf Bunker unterhalb der Erdoberfläche abzuwerfen.
Außerdem fordern die bedeutenden Verbesserungen der nicht-nuklearen Bunkerbrecher die Frage heraus, warum es überhaupt nötig ist, die Fähigkeiten der bestehenden B61-Bomben zu steigern.

Sowohl die USA als auch Russland (und andere Staaten im Besitz von Nuklearwaffen) haben umfangreiche und teure Modernisierungen ihres nuklearen Arsenals auf den Weg gebracht. Was wir gegenwärtig erleben, liegt zwischen parallelen Bemühungen darum, die Arsenale des Kalten Krieges wieder zu beleben, und einem neuen Wettrüsten. Dieses wird durch die Ausweitung von existierenden Waffen und die Produktion neuer oder deutlich modifizierter Typen in Gang gesetzt, und ohne nukleare Testexplosionen durchgeführt.

Die wichtigsten Fähigkeiten für die nukleare Abschreckung sind Stabilität, Kontrolle und Sicherheit: einschließlich der täglichen Prozeduren für die Zurückhaltung im Falle des drohenden Einsatzes, gute Kommunikationskanäle zwischen den Atommächten und Vorsichtsmaßnahmen gegen einen zufälligen, unautorisierten Gebrauch nuklearer Waffen. Gegenwärtig erfordert dieser Bereich intensive Arbeit, da die Beziehungen zwischen den USA und Russland momentan schwieriger werden, weswegen einige AnalytikerInnen eine nukleare Aufrüstung fordern. Das Sandia Video, das zeigt, wie die B61-12 in die Erde gleitet wie ein heißes Messer in ein Stück Butter, macht die Situation nicht besser.

Autoren:
Hans Kristensen ist der Direktor des ‚Nuclear Information Projektes‘ an der Federation of American Scientists (FAS).

Matthew McKinzie ist der Direktor des Nuklear-Programms am ‚Natural Resources Defense Council‘.

Dieser Artikel erschien in Original auf dem Blog „Strategic Security“ der FAS

Die Forschungen für diese Veröffentlichung wurde durch Unterstützung der Carnegie Corporation of  New York, der New Land Foundation und  des Ploughshares Fund ermöglicht. Die hier geäußerten Positionen und Bewertungen stehen ausschließlich in der Verantwortung der Autoren.

Bild oben: Einschätzung der Treffgenauigkeit der B61-12-Bombe. Bild: Kristensen/FAS

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